Ist Genre-Literatur schlechter? Sind die Klassiker bessere Bücher? Verdient alles den Titel Literatur, was zwischen Buchdeckel gepresst wird (ganz zu schweigen von eBooks).
Diese Debatte geht gerade um. Sie ist, genau genommen, ein ziemlicher Zombie, ist seit Jahrzehnten nicht totzukriegen (erinnere ich mich falsch oder war schon in der Romantik der Roman als eitle Zeitverschwendung verpönt? Denis Scheck hat sich in der Stuttgarter Zeitung etwas holprig dazu geäußert ("Nichts gegen Fantasy"), beschränkt sich aber im Wesentlichen auf eine Analyse der Meinung der etablierten Literaturgemeinde, und schließt etwas schwach mit einer Verteidigung des Eskapismus.

Ein interessanter Ansatz findet sich im New Yorker ("It’s Genre. Not That There’s Anything Wrong With It!"). Er konzentriert sich nicht nur auf Fantasy, sonder umfasst alle Genres - SciFi, Fantasy, Krimi, Thriller, also Unterhaltungsliteratur im Allgemeinen. Arthur Krytal, der hier Stellung zu einem früheren Text bezieht, analysiert gekonnt die Unterschiede zwischen E(rnsthafter) und U(nterhaltender)-Literatur. Interessanterweise ist das Argument des Eskapismus keines, dass er zur Unterscheidung heranführt. Auch wehrt er sich gegen den Vorschlag, dass sich Genre-Literatur vor allem durch die Bedeutung der Handlung auszeichnet. Auch klassische Literatur, so Krystal, kann duuchaus einen starken Plot haben.

Es ist vielmehr die Erwartungshaltung, die der Leser an die verschiedenen Arten von Fiktion hat. In Genres erwartet man nicht den ausgezeichneten Schreibstil, der sich in der klassischen Literatur findet. Sie erwarten eine Handlung, die sie mitreißt, Charaktere, die sie inspirieren und die sie nachvollziehen können (was natürlich in der E-Literatur genau so ist). Es ist eine Dichotomie von Kraft und Kunstfertigkeit, die die beiden Literaturarten unterscheidet.

Warum also verkaufen sich die Genres so gut, und warum hat der anspruchsvolle Literaturbetrieb solch ein Problem damit? Wie bei allen Dingen auch lernt doch auch der Leser durch die Übung. Nach 100.000 Seiten Vampirroman, Zauberschülerwälzer und Tolkienfortsetzung wird er ganz automatisch höhere Ansprüche entwickeln. Es stört doch auch keinen, dass wir alle in jungen Jahren Spaghetti mit Ketchup jedem Haute Cuisine-Gericht vorziehen.

Oh je, habe ich gerade Fantasy mit Ketchup gleichgesetzt? Ich möchte mich und meine Bekannten ausdrücklich davon ausnehmen. Sorry.

Zurück zur Frage, warum der Literaturbetrieb so allergisch reagiert. Hat er Angst, marginalisiert zu werden? Oder fürchtet man, durch die Schwemme an weniger kunstfertigen Schreibern den Status als Kunst- und Kulturform zu verlieren (inklusive der staatlichen und gesellschaftlichen Förderung, die damit einher geht? Man denke an das Streitthema Buchpreisbindung)? Oder hat der Elfenbeinturm ein Humordefizit, der es seinen Bewohnern schwer macht zu akzeptieren, dass nicht alle Menschen (in der Tat, nur die wenigsten) so ungezwungen mit der Literatur umgehen?