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  • Wilhelm Ruprecht Frieling - ABC der Verlagssprache

    Der Titel dieses großartigen Nachschlagewerks ist vornehmes Understatement pur, denn es wird weit mehr geboten als das mitunter etwas trockene Fachchinesisch der Verlagssprache und damit ist die Lektüre nicht nur lehrreich, sondern zudem durchaus unterhaltsam; dafür bürgt der Name des Autors.

    Erklärt werden neben der Geheimsprache der Verlage Begriffe aus dem Handwerk des Buchdruckens und –bindens, unterschiedliche Papierarten, Feinheiten der Sprache und Grammatik, diverse Lyrik- und Prosaformen und natürlich alles aus den Bereichen Elektronik und E-Publishing, Frielings aktuell bevorzugte Tummelplätze. Wer also neugierig ist, was sich z.B. hinter »Drelfie«, »Ebarbieren« und »Elefantenrüssel« verbirgt, wird hier rasch fündig.

    Das Werk ist als Taschenbuch und E-Book verfügbar, letzteres bietet neben dem geringeren Preis den weiteren Vorteil, dass man dank der komfortablen Verlinkung zielsicher zwischen den verschiedenen Begriffen hin- und herspringen kann; die Möglichkeiten moderner Technik sind hier voll ausgeschöpft.

    Kaum jemand ist wohl kompetenter und prädestinierter für die Veröffentlichung eines solchen Lexikons als Rupi Frieling, der sämtliche Formen des Schreibens und Publizierens nicht nur von der Pike auf gelernt, sondern während seines gesamten Berufslebens auch praktiziert hat. Das Werk reiht sich nahtlos ein in die lange Linie seiner Bücher für Autoren und ist nicht nur für Self Publisher unverzichtbar.

    Wilhelm Ruprecht Frieling
    ABC der Verlagssprache
    Internet-Buchverlag 2015
    ASIN: B00RW21EN6

  • Die vierzig Geheimnisse der Liebe

    Elif Shafak, Die vierzig Geheimnisse der Liebe
    Kein und Aber pocket, 9783036959122, 12,90€

    Seelenverwandt sind sie, der allseits verehrte und universal gebildete Geistliche Maulana Dschalal ad-Din, genannt Rumi, und der Wanderderwisch Schams-e Tabrizi. In der anatolischen Stadt Komya treffen sich die beiden Männer im Jahre 1244 zusammen und sind fortan unzertrennlich. Sie befruchten sich gegenseitig und ergänzen einander in ihren theosophischen Erkenntnissen. Schams holt den etablierten Gelehrten gleichsam vom Sockel und zeigt ihm die Untiefen des Lebens. Liebe solle das Gerüst des Glaubens sein und das Miteinander der Menschen bestimmen. In sich selbst solle ein jeder Kraft und Frieden finden und jegliche Gewalt verwerfen, sich immer wieder auf die Reise ins eigene Selbst begeben und das Gute wie das Schlechte gleichermaßen annehmen. Doch Rumis streitbare Zeitgenossen und seine liebende Familie beobachten seinen Wandel mit Argwohn. Und obgleich Schams den lediglich regional bekannten Geistlichen Rumi zum später weltberühmten Dichter und Mystiker macht, trachten einige dem unbequemen Wanderderwisch nach dem Leben...
    Die türkischstämmige Autorin Elif Shafak erzählt diese Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln. Neben Rumi und Schams läßt sie auch Rumis Ehefrau, seine Söhne und Pflegetochter, Bettler, Trinker, Huren und andere Mitwirkende zu Wort kommen. So werden Zeitgeist und die Stimmung in der Stadt lebendig sowie der Kontrast zu Rumis wegweisender Lehre von der ewigen Liebe überdeutlich.
    Die weniger mitreißende Rahmenhandlung ist in einer amerikanischen Kleinstadt angesiedelt und kreist um das Schicksal der 40jährigen Ella. Die fürsorgliche Familienmutter möchte nebenher als Lektorin arbeiten und wird gleeich durch das erste Manuskript in ihren Grundfesten erschüttert. "Süße Blasphemie" heißt das Werk und stellt Ellas eingefahrenen Alltag, ihre Ehe und das Verhältnis zu ihren Kindern in Frage. Es geht um den Sufi-Dichter Rumi und seine vierzig Geheimnisse der Liebe...

    Kathrin Kowarsch

  • Zwillinge, kurz nach der Geburt getrennt

    Stephen KingRupi Frieling

    Und beide sind sie erfolgreiche Schriftsteller! :D

  • Und Johnny zog in den Krieg

    122_0-359x400Nach den ersten Seiten blättere ich irritiert zurück, das Lesen fällt mir aufgrund fehlender Satzzeichen im ersten Moment schwer. Ist dieses Buch vielleicht keinem Korrektor begegnet? Hasst der Verlag Kommata? Oder hat der Verzicht auf Interpunktion, von Satzschlußzeichen einmal abgesehen, Methode?

    Eine Rückfrage beim Verlag klärt auf: Dalton Trumbo, der Verfasser des Werkes, setzte in seinem Original die fehlende Interpunktion als bewusstes Stilmittel ein, und die Herausgeber der deutschen Übersetzung wollen diesem entsprechen. Und tatsächlich geht es recht schnell, bis ich in einen permanenten Gedankenfluss eintauche, der von dem US-Autor ausgebreitet wird. Wie ein Mahlstrom zieht mich der ungewöhnliche Text tief in das unheimliche Grauen, das seinen Er-Erzähler umgibt.

    Aus dieser ungewöhnlichen literarischen Erzählperspektive belichtet Trumbo nämlich einen grausigen Film: Johnny Bonham, ein blutjunger amerikanischer Soldat, der in den Krieg gelockt wurde, erwacht in einem Krankenhaus. Nach und nach realisiert er, dass ihm Arme und Beine amputiert wurde, dass er taub ist und sein halber Kopf weggesprengt wurde. Er vegitiert als Torso und fühlt sich bald wie ein Embryo im Mutterleib - Felix Gebhart hat es anschaulich in der Titelvignette gezeichnet. Der Mann, der bewegungsunfähig auf seinem Krankenbett liegt, kommt sich vor, als sei er als ausgewachsener Mensch wieder in den Mutterleib zurückgestopft worden. Doch anders als ein Kind, das ins Leben wächst und eines Tages den Kokon in die Freiheit verlassen darf, wird ihm diese Freiheit nie mehr vergönnt sein. Er ist für den Rest seines Lebens ans Bett gekettet!

    Lediglich Erinnerungen sind ihm geblieben, und so blendet er in Analepsen nach und nach Szenen aus dem Leben eines glücklichen jungen Mannes ein, der in den Krieg zog, um zweifelhafte Werte und Freiheiten zu verteidigen, die nicht die eigenen waren. Als hätte er einen Lotteriegewinn gezogen, zählt er nicht zu den Millionen Opfern, die auf dem Schlachtfeld blieben. Er hat überlebt, und doch ist sein Leben vorüber. Irgendwo in seinem Bauch steckt ein Schlauch, der ihn mit Nahrung versorgt. Lediglich sein Bewusstsein ist noch vorhanden und aktiv, obwohl das niemand registriert. Sein Körper ist unfähig, mit seiner Umwelt zu kommunizieren, und er spürt nur am Vibirieren des Bettes, wann sich eine Pflegerin nähert, um seinen jämmerlichen Rest zu waschen und seine Stümpfe zu versorgen.

    Drei Jahre oder noch länger versucht er, anhand der wenigen Möglichkeiten, die ihm seine eingeschränkte Wahrnehmung erlaubt, die Nacht vom Tag zu unterscheiden, den Stand der Sonne zu erkunden, die unterschiedlichen Schwestern zu erkennen. Er spürt, dass ihm im Nebel seines Zustandes ein schwerer Orden an die Brust geheftet wird und möchte am liebsten laut herausschreien, dass ihm nicht einmal die Freiheit der Entscheidung zugebilligt wird, das Blech aus dem Fenster zu werfen.

    Als er schließlich eine besonders feinfühlige Schwester erspürt, nimmt er mit ihr Kontakt auf, indem er mit seinem Hinterkopf Morsezeichen auf das Kopfkissen klopft. Tatsächlich versteht sie sein Bemühen und mit Hilfe eines Funkers kann er sich mühsam äussern. Johnny schlägt den Ärzten im Funkkontakt vor, seinen verstümmelten Körper als Mahnmal gegen den Krieg auszustellen. So gewänne sein Leben einen Sinn. Doch das verstößt gegen die »Vorschriften« und sicherlich auch gegen alles, was Kriegstreiber und Militärs für wertig halten. Sein Vorschlag wird abgelehnt.

    Dalton Trumbos Anti-Kriegsroman ist neben seiner stilistischen Kunstfertigkeit schon aus dem Grund wichtig, weil die Generationen, die den letzten Krieg überleben durften, inzwischen nahezu ausgestorben sind. Dies mag auch einer der Gründe sein, warum in der jüngsten Geschichte wieder viel von Krieg und Völkerschlacht die Rede ist. Dass dabei die USA, die den bekennenden Kommunisten Trumbo wegen »unamerikanischer Umtriebe« ins Gefängnis warf und ihn als gefragten Hollywood-Regisseur mit Berufsverbot belegte, wieder einmal die führende Rolle spielt, wundert wenig.

    Während also die Amis A-10-Thunderbolt-Kriegs»Warzenschweine« über meinem Kopf nach Deutschland einschweben lassen, lese ich diesen Roman und schaue betroffen in die Zukunft ...

    Dalton Trumbo: Und Johnny zog in den Krieg. Verlag Onkel & Onkel 2012.
    Erhältlich bei Amazon

    Zur Verfilmung

    Nachdem ich den erschütternden Anti-Kriegs-Roman »Und Johnny zog in den Krieg« gelesen hatte, wurde ich von Lesern meiner Rezension auf die Verfilmung des Buches aufmerksam gemacht. Diese stammt – das ist schon ungewöhnlich genug – vom Autor Dalton Trumbo selbst, der damit erstmals mit Hilfe seines Sohnes in den Regiestuhl stieg. Der Film ist auf drei Ebenen gedreht: die Gedanken des menschlichen Torso, der ohne Arme und Beine, blind und taub vor sich hinvegetiert, sind schwarzweiß gehalten. Johnnys Erinnerungen schwimmen in weichgezeichneter Farbigkeit, die Realität des Krieges wurde indes ohne Verfremdung gedreht. So wird verdeutlicht, dass der Film aus der Perspektive eines vollkommen verstümmelten Menschen erzählt, der nur noch denken und über die Schwingungen seines Krankenbettes seine Umgebung wahrnehmen kann.

    Ich kenne in der Literaturgeschichte keinen weiteren Autor, der sein eigenes Werk verfilmt hat. Schon aus diesem Grund verbietet sich eine Diskussion, ob nun Buch oder Film »besser« sind. In diesem Fall wurden zwei gleichberechtigte Kunstwerke aus einer Hand geschaffen, und es ist kein Wunder, dass Film und Buch in den USA, deren absurde Kriegspolitik Trumbo anklagt, indiziert wurden.

    Sehenswert ist die umfangreiche Dokumentation zu Trumbos Leben, die der DVD als Special beigefügt wurde. Hier berichten Weggefährten sowie sein Sohn Christopher über den ungewöhnlichen Autor, der gemeinsam mit Bertolt Brecht und anderen Kunstschaffenden von staatlichen Gesinungsschnüfflern wegen »unamerikanischer Tätigkeiten« angeklagt wurde, ins Gefängnis kam und schließlich Berufsverbot erlitt. Er flüchtete nach Mexiko, von wo aus er unter Pseudonym arbeitete (und u.a. für Kirk Douglas das Drehbuch zu »Spartacus« schrieb).

  • Seiler, Kruso oder Abwaschen auf der Insel

    Lutz Seiler, Kruso, Roman
    Suhrkamp Verlag Berlin, 2014

    kruso
    Da strandet einer auf Hiddensee, den es hinausgeworfen hat aus seinem Leben. Ziellos stolpert er über die Insel und findet schließlich Halt im „Klausner“. Hier wird ihm – nach der obligatorischen Zwischenstation Zwiebelschälen, die er mit Würde absolviert – der Abwasch übertragen, der sich als Dreh- und Angelpunkt des vielbesuchten Urlauberlokals erweist. Im zur Seite steht Alexander Krusowitsch, Kruso, der mit selbstverständlicher, ruhiger Beharrlichkeit durch Hochbetrieb und Inselmythos führt. Raum und Zeit scheinen wie ausgeschaltet. Neben der Versorgung der Gästemassen existiert eine ungleich bedeutsamere Parallelwelt, die von einer eingeschworenen Gemeinschaft gelebt wird. Außenseiter und Gescheiterte, abenteurer und Verstoßene treffen aufeinander, umsorgen sich in symbolträchtigen Ritualen, gehen geheimnisvollen Dingen nach. Das alles umschließende Meer ist Ort der Sehnsucht und des Schreckens. Nur zögerlich durchdringt Neuankömmling Ed, im bürgerlichen Leben Edgar Bendler, das bewährte Geflecht. Kostbar ist ihr Krusos Freundschaft, die mit Gedichten beginntund sein Selbstverständnis auf den Kopf stellt. Als er endlich integriert scheint, beginnt das Netzwerk zu bröckeln, ja, es bricht immer mehr auseinander und Ed sucht zu retten, was zu retten ist. Doch Geschichte ist nicht aufzuhalten...

    Lutz Seiler, Jahrgang 1963, Verfasser von Lyrik und Kurzprosa, spürt der eigentümlichen Atmosphäre 1989 nach. Die Stimmung ist nicht nur unter den intellektuellen Aushilfskräften von Hiddensee angespannt. Die Zahl der Flüchtlinge steigt und führt bald weg vom Weg übers Meer nach Ungarn und Prag.Jahre später läßt Seiler Ed in Kopenhagen nach den unbekannten Opferfluten forschen. Er scheint der Erste zu sein, der merkt, dass niemand die Toten je vermisst. So bewegt der Epilog auf ganze besondere Weise.

    Seilers Schreibstil verrät den sprachsensiblen, bildgewaltigen Lyriker. Poetisch, philosophisch zelebriert er die Darstellung vieler Vorgänge en detail. So wird der Abwasch zum sagenhaften Bild des Gaststättenalltags, zum Kunstwerk, die Suche nach Freiheit zum Mysterium.

    Auch wenn Seiler gelegentlich allzu sehr abdriftet, einzelne Handlungsteile eher abstrus gestaltet sind, er sich in Reflexionen verliert, weiß er alles in allem zu überzeugen, legt einen eindrucksvollen, psychologisch wie sprachlich mitreißenden Roman vor.

    Kathrin Kowarsch

  • Think like a freak - Levitt/Dubner

    freak

     "Le Freak - C'est chic".  Das immerhin wissen wir seit den späten Siebzigern. Aber dass Freaks uns auch den Ausweg aus Alltagsproblemen weisen können - diese Theorie ist verhältnismäßig neu.

    "Alltagsprobleme haben oft ganz andere Ursachen als vermutet" so die Ausgangsthese der amerikanischen Wissenschaftler Steven D. Levitt und Stephan J. Dubner. Ihre Schlussfolgerung: Um Probleme wirklich zu lösen, muss man ganz andere, überraschende Wege einschlagen. Soweit grob zusammengefasst der Inhalt des ersten Bestsellers "Freakonomics" des Autoren-Duos. Seit diesem Überraschungserfolg stehen die Beiden dafür, konventionelle Denkweisen in Fragen zu stellen.

    Aus dem Buch wurde mehr, eine ganz eigene Methode der Problemlösung. Levitt/Dubner gründeten eine Beratungsfirma, die es bis in die in der Fortune 500 gelisteten Unternehmen brachte, sie bekamen ein wöchentliches Radio-Projekt und sogar eine eigene "Football- Freakonomics-"Sparte im amerikanischen National Football League Network. Man kann wohl ohne Übertreibung sagen, dass Levitt/ Dubner mit "Freakonomics" ihre eigene Marke erschaffen haben. Eine Marke, die die Sicht auf die Welt und ihre Dinge ändern kann. Eine Marke, die lehrt, hinter die Dinge zu schauen und die verborgene Seite ans Licht zu zerren. Denn hat man erstmal den wahren Kern eines Problems, einer Diskussion, einer Streitigkeit erkannt, ist der wahre, der richtige, wirklich zielführende Lösungsansatz nicht mehr fern.

    Nun ist die "Handlungsanweisung" auf dem Markt. Mit "Think like a Freak" nehmen Levitt und Dubner den Leser mit in ihren Denkprozeß und zeigen, wie "Anders Denken" geht und zu mehr Kreativität und Produktivität führt. In neun unterhaltsamen Kapiteln bieten die Autoren eine Blaupause für eine völlig neue Art und Weise, Lösungsansätze zu finden und Probleme elegant nicht nur aus der Welt zu schaffen, sondern sogar zu nutzen. Dabei ist kein Thema zu tabu, um nicht als Beispiel zu dienen, wie man sein Gehirn möglichst effektiv umschult. Ihre Anregungen reichen vom Business über Sport bis zu Politik und Philantropie.

    Der althergebrachte moralische Kompaß ist dabei eher Hindernis denn förderlich. Das versteht man spätestens, wenn klar wird, warum nigerianische E-Mail-Betrüger so agieren, wie sie agieren und warum sie dermaßen viel Wert darauf legen, zu sagen, dass sie aus Nigeria stammen. Die Lösung ist so einfach wie verblüffend - und dazu angetan, sie in ein ganz normales Alltagsproblem zu übersetzen. In diesem Sinne leistet "Think like a freak" durchaus gute Dienste, wenn man Lösungsansätze jenseits abgedroschener Wege sucht. Nicht umsonst ist "ergebnisoffen" das neueste Zauberwort, wenn es um Problemlösungen geht.

    Levitt und Dubner sehen die Welt anders. Ihr aufschlussreicher Ratgeber ist flott geschrieben und macht Spaß. Allerdings ist es kein Buch, welches man in einem Rutsch runterlesen kann. Eine Denkpause nach jedem Kapitel schadet nicht. Aber wenn man erstmal akzeptiert hat, dass "Normalos" häufiger falsch als richtig liegen, lässt man sich gerne von den "Freaks" mitnehmen auf einen anderen Weg zur Wahrheit.
    Le Freak - C'est chic. Stimmt immer noch.

    Steven D. Levitt, Stephen J. Dubner
    Think like a freak
    Andersdenker erreichen mehr im Leben
    Riemann Verlag München 2014
    in der Verlagsgruppe Random House
    ISBN 978-3-570-50168-9
    208 Seiten ( ohne Anmerkungen)  
    Auch als Hörbuch und E-Book verfügbar und für diese "Darreichungsformen" sicher besonders gut geeignet

  • Spannung made in Italy

    krokodilDas Krokodil – Spannung Made in Italy

    Die ganze Zeit habe ich mich schon gefreut, endlich mal kein Schwedenkrimi. Die Düsternis dieser nordischen Gesellschaft Und diesmal ein italienischer Krimi. Allein der Name des Autors klingt wie eine mediterrane Rotweinrebe: Maurizio de Giovanni. Und von ihm habe ich „das Krokodil“ am Wickel. Er ist im Kindlerverlag erschienen, der jetzt bei Holtzbrinck angesiedelt ist. Das Buch beginnt schon mal gut:
    „Der Tod kommt um acht Uhr vierzehn auf Gleis drei an, mit sieben Minuten Verspätung.“
    Wir lernen Inspektor Lojacono kennen, der aus Sizilien nach Neapel strafversetzt wurde. Nun in Neapel in seiner Polizeikemenate und versucht er verzweifelt, gegen seinen Computer beim Poker zu gewinnen. Kaltgestellt wegen eines nachgewiesenen Dienstvergehens übernimmt er für die Kollegen die unbeliebten Nachtdienste.
    Ein Mord wird gemeldet und da Lojacono Bereitschaft hat, fährt er mit seinem Kollegen zum Tatort. Und schon sind wir in der italienischen Düsternis. Ein Mord durch Kopfschuss, quasi eine Hinrichtung, bei einem jungen Mann. Einige Tage später stirbt ein Mädchen und wieder ein paar Tage später ein junger Mann. Wieder durch Kopfschuss, so dass wir bei den Ermittlungsarbeiten in die Tiefen der italienischen Gesellschaft steigen. Da alle Jugendlichen hingerichtet wurden, glaubt die Polizei schnell an Mafiamorde. Nur der kaltgestellte Lojacono, der bei der ersten Leiche zuerst war, sieht hinter den Morden einen Einzeltäter. Denn man fand am Tatort immer Taschentücher mit Tränenflüssigkeit. Die junge Staatsanwältin Laura Piras verfolgt mit Lojacono , der seine analytischen Fähigkeiten langsam auf Touren bringt, eine andere These. Sie gehen davon aus, dass das „Krokodil“, so wurde der Mörder von der Presse schnell getauft, die Eltern der erschossenen Jugendlichen treffen wollte. Es fängt eine Puzzlearbeit gegen die Zeit statt. Denn Lojacono denkt, dass es ein noch weiteres Opfer geben wird.
    Der aus Neapel – einer Hochburg des Verbrechens – stammende Autor hat mit dem „Krokodil“ einen Kriminalroman der klassischen Art geschaffen. Wir lernen den Fall aus der Sicht der Polizei, des Täters, der Opfer kennen. Dabei steht nicht die Tat im Vordergrund, sondern die Geschichte hinter dem Fall.

  • Stephen King - Revival

    Wir schreiben das Jahr 1962, als der junge Pfarrer Charles Jacobs mit Frau und Sohn nach Harlow, Maine (natürlich in der Nähe von Castle Rock) kommt und sofort die Herzen der ländlichen Bevölkerung gewinnt, besonders das des kleinen Jamie Morton. Drei Jahre später jedoch schwört Jacobs nach einer Familientragödie seinem Gott öffentlich ab und die bigotten Dörfler verjagen ihn. Jamie wächst auf und widmet sich der Musik, seinen alten Freund vergisst er nicht.

    Bis 1992 dauert es, bis die beiden sich wieder sehen. Jamie – auch er musste einige Schicksalsschläge hinnehmen – ist dem Heroin verfallen und auf dem Tiefpunkt angelangt, als er Jacobs auf einem Jahrmarkt trifft, wo der ehemalige Gottesmann mit mysteriösen Elektrizitätsshows auftritt. Dieser nimmt sich des Junkies an und heilt ihn tatsächlich von seiner Sucht, wenn auch nicht ohne Nebenwirkungen. Abrupt trennen sich ihre Wege wieder, aber die gemeinsame Geschichte ist noch lange nicht zu Ende, im Gegenteil…

    Der erfolgreichste Autor der Welt hat mit »Revival« erneut ein Meisterwerk abgeliefert, Chapeau Mr. King! Es gelingt ihm immer wieder scheinbar mühelos, den Leser mit seinen Geschichten und Protagonisten zu fesseln und ihn erst freizugeben, wenn mit Bedauern das Ende erreicht ist. Der neue Roman erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte; nicht nur deswegen erinnert er ein wenig an »Dr. Sleep«. Auch Autobiografisches ist mit eingeflossen, Stichworte: Sucht, Musik und Verkehrsunfall.

    »Revival« ist eines der härtesten King-Bücher seit langer Zeit und definitiv nichts für Zartbesaitete; auch die Schockmomente hat der Meister immer noch drauf. Allerdings sind diese nicht – wie bei vielen anderen Horror-Schreibern – Selbstzweck, sondern fügen sich logisch in den Plot ein. Die Handlung wird nicht mit der Peitsche vorangetrieben, sondern entwickelt sich zu Beginn eher langsam; King schreibt bisweilen gewohnt ausschweifend, aber nie langweilig. Als Leser seiner Bücher der ersten Stunde (damals waren die Bücher in Deutschland noch gar nicht erhältlich), kann ich »Revival« jedenfalls besten Gewissens weiter empfehlen.

    Stephen King
    Revival
    Scribner, 2014
    ASIN: B00ILHW6AG

  • Ken Follett - die Jahrhundertsaga / Trilogie

    Wenn man eins Ken Follett nicht vorwerfen kann, sind es mangelnde Ambitionen. Immer schön, wenn auch vom Erfolg Verwöhnte noch Ziele haben. Nicht mehr und nicht weniger als die Chronik des letzten Jahrhunderts wollte er schreiben. Im September erschien nun weltweit mit "Kinder der Freiheit" Teil drei seiner großangelegten Familiensaga. Zeit, das Gesamtkunstwerk zu beleuchten und die Frage zu stellen , ob dies ambitionierte Unterfangen gelungen ist. Die Antwort vorweg: Mit Abstrichen ja, im Großen und Ganzen kann sich das über 3000 Seiten starke Werk sehen lassen.

    Ken Follett, Sturz der Titanen Ken Follett, Winter der Welt Ken Follett, Kinder der Freiheit

    Fünf Familien aus Amerika, Deutschland, Russland, England und Wales geleitet der Schriftsteller durch die weltbewegenden politischen Wirrnisse des letzten Jahrhunderts. Fünf Familien, die sich im Laufe der Saga auf die ein oder andere Weise miteinander verbinden oder zumindest begegnen. Teil eins, "Sturz der Titanen" beginnt 1914 mit dem Aufstand der Bergarbeiter in Wales und führt den Leser bis kurz vor den Ausbruch des zweiten Weltkriegs. Teil zwei "Winter der Welt" beginnt mit Hitlers Machtergreifung und thematisiert hauptsächlich die dunklen Jahre des zweiten Weltkriegs. Teil drei "Kinder der Freiheit" schließlich beginnt mit dem Bau der Berliner Mauer und endet mit ihrem Fall.

    Aufstieg und Fall des Kommunismus, Bürgerkriege allerorten, Spionage, Diktaturen, Freiheitskämpfe, Bürgerrechtsbewegungen - alles ist eingewoben in diese Trilogie, kein Kampf wird vergessen, kein Aufstand bleibt ungewürdigt. Dazwischen wird geliebt, gelitten, gefreut, geboren, gestorben in bekannter Folletscher Manier. Damit man als Autor wirklich die ganze Geschichte des letzten Jahrhunderts in Romanform unterkriegt, ist der Griff zum bewährten Forrest-Gump-Kniff das Mittel der Wahl und so bleibt es nicht aus, dass mancher Handlungsstrang sehr weit hergeholt und bemüht wirkt. Aber dessen ungeachtet bieten das epische Werk eine historische Grundlagen-Aufarbeitung und geschmeidige Lektüre.

    Sorgfältig recherchiert, aber auch von Neugier getrieben, verbindet Ken Follett belegte Historie mit fiktionalen Geschichten. Seine strikte Regel "Immer herausfinden, was passiert sein könnte, aber niemals etwas Unmögliches geschehen zu lassen" befolgt er dabei akribisch genau, hinterfragt auch kleinste Kleinigkeiten. Das führt einerseits zu unterhaltsamen Handlungssträngen, etwa bei Jack Kennedys amourösen Betätigungen, andererseits gehen etliche Details viel zu sehr in die Breite. Braucht es wirklich diverse Seiten, um die Kleidungsgewohnheiten der Upper class zu beschreiben oder hätten es nicht ein paar Nebensätze auch getan?

    Gleiches gilt für die von Ken Follett anscheinend sehr geliebten Sex-Szenen, denen er nicht widerstehen kann. Gerade in Teil zwei finden sich eklatant viele, mancherorts wurden seine Romane gar schon augenzwinkernd als Männerromane bezeichnet. Dazu sei einmal mehr gesagt: Ja, natürlich, man kann auch über Vergewaltigungen schreiben, gerade im Zusammenhang mit dem zweiten Weltkrieg geht es wohl auch nicht ohne. Aber - muss es wirklich so offensichtlich als gewollt antörnende Vorlage dienen? Was sämtliche Sexszenen nebenbei bemerkt, auch nicht tun. So hölzern und technisch, wie es letzten Endes rüberkommt, ist vielleicht doch sogar die Lektüre einer Gebauchsanweisung für Waschmaschinen erotischer.

    Ganz grundsätzlich ist auch die große Literatur Ken Folletts Sache nicht, da mag man es noch so gerne als "Literarisches Denkmal des Jahrhunderts" bewerben. Oft ist seine Sprache holprig, in der Übersetzung finden sich zudem immer wieder kleinere Logikfehler, so etwa, wenn die Namen der Protagonisten durcheinandergewürfelt werden. Das ändert aber nichts daran, dass dem Leser durch die Romanhandlung die Möglichkeit gegeben wird, diese erst so kurz hinter uns liegende Epoche noch einmal mit anderen Augen zu sehen, sie dadurch greifbar und von der Abstraktheit des Geschichtsunterrichts befreit vor sich zu sehen. Dass man sich jederzeit denken kann, wie die jeweilige Storyline ausgeht, wenn man die Historie so halbwegs kennt, stört dabei eher weniger und nimmt der Spannung erstaunlich wenig.

    Eher irritiert da schon die sehr unterschiedliche Gewichtung der politischen Ereignisse. Wenn in Teil drei beispielsweise gut fünf Jahrzehnte abgehandelt werden sollen, wundert man sich nach der Hälfte des Buches schon, warum Martin Luther King immer noch für seine Bürgerrechtsbewegung kämpft. Entsprechend wird manch anderes Nachfolgende hektisch abgehandelt und auch nicht jede handelnde Person bekommt ein auserzähltes Ende. Was aber auch nicht allzu schlimm ist, denn die Charaktere sind zwar alle nachvollziehbar, oft genug aber auch sehr eindimensional. Aber wenn jede Figur immer dem Zwang des Übergeordneten folgend in eine bestimmte Ideologie eingebunden werden muss, bleibt das wohl nicht aus. Dennoch verliert Follett nie den Faden, der Leser seinerseits greift zwischendurch sicher dankbar zu den sorgfältig gezeichneten Stammbäumen der einzelnen Familien.

    Ungeachtet der Mängel sind die drei Romane (auch einzeln) gut lesbar und den beseelten Geschichtenerzähler nimmt man dem Autor jederzeit unberufen ab. Grundsätzlich muss man natürlich auch berücksichtigen, dass bei weitem nicht jeder Leser über ein ausreichendes geschichtliches Grundverständnis verfügt und es sicher dringend not tut, auch weniger versierten Lesern Zusammenhänge, die bis heute nachwirken, nahe zu bringen. Alleine diese Ambition ist zweifelsohne aller Ehren wert. Irgendwer muss es ja machen und wenn es Ken Follett ist. Wenn man sein Wissen aus Unterhaltungsromanen bezieht - auch gut. Hauptsache, man bezieht es überhaupt irgendwoher. Darüberhinaus macht es auch einfach Spaß, nachzulesen, wie komplett anders der Alltag der Menschen im Laufe der Jahrzehnte war, wie sich alles entwickelt hat - von den Anfängen der Motorisierung bis zu unserer heutigen nahezu unbegrenzten Reisefreiheit oder die Kommunikation von der ersten Depesche bis zu den Anfängen des Computerzeitalters.

    Alles in allem ist diese Trilogie eine angemessene Würdigung des Wirkens der Menschen des letzten Jahrhunderts. Follett selbst sagt, dass ihm erst während des Schreibens klar wurde, dass der Leitgedanke des letzten Jahrhunderts der Kampf für die Freiheit war. Es war die gewalttätigste Epoche in dre Geschichte der Menschheit und erst durch die Rückschau erschließt sich, wieviel erreicht wurde von dem, was heutzutage für uns selbstverständlich ist. Die Trilogie zeigt unterm Strich eindringlich, wie schwer der Kampf für die Freiheit war, wie schwer erreichbar sie war und ist von daher sicher auch ein Mahnmal dafür, Errungenschaften wie Demokratie und Freiheit nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen.

    Interessanterweise ist der Epilog des dritten Teils genau dafür ein beredtes Beispiel. In diesem Epilog springt Follett in unsere Gegenwart und thematisiert die Vereidigung Barack Obamas zum ersten schwarzen Präsidenten der USA. Zeigen wollte Follett damit wohl eher den erfolgreichen Schlusspunkt der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, der er ja in der Gesamtgewichtung extrem viel Raum gegeben hat. Der europäische Leser hingegen wird wohl eher nicht umhin können, daran zu denken, dass gerdae dieser Präsident, in den so viele Menschen soviele Hoffnungen gesetzt haben, in mehr als einer Hinsicht enttäuscht hat, auch und gerade, was die Verteidigung der Freiheitsrechte angeht.

    Ken Follett
    Sturz der Titanen, 1038 Seiten, ISBN 978-3-404-16660-2
    Winter der Welt, 1024 Seiten, ISBN: 978-3-8387-0907-9
    Kinder der Freiheit, 1036 Seiten, ISBN: 978-3-8387-5778-0
    Verlag Bastei Lübbe
    Band 1 und 2 bereits als Taschenbuch verfügbar,
    alle 3 Teile als E-Books und Hörbücher verfügbar.

  • Thomas Pynchon – Bleeding Edge

    Maxine Tarnow ist eine private Ermittlerin in Betrugsfällen und sie hat gut zu tun in diesem New Yorker Frühsommer 2001. Die erste Dotcom-Blase ist geplatzt; die Überlebenden versuchen zu retten, was zu retten ist, egal mit welchen Mitteln. Maxine beschäftigt sich mit einem Unternehmen, das Sicherheitssoftware herstellt und dessen zwielichtigem Chef, einem milliardenschweren Computer-Nerd. Dazu ihr Nebenjob als Mutter und Beinahe-Ehefrau; das Schicksal hat ihr kein leichtes Päckchen geschnürt.

    Sie taucht ein in die verstörenden Tiefen des Internets und findet dort Bedrohliches, das sie nicht immer versteht, ihr aber trotzdem Angst macht. Auch im real life häufen sich merkwürdige Begebenheiten, sie trifft auf die russische Mafia und bald gibt es den ersten Toten. Und dann sind da noch die seltsamen Videos, die man ihr zuspielt, in diesen ersten Tagen des Septembers 2001…

    Ich bin eigentlich eher skeptisch mit Begriffen wie »Kultautor«, und ein solcher ist Thomas Pynchon ohne Zweifel, nicht nur, weil er die Öffentlichkeit konsequent scheut. Also war »Bleeding Edge« meine erste Begegnung mit ihm, aber es wird nicht die letzte gewesen sein, so viel ist sicher. Faszinierend sind seine geschliffene Sprachgewalt und der spielerische Umgang mit Worten, ebenso die Vielzahl der Charaktere, deren bisweilen skurrile Geschichten genüsslich ausgebreitet werden. Trotzdem behält der Plot eine gewisse Stringenz bei, die Geschehnisse werden zügig vorangetrieben, und das gelingt bei einem Werk dieses Umfangs nicht vielen Schriftstellern.

    Und so ist »Bleeding Edge« viel mehr als ein weiterer 9/11-Roman, obwohl das natürlich ein zentrales Thema des Buches ist und auch die entsprechenden Verschwörungstheorien nicht fehlen dürfen in einer zutiefst neurotischen Gesellschaft, die detailliert beschrieben und seziert wird. Die ungeheure Dichte von Sprache und Handlung verlangt dem Leser einiges ab, aber wenn er sich darauf einlässt, wird er reichlich belohnt, von mir eine klare Empfehlung!

    Thomas Pynchon
    Bleeding Edge
    Rowohlt E-Book 2014
    ASIN: B00M7KZGNW

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