Mit als Musik meine Sprache wurde liegt die erste Autobiographie des Grafen von Unheilig vor. Viel ist über diesen Mann in den letzten Jahren geschrieben, spekuliert und in ihn herein-geheimnisst worden. Wohl ein logischer Schritt, sich nach diversen nicht authorisierten Biographien selbst zu Wort zu melden, denn nach der Lektüre ist eins klar: die diversen Mythen, die um den Grafen gewebt wurden - er hat sie selber so nicht forciert oder gewollt.
Der Graf hat eine steile Karriere hingelegt in den letzten Jahren, eine Karriere, für die er lange Jahre ehrgeizig und unter Inkaufnahme diversen Verzichts hart gearbeitet hat. Vor drei/vier Jahren noch waren Unheilig und der Graf so ezwas wie die heimlichen Stars der Gothic-Szene, von dieser verehrt, ge-und behütet. Der Erfolg des Liedes "Geboren, um zu leben", des zugehörigen Albums "grosse Freiheit" und der Wechsel zum Major Label Universal brachten schließlich den ganz großen Erfolg und die Musik einer wesentlich breiteren Masse näher. Was die Entfremdung zur ehemaligen "schwarzen" Fanbase bis hin zur Auflösung des Unheilig-Fanclubs nach sich zog. In der Autobiographie findet man allerdings explizit dazu wenig, kann sich aber nach der Lektüre so einiges zusammenreimen.
Von vorne: Als Musik meine Sprache wurde ist zum größten Teil der Buchdruck der Graf'schen Erinnerungen, welche der Luxus-Edition des Albums "Grosse Freiheit" beilagen. Unter dem Titel "bis zur grossen Freiheit" hatte der Graf in diesem Heft seinen Werdegang beschrieben, klar, authentisch und ehrlich. Im Buch nun sind es im wesentlichen diese Erinnerungen, ordentlich lektoriert, aber auch um einiges Interessante, wie z.B. die Konzertreise mit ASP gekürzt. Diese Erinnerungen reichen bis ins Jahr 2010, eben bis zur grossen Freiheit. Es schließen sich weitere Kapitel an, die wahrscheinlich vom Co-Autor Michael Gösele verfasst und vom Grafen freigegeben wurden. Zum literarischen Wert dieser Biographie kann man lediglich sagen, dass sie gut lesbar ist und durchweg als authentisch empfunden werden kann.(Was nicht abwertend gemeint ist, im Zweifelsfall finde ich das besser als so manche hochgestochene, künstlich aufstilisierte Autobiographie.)
Was also erfährt der geneigte Leser nun bei der Lektüre? Freundlich ausgedrückt: schon so einiges und auch wieder nichts. Was den eigentlichen Lebenslauf angeht, seinen familiären Hintergrund , seinen Werdegang bleibt vieles im Ungenauen. Lässt man das Gelesene im Nachhinein Revue passieren, bleibt dazu nicht viel mehr als: DER GRAF war mal DAS KIND und ein schlechter DER SCHÜLER. Weil er jung war und das Geld brauchte, wurde er DER SOLDAT, komponierte gerne DIE MUSIK, lernte doch einen anständigen DER BERUF, arbeitete nebenbei an DAS PROJEKT und erntete schließlich DEN ERFOLG. Das war es dazu im Großen und Ganzen. Und genau das erklärt meines Erachtens DAS MIßVERSTÄNDNIS, welches sich nach wie vor um Unheilig und den Grafen zieht. Der Graf mag von Gott weiß woher kommen, woher er nicht kommt, ist die Gothic Szene. In diese hat es ihn mit seinem Projekt Unheilig mehr oder weniger zufällig verschlagen, weil von da eben das erste und größte Interesse an seiner Musik kam. Nicht mehr, nicht weniger. Was nicht heisst, dass er sich in dieser Szene nicht wohlfühlt und das Publikum nicht zu schätzen weiss. Was aber eben auch bedeutet, dass er diese Szene nie als das allein-selig-Machende begriffen hat und sich immer schon ein großes Publikum gewünscht hat.
Das ganz große Publikum hat er nun und damit sind wir an dem Punkt, wo der Graf wohl derzeit selbst einem Mißverständnis erliegt. Die schwarze Szene mag ja durchaus ein wenig intolerant und besitzergreifend betreff unheiliger Musik gewesen sein - was ich allerdings aus eigener Erfahrung und Konzertbesuchen aus der Zeit vor dem großen Hype so nicht bestätigen kann - die jetztige Schlagergemeinde ist um einiges intoleranter. Die Chronik eines unheiligen Tages in Gelsenkirchen, beschreibend eines der ersten Konzerte umringt von Wendler Muttis und wagemutigen Schlagerkonzert-Besuchern war da nur der Anfang. Die Prognose, dass sich der Unheilig-Hype verliert, weil die jetzige Fanbase zu wankelmütig und zu sehr auf Eintagsfliegen geeicht ist, ist wohl nicht zu gewagt. Wobei, es ist irgendwo schon schade, denn auch nach der Lektüre verstärkt sich der Eindruck, dass der Graf selbst sich gar nicht nicht allzu sehr verändert hat. Ebenso wie die Musik. Denn mal ehrlich, vom Astronauten bis zur Freiheit, der Unterschied ist marginal.
Eigentlich waren wir ja alle darauf eingestellt, Unheilig 2015 wieder in der Matrix* zu sehen, aber ich denke, das werden wir nicht mehr erleben. Unheilig nämlich ist - und das ist die zweite Erkenntnis, die man aus dem Buch ziehen kann - tatsächlich ein Projekt und keine Band, will auch gar keine sein. Schon gar keine Band wie die toten Hosen, die einen großen Teil ihres Erfolgs auch aus der Fünf-Freunde-die-schon-eine-gemeinsame-Grabstätte-haben-Attitüde beziehen. Es gibt Stellen im Buch, da schimmert eine echte Leidenschaft durch. Stellen, wo man den Grafen schwärmen hört, wo man genau merkt, das ist es, woran sein Herz hängt, was ihn erfüllt. Es sind dies die Passagen wo er davon berichtet, wie er sein Studio nach und nach erweiterete, nach und nach die Muße und das Geld hatte, sich dorthin zurückziehen zu können. zu tüfteln, zu komponieren, zu produzieren. Somit drängt sich eine zweite Prognose auf: Wenn es mit Unheilig zu Ende ist, dann wird er genau das wieder tun. Komponieren, tüfteln, produzieren. Ein Projekt hat nun mal eine begrenzete Haltbarkeitsdauer und dem Grafen wird sicherlich ein guter Ruf in der Branche bleiben. Möglicherweise wird er für andere Künstler komponieren, diese produzieren und damit genauso glücklich sein.
Kurz zu einem weiteren Aspekt, der das Buch durchaus lesenswert macht. Der Graf thematisiert seine Sprachprobleme, sein frühes Stottern, seine damit verbundenen Ängste, aber auch, wie er diese immer wieder neu überwindet. Er tut dies so, dass es explizit Mut macht und dafür gebührt ihm, der so vieles lieber nicht preisgibt, durchaus Anerkennung.
Mein Fazit zu Unheilig bleibt auch nach der Lektüre weitestgehend unverändert:
Ich gönne dem Mann seinen Erfolg, er hat ihn sich hart erarbeitet und er hat vor allem gezeigt, dass man auch in Zeiten von Casting-Shows mit Zielstrebigkeit weiterkommt. Ich würde mich für ihn freuen, wenn er als Musiker anerkennt bleibt und als dieser weiter seinen Weg geht. Auf Unheilig- Konzerte kriegt mich trotzdem keiner mehr, meine Nerven halten Wendler-Muttis einfach nicht aus.
Unheilig - die offizielle Autobiographie
Als Musik meine Sprache wurde
Riva-Verlag München, 2013, 286 Seiten
ISBN Print 978-3-86883-210-5
ISBN E-Book 978-3-86413-144-8
*Music-Hall in Bochum















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