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  • Doris Brockmann - die Erbseninseln

    Erbseninseln, Doris Brockmann Da sind wir. Plötzlich und unerwartet mitten im Herbst. Grau ist es, trübe. Ewig scheint es her, dass wir das Licht des Nordens sahen. Da liegt doch nichts näher, als eine Passage oder zehn zu buchen, die uns zurück entführen in den nordischen Sommer. Genauer gesagt zu den Erbseninseln, gelegen mittenmang in der dänischen Ostsee. 9 Erbsen blieben einst bei einem göttlichen Mahl über und wurden vom gut gesättigten Schöpfer ins Meer geschüttet. Glücklicherweise sind sie nicht untergegangen und sind bis heute nicht nur ein beliebtes Ausflugsziel für glückliche Dänemark-Urlauber, sondern auch phantasieanregende Kost für Autoren und ihre Leser.

    Die Autorin Doris Brockmann nimmt uns mit auf diese Reise. Raus aus dem grauen Alltag, glücklicherweise auch raus aus dem grauen Reiseführer-Einheitsbrei. Qua Ferndiagnose, gewickelt mit einer guten Portion Seemannsgarn, aber mit gesundem Respekt vor den Fakten gestaltet sie zehn Passagen. Mal als Münchhausiade, mal als Reportage, auch vor Kriminalgeschichten und exclusiver Hofberichterstattung (Höhö, Frau Königin) schreckt sie nicht zurück.

    Das dänische Archipel Ertholmene liegt weit im Osten, näher an Stettin als an Kopenhagen. Die Inseln verfügen nicht nur über ein mediterranes Klima, welches Feigen, Weintrauben und sehr entspannte Insulaner hervorbringt, sondern auch über Geschichte, Kultur, Flora und Fauna satt, das spektakuläre Dreiseiten-Fußballspiel nicht zu vergessen. Die beiden größten Inseln Christiansø und Frederiksø sind durch eine äußerst fragile Brücke verbunden, die maximal 10 Leute gleichzeitig betreten dürfen. Stabiler sind da schon die Strecken, die Doris Brockmann ihren Passagieren bietet. Charmant, mit einem kleinen, feinen Lächeln im Augenwinkel, dabei der feinen Ironie nicht abgeneigt, meistert Doris Brockmann die Passagen über die Erbseninseln.

    Sorgfältig recherchiert, sich nicht in den Fallstricken gelegentlichen Seemannsgarns verheddernd, verleiht sie dem Inselalltag einen poetischen Zauber und nimmt uns mit auf den Weg von den Festungsmauern bis zum Ende der Welt, welches auf den Ertholmene zum Glück nur ein kleiner begehbarer Aussichtspunkt ist. Wenn man nicht wüsste, dass es die Erbseninseln tatsächlich gibt, könnte man sich in einem modernen Märchen wähnen.

    Dieses Buch ist eine kleine Kostbarkeit, nicht nur wegen der zauberhaften Texte, sondern auch wegen seiner kunstvollen Gestaltung. Kostbar gewandet und banderoliert, wunderbar illustriert durch Wolfgang Gosch präsentiert die kleine Wiener Edition Krill die Passagen, denen jeweils eine Einleitung in Form eines erklärenden Dialogs zwischen einem (fiktiven) Redakteur und einer (weniger fiktiven) Kolumnistin vorangestellt ist. Und nach den Anstrengungen absolvierter Passagen mag sich der ein oder andere geneigte Leser sicher gerne mit einer kräftigen Portion Ærtesuppe, rezeptiert im Buch, stärken.

    Fazit: Sehr geehrte Frau Brockmann, Sie haben mir auf's Feinste über erste trübe Herbsttage hinweg geholfen. Ich verleihe Ihnen hiermit den Titel einer Prinzessin auf der Erbse(ninsel) und widerspreche vehement all jenen, die je gewagt haben sollten, Sie als Erbsenzählerin zu bezeichnen.

    Die studierte Germanistin Doris Brockmann lebt in Dorsten, eine kleinen Stadt an der Grenze zwischen Ruhrgebiet und Westfalen, der nicht nur für ihre Sterneköche, sondern auch für ihre phantasiebegabten Schriftstellerinnen weltweit Aufmerksamkeit zuteil wurde. Doris Brockmann schreibt vorzugsweise in Form angewandter Schriftstellerei im Dienste der Alltagsbeobachtung, wovon man sich auf Ihrer Homepage walk-the-lines auf's Trefflichste überzeugen kann. Ihr Debüt "Das Schreiben dieses Romans war insofern ein Glücksfall" ist als Kindle-E-Book verfügbar, wurde von der Literaturkritik gewürdigt und hat leider (noch) nicht die Aufmerksamkeit, die auch dieses Werk zweifelsohne verdient.

    Doris Brockmann, Die Erbseninseln - zehn Passagen zur wohl kleinsten Inselgruppe Europas, 96 Seiten, Edition Krill, Wien, 2014, ISBN 978-3902919-01-4

  • Zum Tode von Siegfried Lenz. - Ein Nachruf.

    Mit Siegfried Lenz ist Deutschland einer der größten Schriftsteller seiner jüngeren Literaturgeschichte verlorengegangen. Einer seiner menschlichsten und bescheidensten zudem, dessen Romane, Erzählungen und Novellen stets durch großes Mitgefühl gegenüber ihren Akteuren gekennzeichnet waren. Lehrmeisterei war dem Autor auch abseits des Literaturbetriebes fremd; was er zu sagen hatte, sagte er durch seine Werke. Diese verliehen zumal den soge-nannten kleinen Leuten eine Stimme, indem sie ihren Hoffnungen und Wünschen und - vor allem - ihren Niederlagen und ihrem Scheitern nachspürten.
    Ein Urteil über das Handeln eines Protagonisten wird der Leser bei ihm selten finden, und gerade darin liegt die Stärke seines Erzählens: Dass er über niemanden den Stab bricht - das bleibt, so er dazu gewillt ist, dem Leser überlassen.

    Noch schmerzlicher als der Rest der Republik muss man in Norddeutschland den Heimgang von Siegfried Lenz empfinden, ist doch gerade die norddeutsche Tiefebene der Schauplatz eines Gutteils seiner Romane und Erzählungen - jene Gefilde also, welche dem am 17. März 1926 in Lyck in Ostpreußen (heute Elk/Masuren) Geborenen zur vertrauten Heimat geworden waren.
    Nicht zuletzt deshalb fiel es mir, der ich als gebürtiger Emder ebenfalls mit der steten Nähe zum Meer und zum Hafen aufgewachsen bin, besonders leicht, diesen Mann und seine Werke zu lieben.
    Die vielberedeten Eigenheiten der Bewohner dieser Region, zudem die besonderen Gegebenheiten eines Lebens am und mit dem Meer, hat seit Theodor Storm kaum ein deutscher Autor so trefflich in Worte zu fassen verstanden wie Siegfried Lenz.
    Exemplarisch sei hier auf die Erzählung "Das unterbrochene Schweigen" aus dem Erzählband "Der Geist der Mirabelle" aus dem Jahre 1975 verwiesen, welcher den Leser mit Geschichten aus dem fiktiven norddeutschen Dorf Bollerup erfreut.
    In dieser Geschichte fahren die Vorstände zweier seit zweihundert Jahren in wechselseitiger Abneigung verbundenen Familien - beide mit Namen Feddersen, der besseren Unterscheidung halber jedoch als Feddersen-West und Feddersen-Ost bezeichnet -, deren Mitglieder infolgedessen kein Wort miteinander wechseln, eines Nachts mit ihren Booten zu ihren Aalreusen hinaus. Auf See werden sie jedoch von einem Unwetter überrascht, geraten in Seenot und überleben - beide Nichtschwimmer - nach dem Kentern ihrer Boote nur deswegen, weil sie sich aneinanderklammern und so gemeinsam der Urgewalt der See zu widerstehen vermögen.
    Wieder an Land, nehmen sie einen tüchtigen Schluck Schnaps zur Brust - bevor sie sich wieder der zweihundertjährigen Feindschaft erinnern und knurrigen Gemüts in die alten Verhaltensweisen zurückverfallen. Mit leiser Ironie parodiert Lenz hier leider auch in Ostfriesland verbreitete negative Eigentümlichkeiten des norddeutschen Menschen wie Starrsinn und mangelnde Einsichtsfähigkeit.
    Im Vorwort der Erzählungssammlung, welches das Dorf Bollerup zeitlich und räumlich nahe ans Alltagsgeschehen zu rücken bestimmt ist, findet sich im übrigen folgender bemerkens-werte Satz: "Die Informationen aus Brüssel sind so neu, daß sie nur die alte Weißglut bestätigen können." Doch das ist eine andere Baustelle, für die in einem Nachruf kein Platz ist.

    Welch ein großartiger Humorist Siegfried Lenz gewesen ist, belegt - unter vielen anderen - ebenfalls die Erzählung "Meine Straße" (1973), wo der Autor gleichsam mit feinen Pinsel-strichen das Alltagsleben einer Straße im Hamburger Stadtteil Othmarschen karikiert; hier hatte er 1963 gemeinsam mit seiner Ehefrau ein Haus erworben; die Erzählung, welche - halbdokumentarisch verfasst - im Grunde einer Handlung im engeren Sinne entbehrt, kann also als halb-biografisch angesehen werden.
    Im übrigen könnte "seine" Hamburger Straße sich in jedem Stadtteil einer Stadt irgendwo in Deutschland, welcher sich als "vorwiegend ruhige Wohngegend" bezeichnen ließe, befinden, so treffend sind die beschriebenen Beobachtungen.
    Nicht ohne Biss und Seitenhieb (gegen die sogenannte bessere Gesellschaft) ist Lenz auch hier - doch auch hier bricht er eben nicht den Stab über die bisweilen eigentümlichen Usancen der Bewohner "seiner" Straße, zu der "unbedingt die Bogen und Haken gehören, die ich schlage, und die Teilstücke anderer Straßen, die ich auf meinem täglichen Weg gehe - einkaufend, spazierend, luftschnappend." Positive und negative Eindrücke halten sich in etwa die Waage. Und wer lässt sich schon von den negativen Eindrücken das Leben beschweren, wenn sie ihm Anlass zu solch versiertem Spott bieten?
    Demgemäß nimmt sich das Ende einmal mehr versöhnlich aus: "Viele Jahre wohnen wir jetzt hier, und in dieser Zeit haben wir uns aneinander gewöhnt, meine Straße und ich. Ja, es ist sogar mehr als Gewohnheit entstanden, das Gefühl nämlich, zu Hause zu sein. Gelegentlich, wenn Freunde aus der Stadt kommen und von den Vorzügen der City schwärmen, von dem regsamen geräuschvollen Leben dort, von sozialen Erfahrungsfreuden und sogenannter Weltnähe, dann beginne ich unwillkürlich meine Straße zu verteidigen: die Stille, die Distanz, die geharkte Abseitigkeit hier, die vielleicht das schnelle Gespräch nicht begünstigen, ganz gewiß aber die Arbeit am Schreibtisch. Und nach allen Regeln der Kunst versuche ich zu verdrängen, daß dies die einzige Gegend war, in die wir, auf der Suche nach einer neuen Wohnung, nicht ziehen wollten."

    Das Erleben der NS-Zeit und des Zweiten Weltkrieges als Zeitzeuge und unmittelbarer Betroffener hat Siegfried Lenz offenkundig - wie so viele andere der Kriegsgeneration - geprägt: Bis ins Alterswerk hinein ziehen sich die Spuren des Miterlebens von Deutschlands dunkelster Epoche, immer wieder hat er sie zum Thema erhoben. Und wie immer, so auch hier sind es die kleinen Leute, an deren Seite der Autor sich stellt, deren Erlebnisperspektive er einnimmt.
    Seine Verbundenheit mit dem Meer einerseits und seine bitteren Erfahrungen mit einem un-menschlichen Regime und dem Kriege andererseits gehen in kaum einer anderen Geschichte seines Werkes eine solche Symbiose ein, wie in jener mit dem Titel "Stimmungen der See" aus dem Jahre 1957, in der drei Menschen den Versuch einer Flucht mit dem Ruderboot über die Ostsee nach Schweden unternehmen - aufgrund der titelgebenden Stimmungen der See werden sie jedoch tragischerweise an dieselbe Küste zurückgetrieben, der sie entflohen sind. Dort begegnen sie wieder den "Uniformen, die sie kannten".
    Auch wenn Lenz hier gewiss das Deutschland der NS-Zeit als Ausgangspunkt im Sinne hatte, könnte es ebenso gut die DDR sein, aus der bekanntermaßen in späteren Jahren ebenfalls viele den Versuch einer Flucht über die Ostsee antraten. Die Auseinandersetzung mit der See kann als Allegorie von allgemeiner Gültigkeit auf den (aussichtslosen) Kampf des Individuums mit einem (übermächtigen) System gedeutet werden.
    In den "Stimmungen der See" finden sich sowohl Anklänge an Stephen Cranes Erzählung "The Open Boat" aus dem Jahre 1897 als auch an Ernest Hemingways weltberühmte Novelle "The Old Man and the Sea", welche 1952 erschienen war.
    Lenz´ Prosa steht gleichermaßen in der Tradition klassischer deutscher Erzählungen wie der Short Story US-amerikanischer Prägung, welche besonderen Einfluss auf die unmittelbare deutsche Nachkriegsliteratur nahm. In ihrer radikalen Reduktion auf das Wesentliche war sie das ideale literarische Äquivalent zu dem zerstörten Land, in dem sie angesiedelt war: die angemessene Ausdrucksform angesichts der Sprachlosigkeit gegenüber dem unermesslichen Leid, welches Krieg und Gewaltherrschaft über die Menschen in ganz Europa gebracht hatten. Die Botschaft des literarischen Schaffens dieser nun langsam aussterbenden Kriegsgeneration an die Zurückbleibenden sollte auch mit wachsender zeitlicher Distanz nicht ungehört verhallen. Es ist mit Sicherheit der beste Weg, um dem Erbe von Siegfried Lenz (in Stellvertretung Millionen anderer) Ehre zu erweisen, wenn man sich gegenwärtig und zukünftig bemüht, wohlüberlegt und klug zu handeln und solchermaßen dafür Sorge zu tragen, dass Europa auch weiterhin der friedliche Ort bleibt, welcher er in den vergangenen fast siebzig Jahren gewesen ist.

    Seine vielleicht schönste Schöpfung hatte sich Siegfried Lenz trotz all der langen Schaffensjahre, die bereits hinter ihm lagen, fast bis zum Schluss aufgehoben.
    Die 2008 erschienene Novelle "Schweigeminute" ist eine der herausragenden deutschsprachi-gen Prosadichtungen im noch immer jungen 21. Jahrhundert. Im vertraut gemächlichen Duktus beweist der große Erzähler hier noch einmal seine Meisterschaft, wenn er vor dem Hintergrund der deutschen Ostseeküste - und eingebettet in das fortlaufende Alltagsleben am Meer - eine sommerliche Ferienromanze mit tragischem Ausgang zwischen dem 18-jährigen Schüler Christian und seiner Englischlehrerin Stella Petersen entfaltet. Dies geschieht in solch scheinbarer Beiläufigkeit und dennoch mit solcher Formvollendung, völlig zeitentrückt und unter Absage an alle moderne Hast und literarische Moden (Lenz hat seiner Geschichte die äußere Gestalt der Rahmenerzählung gegeben, eine Form, die in der deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts ihre Blüte erlebte), dass dieses Alterswerk mit vollem Recht seinen Bestand vor der Ewigkeit beanspruchen kann.

    Dem langjährigen Freunde Marcel Reich-Ranicki, welcher ihm auf dem letzten Menschen-wege um etwas mehr als ein Jahr vorausgeeilt ist, hatte Siegfried Lenz bereits vor vielen Jahren die Kurzgeschichte "Ein geretteter Abend" zum Geschenk gemacht - und dieser dankte es ihm mit der besonderen Hervorhebung im Vorwort zur Gesamtausgabe seiner Erzählungen.

    Am 7. Oktober 2014 ist Siegfried Lenz, ein literarischer Chronist des 20. Jahrhunderts aus Sicht der einfachen Menschen, deren Sorgen und Nöte er von den dunkelsten Stunden unseres Landes über den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder bis in die Gegenwart begleitet hat, im Alter von 88 Jahren für immer von uns gegangen.
    Sein Verlust wiegt schwer für die deutsche Literatur, denn wer unter den Lebenden versteht es derzeit, unserer Sprache solche Töne zu entlocken, wie er es verstand?
    Es bleibt zu hoffen, dass sich sein hinterlassenes reiches, aber leises Werk als Denkmal von dauerhaftem Bestand erweist, und nicht gerade aufgrund seiner Unaufdringlichkeit einem raschen Vergessen anheimfällt.

    Jeder Freund der deutschen Literatur wird ihn schmerzlich vermissen.

  • Heinrich Steinfest: Der Allesforscher

    Steinfest, Allesforscher Steinfest beginnt seinen genremäßig phantastischen Roman mit einer gewaltigen Explosion: Manager Sixteen Braun beobachtet im südlichen Taiwan, wie ein toter Pottwal auf einem Schwertransporter durch die Straßen gefahren wird. Augenblicke später wird er im Koma liegen, die im Inneren des riesigen Tieres metabolisierenden Gase lassen den Meeresriesen explodieren, Braun wird hart von Innereien getroffen und verliert das Bewusstsein.

    Er erwacht in einem Krankenhaus und macht dort – Glück im Unglück – Bekanntschaft mit der sexuell eigenwilligen Ärztin Lana. Der Dame will er treu sein, doch daheim bricht trotz guter Vorsätze das fremd bestimmte Leben über ihn herein. Er heiratet seine von ihm ungeliebte Verlobte, steigt in der Firma des Schwiegerpapas auf und lebt ein frustriertes Dasein. Zwei Jahre darauf wird er davon per Scheidung erlöst, schult vom Manager zum Bademeister um und beginnt, Lana zu suchen. Die ist jedoch zwischenzeitlich überraschend verstorben, und so könnte die Geschichte eigentlich schon zu Ende sein.

    Doch da klingelt das Telefon, und mit diesem kleinen Kunstgriff, dessen sich manch ein Autor bedient, der aus der Sackgasse des Handlungsgefüges ausbrechen will, erfährt Sixteen Braun von einem Sohn. Diesen hat er angeblich mit Lana gezeugt, der Waise soll seinem leiblichen Vater zugeführt werden. Nach anfänglichem Sträuben akzeptiert er die Vaterschaft. Die körperliche Zuwendung der Botschaftsangestellten, die ihm das Waisenkind vermittelt, leistet dabei zusätzliche Überzeugungsarbeit. Allerdings wundert sich der frisch gebackene Papa, dass der Knabe ein kleiner Chinese ist, den er mit der Europäerin gezeugt haben soll. Zudem spricht der Knabe eine vollkommen eigene Sprache, die keinem verständlich ist und ist offensichtlich in einer eigenen, geheimnisvollen Welt gefangen und dort zurückgeblieben. Dafür kann er meisterhaft zeichnen und klettert wie eine Bergziege.

    Der Leser als Allesforscher

    Es soll nun nicht zu viel verraten werden, aber Sixteen begegnet in Träumer seiner Schwester, die beim Bergsteigen tödlich verunfallte und deren Unfallort die frisch verkuppelte dreiköpfige Familie aufsuchen will. Zwischen Wahn und Wirklichkeit, getrieben von Albträumen und Fantasien geht der ehemalige Businessman und jetzige Bademeister nun mitsamt Sohn und Freundin auf die Reise. In den Alpen begegnet er einem Chinesen, der eigentlich mit der Geschichte eng verwoben ist …

    Spätestens hier nun ist es am Leser, im Sinne des Buchtitels zum Allesforscher zu werden und die verschiedenen Fäden und Handlungsstränge aufzunehmen und zu verweben. Das wirkt im ersten Augenblick verwirrend surreal, liest sich aber äusserst geschmeidig, denn Steinfest ist ein Autor, der zumindest im Steinbruch der Worte gewandt zu klettern versteht.

    Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2014 hätte dieses Werk durchaus verdient, gekrönt zu werden. Doch dazu hätte der 1961 geborene Verfasser seinen Roman wohl auf die Insel Hiddensee statt nach Taiwan verlegen müssen …

    Heinrich Steinfest
    Der Allesforscher. Roman
    Piper Verlag 2014 ISBN 978-3-492-05408-9

  • Chris Karlden: Unvergolten

    Chris Karlden: UnvergoltenLinda Förster läuft Gefahr, vollkommen den Verstand zu verlieren. Dabei hat die 29-jährige Grundschullehrerin, die nach einem Verkehrsunfall mühsam aus mehrtägigem Koma erwacht, schon in ihrer Kindheit viel durchmachen müssen. Sie wurde entführt und von einem psychotischen Täter in ein Erdloch gesperrt, aus dem sie nur gerettet wurde, weil der ermittelnde Kriminalist bei der Täterbefragung härter zufasste, als es das Regelwerk gestattet.

    Linda kann sich jedenfalls nur bruchstückhaft an den folgenschweren Autounfall erinnern, bei dem laut Polizei ihr Mann getötet wurde. Besonders schwierig ist, dass die Erinnerungsfetzen, die aus dem Nebel des Vergessens auftauchen, von den Ermittlungen abweichen. So sind zwar die wichtigsten ihrer Erinnerungen, die ihre Identität bilden, vorhanden. Doch darüber hinaus schütteln die Medizinmänner nur den Kopf und wollen sie gern länger zur Beobachtung unter ihren Fittichen behalten. Denn die Frau trifft angeblich Ärzte, die es gar nicht gibt. Sie glaubt, ihr damaliger Entführer, der lebenslang einsitzt, sei nachts in ihr Krankenzimmer gekommen und habe ihr eröffnet, sie jetzt endgültig ermorden zu wollen. Und sie ist überzeugt, allein in dem Auto gefahren zu sein, in dem ihr Mann den Unfalltod erlitt.

    Linda scheint durch den Zusammenstoß derart aus der Bahn geworfen, dass sie phantasiert und Gespenster sieht, die aus ihren Albträumen aufsteigen und real werden. Angehörige, Freunde, Ärzte und Kripoleute schütteln den Kopf ob ihrer wirren Geschichten. Als dann auch noch ein Mord geschieht, in den die junge Frau vielfältig verwickelt ist, gerät sie selbst unter Tatverdacht. In ihrer Verwirrung sucht sie das Gespräch mit dem Kinderpsychologen, der ihr zwanzig Jahre zuvor geholfen hatte, das Trauma der Entführung zu überwinden. Der kennt sie genau und erinnert, dass sie bereits als Kind monatelang unter Halluzinationen gelitten hatte und sich von ihrem Entführer, der fest hinter Schloss und Riegeln saß, leibhaftig verfolgt sah.

    Linda fürchtet nun bald selbst, durch den Unfall schizophren geworden zu sein. Wurde durch den Aufprall eine jener multiplen Persönlichkeiten in ihr geweckt, von denen sie sonst nur in Psychothrillern las? War sie vielleicht wirklich verrückt und stellte sie eventuell sogar eine Gefahr für die Allgemeinheit dar, wie ein Richter glaubt, der sie wegschließen lassen möchte?

    Chris Karlden versteht es, in langsamen Windungen Gestalten aus dem Unterbewusstsein aufsteigen und Gestalt annehmen zu lassen. Gekonnt schichtet er die Spannung in seinem Roman, der in einem echten Psychoverwirrspiel mündet. Bald wird alles zu einem Karussel von Wahn und Wirklichkeit, von Schein und Widerschein, von Realität und Fiktion.

    Um von ausgetretenen Krimi-Wegen abzuweichen, überschlägt der Autor sich allerdings am Ende selbst, in dem er versucht, den Geschehnissen immer noch eins drauf zu setzen. Das macht die Lektüre in des Schlußsequenzen anstrengend und könnte dazu führen, dass manch ein Leser die gesamte Story als ein klein wenig zu abgedreht empfindet.

    Unabhängig davon ist Chris Karlden ein hochtalentierter, anspruchsvoller Erzähler, auf dessen nächste Veröffentlichungen man gespannt sein darf.

    Chris Karlden
    Unvergolten. Psychothriller
    Edel eBooks
    ISBN 978-3-95530-560-4
    Erhältlich bei Amazon

    Hier geht es zur Rezension von Chris Karldens Erstling »Monströs«

  • Janice Steinberg - Blechmenagerie

    Steinberg, Blechmenagerie

    Elaine Greenstein bereitet sich auf ihren Lebensabend vor. Als Witwe mag sie nicht mehr alleine in dem großen Haus wohnen, in dem sie ihre Kinder großzog und mit ihrem Mann Paul glücklich war. Auf sie wartet eine seniorengerechte Wohnung in der "Rancho Manana", von ihr gewohnt spitzzüngig "Ranch ohne Morgen" genannt. Vorbereitend sichtet sie gemeinsam mit dem jungen Archivar Josh Papiere aus ihrem langen Leben als Anwältin. Natürlich sind darunter auch private Papiere und einige davon wecken die Aufmerksamkeit des eifrigen Archivars. Es sind Briefe vom zu seiner Zeit berühmten Detektiv Philip Marlowe, die sich mit einer in der Vergangenheit liegenden Tragödie befassen.

    Vor mehr als 60 Jahren hat Elaines Zwillingsschwester Barbara ihre Familie verlassen, seitdem gibt es von ihr nicht ein einziges Lebenszeichen. Elaines und Barbaras Familie lebte damals in Boyle Heights, dem jüdischen Stadtteil von Los Angeles. Elaines Eltern waren aus Rumänien emigriert, ihr Leben sowie das der Gemeinde war überschattet von den Judenverfolgungen in Europa. Es gelang ihnen, sich in Amerika eine neue Existenz aufzubauen und sich in die dortige Gemeinde zu verwurzeln. Dennoch - es gab Ungereimtheiten in der Geschichte der Eltern, vieles blieb ungesagt. Die Wirtschaftsdepression tat ein Übriges, der Familie und auch deren Freunden das Leben zu erschweren. Die Seniorin Elaine hat mit all dem eigentlich abgeschlossen, das redet sie sich zumindest ein. Dennoch stellt sie sich nach anfänglichem Widerstreben den Schatten und begibt sich mit Josh auf eine Reise in die Vergangenheit und auf die Suche nach Barbara.

    Jedes Familienmitglied wächst in einer anderen Familie auf, so sagt man. Oder auch, dass man nur das wahrhaben will, was in die eigene Biographie passt. So können die Erinnungen von Geschwistern ganz unterschiedliche sein. Dies ist das Kernthema von Janice Steinbergs groß angelegter Familiensaga "Blechmenagerie". So ist es in der Familie Greenstein gewesen, namentlich bei den "übrig gebliebenen " Schwestern Elaine, Audrey und Harriet. Und Barbara? Wo war sie all die Jahre? Welche Erinnerungen hat sie? Und warum hat sie die Familie verlassen und sich nie mehr gemeldet? In den Rückblenden erschließt sich sowohl die einst innige Verbundenheit der Schwestern als auch deren erbitterte Rivalität, die sich sowohl an der ungleich verteilten Zuneigung der Mutter als auch an der Liebe zu einem Mann entzündete.

    Als alte Frau wirkt Elaine zunächst sehr selbstbezogen und nörglerisch, doch das ändert sich in dem Maße, wie sie sich selbst ändert. Sie läßt alte Erinnerungen zu und erinnert sich mitunter auch liebevoll an ihr Aufwachsen in ihrer temperamentvollen Familie. Vor allem an den Großvater mit seinen hochfliegenden Ideen, seinen schöngefärbten Geschäften (soooo groß ist der Unterschied zwischen Buchhandel und Buchmacher ja nun auch wieder nicht..... ) und vor allem an seine Geschichten aus dem alten Land. Die Blechmenagerie - eine kleine Sammlung von Blechtieren, die der Großvater den Kindern anfertigte - wird in großen Ehren gehalten. Eins von ihnen - das Blechpferd (so auch der Originaltitel: Tin Horse) wird am Ende des Buches noch eine kleine, aber sehr wichtige Rolle spielen. Doch erst als Elaine alle Geheimnisse gelüftet hat, offenbart sich ein Verrat. Ein Verrat, den sie nie wird vergessen können, aber vielleicht verzeihen. Die Verzeihung gefördert durch liebevolle Erinnerungen. So hat sie es ihr Leben lang gehalten: "Wenn Eier zerbrechen, macht man am besten ein Omelett".

    Die Blechmenagerie zeichnet eine satte, bunte Familiengeschichte über mehrere Generationen. Sie erzählt von tiefer Geschwisterbindung, aber auch von den Träumen und Sorgen der amerikanischen Einwandergeneration im zweiten Weltkrieg. Gepflegt recherchiert und sorgfältig erzählt entsteht so ein Bild von einer hierzulande weitestgehend unbekannten, in Amerika fast vergessenen Welt: der eigene kleine Mikrokosmos des einstigen Boyle Heights, dem früher rein jüdischen Stadtteil von Los Angeles. Es entsteht ein anderes als das gemeinhin bekannte Bild der kalifornischen Metropole, das tiefe Einblicke in das Sittenbild dieser Epoche gewährt.

    Die "Blechmenagerie" ist ein sehr ruhig erzählter Roman, der durch liebevolle Charakterzeichnung und eine lebendige Darstellung überzeugt. Im Kern ist es ein Buch über die Frage: Wie können wir wissen, wer wir sind? Für manche sind Familie, Herkunft und ererbte Kultur ein komfortabler Weg, um ihre Identität zu finden. Für andere jedoch kann dieser Weg ein Gefängnis sein, und die Flucht um jeden Preis eine verzweifelte Notwendigkeit. Es ist ein Buch nicht nur über die Geschichten, die wir erzählen, sondern über die Geschichten, die wir glauben wollen, um uns selbst zu erkennen.

    Janice Steinberg lebt in San Diego, sie ist Kunstkritikerin u.a. für die "Los Angeles Time "und lehrt an verschiedenen Universitäten. Die "Blechmenagerie" ist ihr literarisches Debüt und ihr erster Roman, der auf Deutsch erscheint und im Übrigen ganz wunderbar in die Tradition des Eichborn Verlags passt.

    Janice Steibnreg 
    Blechmenagerie 
    Eichborn Verlag 2014
    480 Seiten
    ISBN 978-3-3847905646

  • Hugo Bettauer: Der Frauenmörder

    Ein erfolgloser Schriftsteller hat angeblich fünf alleinstehende Mädchen, die er über Kontaktanzeigen kennenlernte, aus Geldgier umgebracht. Die Beweise gegen den Verdächtigen sind erdrückend, allerdings fehlt jede Spur von seinen Opfern. So kommt es zu einem spektakulären Indizienprozess, zumal der Angeklagte jede Erklärung verweigert.

    Der angeklagte Autor glaubt, dass er ein genialer Dichter ist. Er sieht aber keine Möglichkeit, den Wall von Hindernissen des Literaturbetriebs, die sich ihm entgegenstellen, zu übersteigen. Sein Buch wird nicht gelesen, sein Stück nicht aufgeführt, er hat kein Geld und fühlt, dass er das elende Leben, das er führt, nicht mehr lange ertragen kann.

    Plante der Schriftsteller die Morde, um sich aus dem Dunkel emporzureißen, indem er zum Mittelpunkt einer ungeheuren Sensation wird? Oder ist alles eine große Komödie, die wohlbedacht inszeniert wurde und dem Literaturbetrieb den Spiegel vorhält? Der Berliner Polizeikommissar Joachim von Dengern, dem Qualitäten eines deutschen Sherlock Holmes nachgesagt werden, muss exakt recherchieren, bis er der Wahrheit auf den Grund kommt.

    Hugo Bettauers Roman »Der Frauenmörder« erschien bereits 1922. Die Veröffentlichung des Werks, das bei Amazon kostenfrei erhältlich ist, bietet eine Wiederentdeckung mit der Literatur der Zwanziger Jahre. Der als »Entdeckungsjournalist« gefeierte Schriftsteller mit jüdischen Wurzeln wurde 1872 bei Wien geboren und bald durch sein Engagement für sexuelle Freizügigkeit berühmt. Er verursachte diverse Skandale, weil er sich für ein modernes Scheidungsrecht, Straffreiheit bei Schwangerschaftsabruch und die Akzeptanz von Homosexualität einsetzte. Am 26. März 1925 erlag er im Alter von 52 Jahren den Folgen eines Attentats, das ein schießwütiger Nazi nach einer Hetzkampagne in den Medien auf ihn verübte.

    Thematisch kann man den Roman auch als ausgeklügelten Marketing-Tip für Self-Publisher lesen. Denn in diesem Werk will der Autor nicht durch die Tat berühmt werden. Er will durch sie seine bereits vorhandenen Werke berühmt machen und hat damit Erfolg.

  • Jörg Albrecht - Anarchie in Ruhrstadt

    Anarchie in Ruhrstadt Man sagt es schnell so dahin: "Ruhrstadt” – wenn man nach seiner Herkunft gefragt wird. Eine Zeitlang galt das als schick, doch dann liest man wieder vom ewigen Gezänk um das Ruhrparlament und fragt sich, ob das mit der Ruhrstadt wirklich so eine gute Idee ist und ob es nicht hauptsächlich um die Sicherung eigener Pfründe geht. Der Autor Jörg Albrecht hat die Sache mit der Ruhrstadt und der vielbeschworenen Kreativwirtschaft jetzt zu Ende gedacht. In seinem Buch "Anarchie in Ruhrstadt” entwirft er eine Utopie, die ganz schnell zur Dystopie wird und die Rahmenhandlung für das Theatertour-Projekt "Die 54.Stadt – Das Ende der Zukunft” bildet.

    September 2044: Rick und Julieta wollen aus der Ruhrstadt fliehen, aber das ist in der streng reglementierten und lückenlos überwachten "Mega-Urbanität” gar nicht so einfach. Sie starten an zwei entgegengesetzten Punkten der Metropole und erleben jeweils eine eigene Odyssee, die einer Albtraumreise durch eine gelebte Freak-Show gleicht. Dass so manches darin "nur” virtuell ist, macht es auch nicht besser, eher noch erschreckender.

    Begonnen hatte alles im August 2015. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft verkündet den Rückzug ihrer Regierung aus der Mitte NRW's, der aus dem Exil zurückgekehrte Schriftsteller György Albertz (Cameo-Auftritt des Autors?) übernimmt mit alten Freunden. Ab da gibt es nur noch RoW – Rest of World und die aus ehemals 53 Städten zusammengesetzte Ruhrstadt. Der Ausweg aus der im Ruhrgebiet nach wie vor herrschenden Ratlosigkeit kann nur die Kunst, die Kultur, eben die Kreativwirtschaft sein. Fortan klotzen nun Designer, Autoren, Musiker, Programmierer dort ran, wo einst Kohle gehauen und Stahl gekocht wurde.

    Jedem Bezirk wird eine andere Sparte zugeordnet. Im ehemaligen Recklinghausen toben sich nun die Werber aus, die Zeche Zollverein wird zur auch in RoW bewunderten Filmfabrik Whizzo Frizzo, in Mülheim regieren die Videogamer und Programmierer, Dortmund wird zum Zentrum der Modeschöpfer, die Schriftsteller sind am niederrheinischen Rande des Ruhrgebiets in seliger Klausur, Duisburg wird ganz der Natur zurückgegeben und heißt fortan Duschungelburg. Wohl besser so, wachsen hier doch ob der kontaminierten Böden wundersame Pflanzen, um die auch RoW die Ruhrstadt beneidet. Doch was als idealistisches Projekt begann, wird schon bald zu einem alles bestimmenden totalitären System. So wird aus der gewünschten Utopie im Buch eine bittere Satire über ein Gebiet, dass so gerne Metropole wäre und oft genug doch nur belächelt wird, vor allem, weil es sich immer im eigenen "klein klein” verliert.

    Etliches aus dem Buch mutet unangenehm bekannt an. Ist es nicht schon jetzt so, im Jahr vier nach der Kulturhauptstadt, dass Dienstleistung und Kultur zum heilsbringenden Strukturwandel aufgeblasen werden? Ist es nicht schon so, dass die Menschen im Ruhrgebiet eine bemerkenswerte Mobilität beweisen, die der der Städteplaner um einiges voraus ist? Jörg Albrecht treibt diese Mobilitätsbereitschaft nur auf die Spitze, indem die Menschen nun nicht nur den Konzerten und Events hinterherreisen, sondern dorthin geschickt werden, wo man ihre Arbeit verortet hat. Oder nehmen wir sein "Dschungelburg”, ehemals Duisburg. Ein gezielter Griff ins private Fotoalbum reicht und Bilder aus dem Duisburger Landschaftspark Nord illustrieren prima, dass diese Utopie längst auf dem Weg in die Wirklichkeit ist.

    Dschungelburg

    Jörg Albrecht hat eine Zeitlang in Dortmund gelebt und weiß genau, worüber er schreibt, was er kritisiert und was er möchte. Sein Buch steckt voller bitterer Wahrheiten, aber die Verbundenheit zu seiner alten Heimat und die Sorge um diese ist aus seinem Buch deutlich herauszulesen. Es ist nicht so, dass Albrecht die aufblühende Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet nicht begrüßt. Ganz im Gegenteil, es ist gerade mal 10 Jahre her, dass er selbst (vergeblich) in einem Theaterkollektiv versuchte, Subkultur im Ruhrgebiet zu vernetzen. Aber was er sich wünscht und dem Ruhrgebiet empfiehlt, wäre "mehr Heterogenität. Mehr Vielfalt und das auch gerne im Speziellen. Nicht eine Mall nach der anderen, nicht eine Philharmonie nach der nächsten.” *

    Das spektakuläre, überspitzte Scheitern seiner Utopie im Buch ist eine klare Mahnung, dass die Konzentration auf die Kreativwirtschaft zum Scheitern verurteilt ist. All die großartigen Industriekultur-Projekte werden die Montanindustrie und den Bergbau nie ersetzen können und der Blick über den Tellerrand der eigenen Stadt, ja mancherorts sogar des eigenen Dorfes tut mehr denn je not. "Anarchie in Ruhrstadt” ist Bestandsaufnahme plus Vision plus Desillusionierung minus Resignation, in Rahmenhandlung gepackt. Auf eine Art ist es das Buch, dass das Ruhrgebiet dringend braucht, auf eine andere Art jedoch ist es nicht massenkompatibel. Das Buch ist schwierig zu lesen, schon alleine, weil die Dramaturgie der Handlung nicht klar aufgebaut ist und durchweg in einem unterkühlten Präsens erzählt wird. Schwierig, sich auf einen Inhalt zu konzentrieren, wenn man fortwährend überlegt, in welcher Zeitzone man sich nun gerade wieder befindet.

    Der Stilmix ist gewagt, von Science Fiction über Regieanweisungen bis zu dokumentarischen Bestandsaufnahme geht alles wild durcheinander. Genau wie die Sprache, die sich manchmal noch mitten in einem Absatz von der abgehobenen Sprache der ideologisch Getriebenen hin zur Umgangssprache des kleinen Mannes auf der Straße wandelt. Es ist anzunehmen, dass Albrecht dies bewusst war und er es genau so gewollt hat. Vielleicht ist es eher nicht seine Intention, den "kleinen Mann auf der Straße” zu erreichen oder die Verantwortlichen in den Rathäusern, vielleicht will Albrecht mit diesem Buch und dem Projekt ganz gezielt die bei diesem Thema auffallend unambitioniert wirkende künstlerische Avantgarde ansprechen und aufrütteln, um diese mal in die Diskussion zu zwingen.

    Jörg Albrecht
    Anarchie in Ruhrstadt
    Wallstein Verlag, Göttingen, 2014 
    ISBN: 978-3-8353-1552-5

    Zitat Jörg Albrecht in einem Studiogespräch mit WDR 5
    D
    iese Rezension erschien zunächst in den Revierpassagen.de

  • Klaus Neukrantz – Barrikaden am Wedding

    Berlin, April 1929: In der von ökonomischen Krisen geschüttelten Hauptstadt bereitet sich die Arbeiterschaft auf ihren hohen Feiertag vor, den 1. Mai. Allerdings droht in diesem Jahr Ärger, denn der Polizeipräsident, ein SPD-Mann, hat sämtliche Umzüge und Versammlungen unter freiem Himmel verboten, die Herrschenden befürchten massive Proteste der Kommunisten gegen die »Hungerregierung«.

    Im roten Wedding beratschlagen der Betonträger Kurt Zimmermann und seine Genossen von der KPD, wie mit dieser Situation umzugehen ist und beschließen, wie gewohnt ihre Demonstration abzuhalten. Immer noch besteht die leise Hoffnung, dass die Stadtregierung zur Besinnung kommt und das Verbot rechtzeitig aufhebt. Vergeblich, denn die Sozialdemokraten befinden sich auf knallhartem Konfrontationskurs und rüsten sich zur Schlacht mit den verhassten Konkurrenten von links; die tollwütige Polizei sorgt für ein tagelanges Blutbad.

    Klaus Neukrantz hat mit seinem historisch detailgetreuen Kultroman um den »Blutmai« 1929 ein erstaunliches Buch geschrieben, eine atemlose Reportage, die klar Position bezieht und kaum Raum lässt für Zwischentöne. Es verwundert nicht wirklich, dass »Barrikaden am Wedding« sofort nach Erscheinen von der Obrigkeit verboten und der kommunistisch engagierte Autor später von den Nazis ermordet wurde.

    Ein zentrales Thema ist (wie beispielsweise auch in Alfred Döblins »November 1918«) die unrühmliche Rolle der Sozialdemokraten in der deutschen »Revolution« von 1918, das Zurückscheuen der SPD immer dann, wenn sich eine wirkliche Chance zur Veränderung bietet und die Anbiederung an die Mächtigen, die diese Partei bisweilen zeitweise dulden (müssen), aber sie stets nur zum Nutzen der eigenen Interessen einsetzen und niemals bereit sind, echte Zugeständnisse zu machen. Wer dabei Parallelen zum aktuellen Zeitgeschehen entdeckt, liegt wohl so falsch nicht.

    Natürlich ist das Buch auch eine Propagandaschrift für die damalige KPD, fein säuberlich werden die Lügen der (gegnerischen) Presse über die Ereignisse aufgelistet, die wehrhaften Arbeiter sind allesamt edel und heroisch, die Polizisten dagegen feige und brutal. Kurt und seine Frau erfahren am Ende eine Katharsis, die sie zu (noch) besseren Menschen und Klassenkämpfern macht. Allein, man würde dem Werk nicht gerecht, täte man es als bloße Agitationspolemik ab, denn es ist weitaus mehr: Ein packendes zeitgeschichtliches Zeugnis und ein verzweifelter Aufruf für Humanität und Gerechtigkeit.

    Herausgeber Frieling hat zu »Barrikaden am Wedding« ein höchst informatives Vorwort verfasst, das die historischen Zusammenhänge aufzeigt und auch die Biographie des Autors beleuchtet. Erschienen ist der Roman in Frielings Reihe »Bücher gegen den Strom« und es bleibt zu hoffen, dass er bald noch mehr solcher Schätze hebt.

    Klaus Neukrantz
    Barrikaden am Wedding
    Internet-Buchverlag 2014

  • David Guterson - Zwischen Menschen

    zwischen Menschen, David Guterson Es gibt Autoren, deren Werke man unbedingt lesen möchte. David Guterson gehört dazu. Ich mochte Guterson seit "Schnee, der auf Zedern" fällt, ich liebte ihn seit "Ed King". Nun ist mit "Zwischen Menschen" ein Band mit Kurzgeschichten erschienen, mit dem Guterson an den Beginn seines erstaunlichen literarischen Schaffens zurückgeht. Mit dem Short Stories Band "The Country ahead of us, a country behind" debütierte Guterson 1989.

    Im Original heißt dieser Band "Problems with people", es wäre ein schöner Untertitel gewesen für das durchaus treffende deutsche "Zwischen Menschen". Guterson erzählt mit unbestechlicher Beobachtungsgabe von Menschen, die um ihre zwischenmenschlichen Beziehungen kämpfen (müssen). Die meisten der Charaktere in seinen Geschichten bekommen zwar nicht einmal Namen, aber ihnen allen ist eine beinahe schon krankhaft zu nennende Selbstbeobachtung zu eigen. Alle sind sie in gewisser Weise isoliert, körperlich oder emotional. Sie alle scheinen sich aus zwischenmenschlicher Interaktion zurückzuziehen oder sie unbeholfen anzugehen.

    Dass "Zwischen Menschen" dennoch kein harter, unverdaulicher literarischer Brocken geworden ist, liegt an zwei Dingen. Zum einen an Gutersons akribischer Beobachtungsgabe, zum anderen an seinem lakonischen, aber dennoch pointierten Erzählstil, der ihm und dem Leser die nötige Distanz verschafft. Guterson beschreibt den Alltag, die Situationen und auch die Gefühle der Menschen, aber er nimmt daran nicht wirklich Anteil.

    Jede der zehn Geschichten ist eine Momentaufnahme. Das Aufeinandertreffen der Charaktere, egal ob in der Jugend ihres Lebens oder im hohen Alter, mutet immer zunächst eher banal an, die tieferen Bedeutungen erschließen sich erst später. Zärtlich, ergreifend und manchmal unerwartet erzählt er von den Bemühungen der Menschen, sich selbst und einander zu verstehen, als Individuen oder als Teil der Gesellschaft und eines historischen Moments. Er berichtet von lange zurückliegenden Tragödien wie dem Verlust eines jungen Freundes, von Eltern, die den Tod ihres Sohnes zu verstehen suchen und wirft dabei paradigmatische Fragen zu unserer Realität und unserer Zukunft auf.

    Manche Geschichten nehmen auch noch den letzten Rest Hoffnung, andere wiederum spenden neue. So wie die der Hundesitterin, die von einem grantigen alten Mann engagiert wird. Trotz aller Gegensätze entwickelt sich zwischen den beiden eine tiefe Bindung, die auch noch hält, als der alte Herr ins Hospiz kommt. Mit dieser Geschichte beweist Guterson einmal mehr sein Geschick, trotz aller Tragikomik anrühren und die Überraschungen feiern zu können, die in den Dramen des Alltags lauern.

    Die letzte Geschichte hingegen lässt den Leser ebenso traurig und ratlos zurück wie seinen Ich-Erzähler. Dieser reist mit seinem hoch betagten Vater nach Berlin. Dort hat der Vater seine frühe Kindheit verbracht, bevor er mit seinen Eltern noch kurz nach dem Beginn des Holocaust nach Amerika fliehen konnte. Die Beiden haben eine Holocaust-Gedenkstätten-Tour gebucht, doch nicht nur, dass der Vater sich an bestürzend wenig erinnert, auch ein Aufbrechen der alten Ressentiments scheint nicht machbar zu sein, ein Vergeben unmöglich. Dieser Unversöhnlichkeit gegenüber steht die junge deutsche, nicht jüdische Reiseleiterin, die an ihren Stellvertreter-Schuldgefühlen schwer trägt. Dennoch ist es so für sie einfacher. Der alte Mann mag die junge Frau, aber - er besteht darauf, dass sie eine "Krasawize" sein muss, eine richtige jüdische Klassefrau. Denn alles andere ist für ihn undenkbar.

    Die Kurzgeschichten sind so unterschiedlich wie die bisherigen Romane Gutersons. Einige sind so elegisch wie der Schnee, der auf Zedern fällt, andere erinnern an den so verschmitzten wie dunklen Humor aus dem Ganovenstück Ed King. Und auch wenn in den Geschichten nicht viel passiert, passiert doch irgendwie alles. Denn die Frage, die Guterson stellt, ist nie so sehr die nach dem Warum, es ist die Frage nach dem Wie: Wie können wir leben, wir können wir lieben.

    David Guterson
    Zwischen Menschen
    Verlag Hoffmann und Campe, 2014
    208 Seiten
    ISBN 978-3-455-40481-4

  • Christine Kabus - Töchter des Nordlichts

    Kabus-Toechter-des-Nordlichts-orgFinnmark 1915: Abrupt endet das friedliche, naturverbundene Nomadenleben des Sami-Mädchens Áilu. Auf der Wanderung zu den Sommerweiden ihres Stamms wird sie von norwegischen Beamten mitgenommen, die sie in ein Internat stecken. Dort und später in einem Waisenhaus soll sie zu einem "zivilisierten" Mädchen geformt werden. Nach langem Widerstreben ergibt sie sich in ihr Schicksal und wird die Vorzeige-Schülerin Helga. Doch der Tag kommt, an dem sie ihre Herkunft nicht länger verleugnen will - koste es, was es wolle.

    Oslo 2011: Die Erzieherin Nora erfährt mit Mitte dreißig endlich den Namen ihres Vaters: Ánok, ein samischer Student der Medizin. Er verschwand damals plötzlich aus dem Leben ihrer Mutter. Nora ist schon lange nicht wirklich glücklich in ihrem Leben, sie spürt, dass ihr etwas Entscheidendes fehlt, um sich selbst und das, was sie vom Leben wünscht, zu verstehen. Sie reist hoch in den Norden, auf den Spuren ihres Vaters in seine Heimat. Sie lernt die Sami und ihre Kultur kennen, ist fasziniert davon, doch es bleibt ihr lange fremd. Bis sie ihre Oma findet, mit ihr einen Teil ihrer Wurzeln und durch sie Mielat kennenlernt, einen Wissenschaftler und Hundezüchter, der in beiden Welten zu Hause ist und ihr hilft, über Generationen hinweg den Kreis zu Áilu zu schließen.

    "Töchter des Nordlichts" ist ein erstaunliches Buch. Anders als bei manch anderem Werk weckt die Beschreibung zunächst einmal Interesse, aber keine allzu hohen Erwartungen. Diese werden dafür dann aber um ein Vielfaches übertroffen. Man erwartet gediegene Unterhaltung, die bekommt man auch, aber - man sieht sich plötzlich mit einem Stück Geschichte konfrontiert, von dem man wenig wusste und das nun tief betroffen macht und den Leser ganz schnell ganz tief in den Sog dieser Geschichte zieht. Einerseits. Andererseits ist man aber erstaunt ob der Unwissenheit, die man bisher über dieses Kapitel europäischer Geschichte hatte. Wem ist das schon klar, dass es auch in Europa Ureinwohner gab, deren Kultur schändlich geschmäht und auszumerzen versucht wurde. So ergeht es auch Nora. Am Beginn ihrer Reise ist ihr Àilu sehr ferne, am Ende aber wird es auch Áilus Geschichte sein, die sie in der Zukunft leiten wird.

    Die in Vergessenheit geratene Kultur der Samen ist durchaus geeignet, nicht nur Nora unser heutiges Wertesystem in Frage stellen zu lassen. Die Autorin Christine Kabus untermalt dies eindringlich mit wunderbaren Landschaftsbeschreibungen, ehrlichen Eindrücken über das Leben im rauen Norden, gerne auch bezugnehmend auf die Sagen und Traditionen der alten Völker. Bei aller Eindringlichkeit erzhlt die Autorin in einem unaufregten, angenehm zurückgenommenen klassischen Stil. Die Zeitebenen wechseln, aber der Roman bleibt durchweg gut strukturiert, dabei hilft enorm, dass die Autorin die Technik des Cliffhangers routiniert beherrscht. Ihre Cliffhanger kommen gar nicht immer so spektakulär daher, bleiben aber lange genug in Erinnung, um beim Wechsel der Zeitebenen gut wieder an die jeweilige Geschichte anzuknüpfen und keine Fragen offen zu lassen. Ihren Charakteren bringt sie viel Verständnis und Wärme entgegen, gerade auch denen, die zunächst als stur und uneinsichtig vorgestellt werden. Deren Beweggründe werden gut erklärt in die Geschichte gewoben, ihre Entwicklung und überhaupt die aller Charaktere ist nachvollziehbar und wird gerne begleitet.

    Die Töchter des Nordlichts heben sich sehr angenehm ab von den leider oft genug einfach so dahingehudelten Romanen in diesem so einfach anmutenden und doch so schwierig zu schreibenden Genre des Gesellschaftsromans. Christine Kabus hat sorgfältig und aufwändig recherchiert, man merkt es gut, dass diese Fleißarbeit ihr letzten Endes das Erzählen leicht gemacht hat. Schön, dass diese Recherchen auch in Form von sorgfältig erstellten Stammbüchern und Karten mit dem Leser geteilt werden. Schon daran merkt man direkt zu Beginn, dass man hier nicht einfach so eine Familiensaga vorgesetzt bekommt, die jemand mal eben so zusammengeschrieben hat. Da hat sich eine Autorin viel Mühe und Gedanken gemacht. Auch wenn es manchmal den berühmten Tacken zuviel ist. Die Liebesgeschichte zwischen Mielat und Nora hätte auch eine Wendung weniger vertragen, auch Àilu hätte man gut und gerne den ein oder anderen Schicksalsschlag ersparen können. Dennoch nimmt man als Leser dieses kleine bißchen zuviel gerne hin, muss man sich doch dadurch nicht so schnell von den liebgewonnenen Charakteren trennen. Und letzten Endes weckt das Buch nicht nur Verständnis und Interesse, sondern auch Sehnsucht. Nach dem Nordlicht, der Landschaft, aber auch nach den Menschen, die dort leben und deren Kultur man gerne kennenlernen würde.

    Die Töchter des Nordlichts knüpfen lose an den Debütroman "Im Land der weiten Fjorde" der deutschen Autorin Christine Kabus an, der in den vergangenen zwei Jahren viele begeisterte Leser fand. Teil drei dieser Norwegen-Trilogie soll folgen, aber es ist kein Muss, diese Bücher zusammenhängend zu lesen, da es keine Fortsetzungsromane im eigentlichen Sinne sind. Die studierte Germanistin Christine Kabus arbeitete vor ihrer Autoren-Karriere als Drehbuchautorin und Regieassistentin. Heute betreut sie als Dramaturgin noch Projekte anderer Autoren und lehrt bei einer Drehbuchwerkstatt. Obwohl sie keine gebürtige Norwegerin ist und immer nur zu Besuch in diesem Land war, erzählt sie mit viel enthusiastischer Liebe zum Norden.

    Zudem freut es durchaus, dass eine deutsche Autorin sich so couragiert an das Genre des klassischen Gesellschaftsromans wagt und dieses Feld nicht nut den versierten Britinnen und Französinnen überlässt. Allzu oft trauen sich deutsche Autoren/Autorinnen das ja leider nicht und wenn, dann wird das gerne in einem kriminalistischen oder humoristischen Mantel verbrämt.

    Fazit: Für alle Liebhaber nordischer Welten und Kulturen ein Muss, aber auch sonst uneingeschränkt empfehlenswert. (Man lasse sich da nicht vom weniger gelungenen,
    leicht kitschigen Cover abschrecken)

    Christine Kabus
    Töchter des Nordlichts
    Bastei-Lübbe, Köln, 2014
    ISBN 978-3-404-16884-2
    557 Seiten

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