Das schlechteste Buch, das er geschrieben hat
Die Liebe des alternden und todkranken Cantwell zur 19jährigen Venezianerin Renata „ist so sehr als ein andauernder Gleichklang beschrieben, daß sich die ausführlichen Liebesdialoge, die sich durch das ganze Buch ziehen, beinahe bis zur Blödigkeit wiederholen. So ist der Roman vollkommen statisch, ohne jede eigentliche Aktion oder Entwicklung, das Paar besucht ‚Harry's Bar’, speist im Hotel ‚Gritti’, setzt sich in eine Gondel, streift durch Venedig, und überall stehen Cantwells alte Freunde herum...“ (Hans-Josef Ortheil: Venedig. Eine Verführung. München/Wien 2004 S. 113) Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen!
Hemingway litt an Schreibblockade, weil die Abenteuer aus jüngeren Jahren nicht zu wiederholen und die Freunde abhan­den gekommen waren. Er verfiel in heftiger Liebe zur 19jährigen Adriana Ivancich, deren älterer Bruder im II. Weltkrieg schwer verwundet und deren Vater im Sommer 1945 vor seinem Haus Opfer eines Attentats geworden war. Freunde wa­ren als Soldaten im Krieg umgekommen und ein Teil des Familienbesitzes der Ivancich bei Bombenangriffen zerstört worden. Nur seine (4.) Ehefrau bewahrte Hemingway vor den größten Peinlichkeiten. Adriana Ivancich - verheiratete Gräfin Rex - leistete sich ´später die Peinlichkeit, den Einband zur Rowohlt-Ausgabe von „Über den Fluß und in die Wälder“ zu entwerfen, was sie aber wieder wettmachte, indem sie bald nach dem Tod von Hemingway dessen an sie gerichtete Lie­besbriefe versteigern ließ. Ihre Erinnerungen Il Torre Bianco brachten nicht genug Erlöse.

Statt einer Erzählung, die ebenso dramatisch wir grotesk mit der Geschichte Venedigs vor dem Hintergrund des II. Welt­krieges und der Zeit danach hätte verknüpft werden können, entschied sich Hemingway, die Stadt lediglich als Kulisse seiner Erzählung zu verwenden, die auch jeder andere schöne Ort der Welt gut hätte abgeben können. Diese Kulisse steht ebenso wie Cantwells alte Freunde in der Gegend herum, um dem Gelegenheiten zu bieten, sich immer wieder als doch eigentlich toller Kerl zu präsentieren. Ich meine, das Wort „Maulheld“, das „im Kern den Tatbestand“ trifft (Angelika Corbineau-Hoffmann: Paradoxie der Fiktion. Literarische Venedigbilder 1797-1984. Berlin/New York 1993 S. 479 Anm. 191), ist hier keineswegs zu hart und banal. Und was soll man zu Hemingways Vergleich der Kirche Santa Maria del Giglio mit einem Jagdbomber sagen?
Wenigstens ist das Buch, an dem „sich die Legende von ‚Papa’ Hemingway (bildete), der zwischen dem Gritti und Har­ry’s Bar als lebendige Venedig-Reklame verkehrte“ (Franz Loquai (Hg.): Das Licht von San Marco: ein Venedig-Lesebuch. München 2002 S. 450), weiter für die Stadt werbewirksam. Allerdings nicht ganz zu unrecht soll Giuseppe Cipriani gesagt haben: „Schauen Sie, es war umgekehrt! Ich, mein Lokal haben Reklame für ihn gemacht. Nicht zufällig hat er den Nobelpreis nachher bekommen, nicht vorher.“ (Zit. n. Werner Ross: Venezianische Promenade. Berlin 1996 S. 282; etwas anders, aber sinngleich ist dieser Standpunkt von Giuseppe Cipriani zit. bei Gehard Tötschinger Venedig für Fortgeschrittene. Wien 2009 S. 214)

Lassen Sie sich nicht von mir täuschen: Dieses Buch steht haushoch über vielem, was sonst so in Bücherregalen, ja so­gar auf Bestsellerlisten zu finden ist - von Grabbeltischen ganz zu schweigen!

Ernest Hemingway
Über den Fluß und in die Wälder
rororo 33. Auflage 1961
ISBN-10: 349910458X
ISBN-13: 978-3499104589