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  • Literaturzeitschrift.de fördert Tulpenschau

    Tulipan (2)In Literatur und darstellender Kunst steht die Tulpe für Vergänglichkeit. In der Blumensprache verkörpert sie hingegen Liebe und Zuneigung. Die Herausgeber von Literaturzeitschrift.de sind Tulipan-Paten. Mit einem bescheidenen Obolus fördern sie eine wundervolle Initiative des Britzer Gartens Berlins, wo in jedem Frühjahr eine farbenprächtige Tulpenschau veranstaltet wird.

    tulipan-pateZum 20jährigen Jubiläum der Grünanlage wurde 2005 die Veranstaltung »Tulipan im Britzer Garten« aus der Taufe gehoben. Mittlerweile ist die Tulpenschau in Berlin-Britz fest etabliert. Fans warten schon ungeduldig auf die bunten Blumenfelder und –wiesen im Frühling.

    Tulipan 6Jedes Jahr zieht die Schau neue Besuchergruppen in ihren Bann. Dieser erste Farbenrausch im Gartenjahr ist gleichzeitig schon ein Höhepunkt, denn nach langen Winterwochen mit Schnee und Eis ist die Sehnsucht nach Blumen und Farbe besonders groß.

    Tulipan (4)In 2015 haben sich die Herausgeber von Literaturzeitschrift.de einer aus Japan stammenden, wunderschön gefüllten Tulpe namens Akebono angenommen. Diese echte Darwinhybrid-Tulpe wurde nach dem legendären und unbesiegbaren Ringkämpfer Akebono benannt und hat genau wie der Ringkämpfer etwas unwiderstehlich Kraftvolles. Die hellgelben Blüten besitzen ein zartes rotes Rändchen und die äußeren Blütenblätter sind mit einer grün-weißen Flamme versehen.

    Tulipan (5)Das Team von Literaturzeitschrift.de ist stolz darauf, einen kleinen Beitrag für die Schau, die tausenden Besuchern Freude schenkt, leisten zu dürfen.

  • Elsa Rieger: Helene sucht eine große Zehe und entdeckt die Wirklichkeit

    Elsa RiegerElsa Rieger hat ihr Meisterwerk geschrieben. »Helene« beschwört wie schon in früheren Büchern der Autorin den Geist der Flower-Power-Ära und wird durchweht von der Musik jener farbenfroh-freigeistigen Zeit. In diesem Fall ist es der geheimnisvolle Lennon/McCartney-Song vom »Nowhere Man« aus dem Jahre 1965, der den Leser in Form einer Marionette durch das Leben einer jungen Frau begleitet.

    Ganz im Sinn des Songtitels ist Riegers Protagonistin Helene Meyerling eine »Frau nach Nirgendwohin«. Das Fräulein sitzt tagaus tagein in Vaters Wäschefabrik und schneidert Dessous, die der geschäftstüchtige Herr Papa zuvor auf Modemessen fotografiert hat. Das Wäscheland ist der Weißnäherin ein Niemandsland, sie kann selbst ihrem langsamen Aufstieg in die Geschäftsleitung wenig Freude abgewinnen. Statt dessen phantasiert sie gern viel und ausufernd. Das Fernweh hat sie fest im Griff; den Rest ihres Lebens will sie keinesfalls im langweiligen Wien in der Gesellschaft öder Unterhosen verbringen. Sie träumt, von einem Ritter entführt zu werden. Doch der lässt auf sich warten.

    Denn leider ist Helene ein hässliches Entlein und wird von der Männerwelt ignoriert. Sie empfindet sich als wenig liebenswert. Als ein begehrenswerter junger Mann sie verschmäht, weil ihre Brüste für seinen Geschmack zu klein sind, stopft sie sich mit Tollkirschen voll und wird nur dank ärztlicher Kunst ins Leben zurückgeholt. Künftig weicht sie jenen, die ihr gefallen, aus. Sie will keine Fehler machen und bedient sich deshalb bevorzugt in der Welt der Exoten. Mit dreißig hat sie immer noch keinen Schimmer, wie Liebe sich anfühlt. Helene ist in die Liebe an sich verliebt, sie sucht einen Spiegel, doch das misslingt immer wieder.

    Nun teilt sie mit Messerwerfern, Kleindarstellern der Passionsspiele, erfolglosen Komponisten, einem französischen Studenten, den sie für eine große Ratte hält, und Liliputanern mehr oder weniger freudvoll das Bett. Immer wieder fragt sie sich, warum sie nicht so geliebt werden kann, wie sie ist. Was ist nur eklatant falsch an ihr? Als sie schließlich zufällig erfährt, dass sie das Ergebnis eines Seitensprungs ihres Vaters mit einer feurigen Spanierin ist, stürzt sie noch weiter ab.

    Sie reist nach Spanien, wo sie auf ihre Großmutter trifft, zu der sie ein inniges Verhältnis aufbaut. Ihre Mutter ist als Flamenco-Tänzerin ständig on the road. Nach der spanischen Oma nennt sie ihr Kind, das sie von Moritz, dem Komponisten, empfängt, Desideria. Doch die Hoffnungen und Wünsche, die der Kindesname ausdrückt, gehen nicht auf. Die Beziehung zum Kindesvater zerbricht und auch das Verhältnis zur Tochter ist alles andere als unbeschwert. Selbst den Phantasien, die wie ein hungriges Krokodil unter ihrem Bett lauern und immer wieder ihren Wachzustand dominieren, kann sie nicht mehr vertrauen. Denn seit sie das Geheimnis um die Zehe ihrer Mutter gelüftet hat, kennt sie den Unterschied zwischen Wahrheit, Realität und der eigenen Wirklichkeit.

    Hier soll nicht der Ausgang der Geschichte verraten werden, die den Leser trotz deutlicher Längen zu fesseln versteht, so er sich denn auf ein Leben, das zwischen Traum und Wirklichkeit pendelt, einlassen mag. Elsa Rieger versteht es jedenfalls, durch Vor- und Rückblenden sowie das ständige Verweben realer und surrealer Ebenen Spannung zu erzeugen und vom Kurs einer linear erzählten Lebensgeschichte abzulenken. Der Roman, aus dem Temperament, Einfühlungsvermögen und Erfahrungsschatz der Autorin schimmern, ist in erster Linie ein Frauenroman. Aber auch der männliche Leser profitiert, weil der Text den Nimbus der starken Frau verdichtet auf den Kern einer sensiblen Persönlichkeit, die verzweifelt ihren eigenen Weg sucht und findet.

    Elsa Rieger
    Helene sucht eine große Zehe und entdeckt die Wirklichkeit
    Brokatbook Verlag 2015

  • Jessie Burton - die Magie der kleinen Dinge

    Die Magie der kleinen Dinge

    Die Niederlande im 17. Jahrhundert: Die junge Nella Oortman wächst in tiefster holländischer Provinz auf, ihre Familie hat neben einem guten Namen nicht mehr viel zu bieten. Wie damals üblich, geht sie eine arrangierte Ehe ein, ihren Gatten kennt sie vorher nicht. Drahtzieher sind ihre Mutter und ihre zukünftige Schwägerin. Ihr Gatte Johannes ist ein reicher Kaufmann aus dem prosperierenden Amsterdam, ihn lernt sie erst bei einer schmucklosen Trau-Zeremonie in ihrem Heimatort Assendelft kennen und das auch nur kurz, weil wichtige Geschäfte ihn schnell fortrufen. Nella tritt die Reise in ihr neues Zuhause, ein altehrwürdiges Amsterdamer Kaufmannshaus alleine an.

    Von der für sie ungewohnten Stadt ist Nella zunächst überfordert, noch schlimmer aber ist für sie der frostige Empfang im Haus ihres weiterhin durch Abwesenheit glänzenden Gatten. Ihre Schwägerin Marin begegnet ihr mit Hochmut und eisiger Distanz, sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie ihren Platz als Herrin des Hauses nicht räumen wird. Die Dienerschaft ist für Nella ungewohnt aufmüpfig, fremd und exotisch zugleich ist für sie Otto, der Diener ihres Mannes, ein ehemaliger Sklave.

    Ihre Welt ändert sich, als Johannes ihr sein außergewöhnliches Hochzeitsgeschenk präsentiert: ein schrankgroßes Puppenhaus, eine exakte Replik ihres neuen Zuhause. Nella will wenigstens dieses mit Leben füllen und greift auf die Dienste einer Miniaturistin zurück. Die winzigen Kreationen der schwer fassbaren und rätselhaften Künstlerin spiegeln ihre echten Vorbilder in unheimlicher und unerwarteter Weise. Zunächst machen jagen die Geschöpfe der Miniaturistin ihr Angst ein, enthüllen ihre winzigen kleinen Dinge und Puppen doch die ungewöhnlichen Geheimnisse ihrer auf den ersten so frommen neuen Familie. Schon bald jedoch betrachtet sie die Miniaturistin geradezu als Prophetin und fiebert ihren versteckten Hinweisen und Ratschlägen entgegen. Die Frage, ob diese Frau eher der Schlüssel zu ihrer Rettung oder doch die Archtitektin ihrer Zerstörung ist, verdrängt sie zunächst. Es dauert nicht lange und das Unheil bricht über das Kaufmannshaus hinein. Nella jedoch wächst mit den Schwierigkeiten und letztlich ist sie es, die denen, die das Unheil überleben, mit ungewohnter Stärke neue Zuversicht gibt

    Die Britin Jessie Burton hat mit "die Magie der kleinen Dinge" einen ungewöhnlichen Debütroman geschrieben. Als Theater-Schauspielerin hatte sie wenig Erfolg und besann sich auf ihre Liebe zum Schreiben, eine Leidenschaft aus früher Kindheit. Die Fan-Gemeinde kenntnisreich geschriebener Historien-Romane wird es freuen. Inspiration für ihren Roman war ein antikes Puppenhaus, welches als Exponat im Amsterdamer Rijksmuseum zu bewundern ist. Auch Nella Oortman hat es wirklich gegeben, das von Jessie Burton beschriebene Geschehen haben wir allerdings ihrer Phantasie zu verdanken.

    Die große Stärke der Autorin ist das atmosphärische Erzählen. Sie schreibt nicht nur über "die Magie der kleinen Dinge", sie erschafft sie auch. Die Handlung des Romans ist überschaubar, das Erzähltempo ist auch eher gemächlich. Man fragt sich unwillkürlich, woran es dann liegt, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag. Die Antwort liegt wohl vor allem im Flair dieses Buches, in der Welt, die Jessie Burton erschafft, bzw. wiederauferstehen lässt. Es ist, als ob all die Porträts, die man aus dieser Zeit kennt, diese ernst und humorlos dreinblickenden Menschen in dunkler Kleidung mit ihren gestärkten weißen Halskrausen und Hauben zum Leben erwachen. Die Autorin nimmt uns mit in eine Welt, so fern der heutigen - grausam und doch verlockend ob der klar aufgestellten Regeln, anziehend und abstoßend zugleich.

    Spannend und sehr interessant ist daneben der Blick auf eine weitere Hauptdarstellerin: die Stadt Amsterdam. Der Roman zeigt Amsterdam auf dem Höhepunkt seiner frühen Blütezeit, die Stadt breitet sich immer weiter aus, "baut immer höher, obwohl durchaus die Möglichkeit besteht, dass alle im Morast versinken". Die Stadt wird beherrscht von einer Melange aus Geld und Scham, man lebt eine Kultur des Widerspruchs. Die Liebe zu glitzerndem Reichtum und das Streben nach Wohlstand kollidieren allüberall mit der Furcht vor Todsünden, gepredigt wird gottesfürchtige Enthaltsamkeit - Bigotterie in Reinkultur. Keiner in dieser Stadt kann sich jemals sicher fühlen, die Fassade der Stadt wird dank gegenseitiger Überwachung aufrechterhalten. Die "in Wasser geschriebenen Regeln" der Stadt und ihrer Bewohner ersticken die Seele der Menschen.

    Wer heute die großen, so stark multikulturell geprägten Städte Hollands kennt, kommt selten auf den Gedanken, dass die Geschichte der Niederlande sehr lange nicht so bunt und tolerant war wie heute. Und auch heute noch kann man die Strenge bedrückender Religion gerade hinter den Fassaden der ländlichen, sehr calvinistisch geprägten niederländlichen Provinzen finden. Die akribisch recherchierte "Magie der kleinen Dinge" sorgt da durchaus für ein besseres Verständnis des historischen Zusammenhangs.

    Auch Nellas Ehemann Johannes und seine Schwester Marin verbringen ihr Leben in einem "unsichtbaren Käfig, dessen Gitterstäbe aus tödlicher Heuchelei bestehen", Am Ende werden sie von der Stadt, die vor allem Johannes und seinem kaufmännischen Geschick so viel verdankt, verraten.. Wie es mit Nella und den ihr Anvertrauten weitergeht, bleibt offen. Gewagt für einen Debütroman, aber schlussendlich folgerichtig, Der Leser bleibt in dieser durchgehend im Präsens geschriebenen Geschichte immer auf dem Kenntnisstand von Nella, nie ist er ihr voraus. Und wer weiß - vielleicht gibt es ja ein Wiederlesen?

    Jessie Burton, die Magie der kleinen Dinge, Limes Verlag, München 2015,
    467 Seiten plus Glossar
    ISBN 978-3-8090-2647-1

  • Amazon sucht Schreibtalente

    Fuellfederhalter»Entdeckt! Amazon Autoren-Preis« 2015

    In diesem Jahr vergibt Amazon.de bereits zum dritten Mal den »Entdeckt! Amazon Autoren-Preis«, der Schreibtalente aus dem deutschsprachigen Raum präsentieren und fördern soll. Bis zum 15. Mai 2015 haben Nachwuchs-Autoren die Möglichkeit, sich für die erste Abstimmungsrunde zu bewerben. Lesebegeisterte Amazon Kunden wählen in drei unabhängigen Runden den Favoriten aus, der im Herbst 2015 bekanntgegeben wird. Im letzten Jahr konnte Raúl Aguayo-Krauthausen mit seinem ganz persönlichen Plädoyer für Toleranz und Freude am Leben »Dachdecker wolle ich eh nicht werden: Das Leben aus der Rollstuhlperspektive« die Leser überzeugen und gewann den Nachwuchspreis 2014.

    Die Bewerbungsphase für Autoren

    Autoren und Verleger, die ihre Talente fördern möchten, können sich ab sofort bis zum 15. Mai für die erste Abstimmungsrunde unter www.amazon.de/entdeckt bewerben. Die Fristen für die zweite und dritte Runde enden am 14. Juni bzw. am 19. Juli. Amazon nominiert unter allen eingegangenen Bewerbungen jeder Abstimmungsrunde die vielversprechendsten Titel und stellt diese auf der Aktionswebsite zur Wahl. In jeder der mehrwöchigen Abstimmungsrunden entscheiden allein die Leser, welcher Autor es in die Finalrunde der besten drei schafft. Im Herbst wird dann der Gewinner des »Entdeckt! Amazon Autoren-Preis 2015« ebenfalls durch die Stimmen der Leser gekürt.

    Der Nachwuchspreis richtet sich an alle Autoren, die bislang nicht mehr als zwei Titel, inklusive des eingereichten Buches, veröffentlicht haben. Alle Einreichungen müssen als Print- und Kindle eBook-Version bei Amazon verfügbar sein. Dies gilt auch für Selbstverleger, die ihre Werke über CreateSpace oder Kindle Direct Publishing veröffentlicht haben. Zudem darf das Erstveröffentlichungsdatum des Titels nicht vor Juli 2014 liegen und das Buch muss in deutscher Sprache verfasst sein.

    Die Abstimmungsrunden

    Leser können in jeder der drei Abstimmungsrunden auf der Amazon Entdeckt!-Website für ihren Favoriten stimmen. Dort werden alle nominierten Autoren samt ihrer Werke vorgestellt, detaillierte Informationen und Interviews finden sich jeweils auf den persönlichen Autorenseiten. Die zur Wahl stehenden Titel können als Kindle E-Book heruntergeladen oder als Print-Variante erworben werden, wobei Leser die Möglichkeit haben, sich vorab Leseproben der Werke anzuschauen. In jeder Runde können die Teilnehmer ein Buchpaket gewinnen, das alle Titel der in dieser Runde nominierten Autoren enthält. In der Finalrunde gibt es die Chance auf den Gewinn aller im Wettbewerb befindlichen Titel.

    Die ausführlichen Teilnahmebedingungen finden Interessierte auf www.amazon.de/entdeckt unter dem Button „Jetzt anmelden“.

    Kritik an Amazon

    Bei der Abstimmung zum Autoren-Preis kam es im vergangenen Jahr zu öffentlicher Kritik an der Vergabepraxis von Amazon. So hatten wenige Stunden vor Ende der Abstimmung lediglich 39 Prozent für den späteren Gewinner gestimmt, 51 Prozent der Teilnehmer jedoch für einen anderen Autor.

  • John Le Carré - Empfindliche Wahrheit (A Delicate Truth)

    John_Le_Carré_Empfindliche_Wahrheit


    In der britischen Kolonie Gibraltar findet eine streng geheime Anti-Terror-Operation statt: Ein islamistischer Waffenkäufer soll entführt werden. Die Drahtzieher: Fergus Quinn, ein hochrangiges Regierungsmitglied, und Jay Crispin, Chef einer internationalen Sicherheitsfirma. Toby Bell, ein Mitarbeiter Quinns, stolpert über die geheime Aktion. Irgendetwas ist an der Sache faul und soll vertuscht werden. Seine Nachforschungen bringen ihn in eine gefährliche Lage. Toby muss sich zwischen seinem Gewissen und der Verpflichtung gegenüber dem britischen Geheimdienst entscheiden.
    [Klappentext]

    "Diese Herren da oben sind ausgezeichnete britische Gentlemen.
    Aber ich versichere Ihnen, sie werden Sie, ohne mit der Wimper zu zucken, töten."

    Zitat aus "Le Silencieux" (Claude Pinoteau, Frkr. 1973; dt. "Ich - Die Nr. 1")

    Nach dem Lesen dieses Romans bleibt die beklemmende Erkenntnis beim Leser zurück, dass das Fundament von überlegenem Recht und höherstehender Moral, auf das wir den Anspruch gründen, als sogenannter "Westen" besser zu sein, nicht mehr existent ist.
    Diese Botschaft ist in John le Carrés Werk zwar nicht neu, sie wird vielmehr bereits in seinem frühen Meisterwerk "Der Spion, der aus der Kälte kam" vermittelt - doch lässt der Autor keinen Zweifel daran, dass mit dem Vorgehen der USA und ihrer Verbündeten nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 eine neue Dimension erreicht wurde.
    Man stellt sich systematisch über jegliches internationale Recht und scheut auch nicht davor zurück, das eigene Rechtssystem auszuhöhlen - dies alles begünstigt durch den rasanten Fortschritt in der Digitalisierung der Welt und die darin veranlagten Möglichkeiten im Zeitalter zunehmender Vernetzung.
    Le Carré lässt keinen Zweifel an dessen Gefahren, wenn seine Protagonisten schließlich zu analogen Mitteln greifen (müssen), um der Allgegenwart eines Überwachungsstaates und dessen Zugriffsmöglichkeiten zu entgehen: Tonbänder, Briefe, persönliche Treffen (vorzugsweise auf dem Lande außerhalb des bekanntermaßen flächendeckend videoüberwachten Londons) - "nur nichts elektronisches".

    Die Einwohner der westeuropäischen Länder und der USA sind schon lange nicht mehr sicher vor Übergriffen ihrer eigenen Staatsorgane.
    Wir müssen die Bedrohung unserer Freiheit nicht mehr nur im Ausland oder in Terroristenkreisen suchen. Sie trägt kein fremdes Gesicht. Sie geht von Amtsträgern aus, von Personen, die für gewöhnlich gesteigertes Vertrauen der Bevölkerung für sich in Anspruch nehmen dürfen.
    Es ist eine fatale Entwicklung, dass unbescholtene Bürger eines demokratisch geführten Landes nun befürchten müssen, gerade von denjenigen, welche sie zu beschützen vorgeben und dazu aufgrund ihrer Funktion auch verpflichtet sind, bespitzelt, verschleppt oder gefoltert zu werden. Und selbst für politische Morde müssen wir den Blick nicht mehr in die Ferne schweifen lassen; sie können auch vor der eigenen Haustür geschehen, wie le Carré uns vor Augen führt.
    Doch wenn wir "Sicherheit" nur zu diesem Preis haben können, dann ist er zu hoch - denn er bedeutet im Ergebnis nichts anderes als einen bloßen Austausch der Täterschaft: Für das Opfer ist es schließlich völlig unerheblich, ob es im Auftrag einer Terrororganisation oder eines Staates entführt oder gar getötet wird.

    John le Carrés jüngster Roman ist ein Werk, dem man die Wut des Autors anmerkt - und das darum umso authentischer wirkt und einen Anstoß zu einer Debatte liefern könnte, die in der notwendigen Intensität erst noch geführt werden muss - denn ein "Aufwachen" der Bevölkerung, welches die unabdingbare Voraussetzung hierfür wäre, ist bislang ausgeblieben.

    Mit Toby Bell und Christopher "Kit" Probyn - der eine am Anfang seiner Karriere als Beamter im britischen Außenministerium, der andere am Ende derselben - hat le Carré einmal mehr zwei Durchschnittsmenschen zu Protagonisten der Handlung erhoben.
    Wie einst George Smiley üben sie den Beruf des Beamten im Dienste ihrer Majestät trotz bisweilen aufkommender Zweifel mit Überzeugung aus (Probyn wähnt sich auf Gibraltar für einen Augenblick gar - voller Stolz, seinem Lande einen Dienst erweisen zu können - in der Tradition von Größen des Empire wie Horatio Nelson) - nur sehen sie ihre Position neuerdings infrage gestellt.
    Optimierung lautet das Zauberwort, und dies bedeutet dem Zeitgeist entsprechend Privatisierung auch solcher Tätigkeiten, welche bis dato selbstverständlich von staatlichen Stellen ausgeübt wurden und die aufgrund ihrer besonderen Sensibilität auch in keinen anderen Händen als denjenigen demokratisch legitimierter Institutionen liegen sollten.
    "A Delicate Truth" verweist hier vor allem auf das Problem der Beauftragung privater Militärdienstleister zur Durchführung von Operationen, welche ansonsten von Einheiten der regulären Streitkräfte wahrgenommen würden. Besonders heikel wird diese Vorgehensweise dann, wenn die Dienstleister ihrerseits von politischen Lobbys getragen werden. So wird das Unternehmen Ethical Outcomes im Roman von christlich-konservativen Fundamentalisten US-amerikanischer Herkunft kontrolliert.

    Am Beispiel von Sir Christopher Probyn wird die Geschichte eines alternden Mannes erzählt, welcher sich in dieser veränderten Welt der Außenpolitik nicht mehr zurecht findet:
    Er handelt strikt nach den Regeln der politischen Institutionen, wie er sie einst gelernt hat - auch dann noch, als er längst hinreichend Anlass hat, an deren Integrität zu zweifeln - und fordert gleiches von seinem jungen Mitstreiter Toby Bell. Dabei entgeht ihm allerdings, dass eben diese Regeln gerade bei denjenigen, welche von ihren Untergebenen deren strikte Einhaltung einfordern, bestenfalls noch den Rang unverbindlicher Leitsätze einnehmen, die je nach Bedarf unterlaufen werden.
    Kit Probyns Entfremdung verdeutlicht sich auch an seinen Begegnungen mit der veränderten Umwelt: Er liefert eine handschriftliche Démarche bei einer Behörde ab, die am liebsten keine mehr wäre, deren Leiter nicht mehr als "Staatssekretär", sondern als "Geschäftsführender Direktor" bezeichnet wird, deren Personalabteilung zwischenzeitlich die zynische Bezeichnung "Human Ressources" erhalten hat und deren Mitarbeiter - eine ironische Fußnote zu demjenigen Attribut, welches in der Klischeevorstellung eines britischen Beamten niemals fehlen darf - sich selbst das Pfeiferauchen abgewöhnen mussten.
    Es entsteht ein Bild allgegenwärtiger Entmenschlichung und Kälte.
    Die rechtsstaatlichen Kontrollmechanismen gegenüber dem behördlichen Handeln sind - paradoxerweise im Namen effektiver Verteidigung gerade des Rechtsstaates - einer gewillkürten Erosion ausgesetzt, die sich eben erst im Anfangsstadium befindet.
    Korrespondierend wird eine Geheimjustiz mit Gerichtsverhandlungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit und mit eingeschränkten prozessualen Rechten der Angeklagten aufgebaut.

    Ein Mensch, dem demokratische Werte wirklich etwas bedeuten, muss an dieser Entwicklung notwendigerweise verzweifeln. Und so wird Kit Probyn am Ende als mehr oder minder gebrochener Mann auf die Trümmer eines Rechtsstaates blicken, an den er einmal geglaubt und dem er sein Berufsleben aus vollem Herzen gewidmet hat.
    Wer Recht sucht und sich eine Minimalchance zu dessen Durchsetzung erhofft, muss den Weg an die Öffentlichkeit beschreiten, zum Whistleblower werden - etwas, zu dem sich Kit Probyn nicht bereitfinden kann, da er dafür Verrat begehen und somit einen Weg beschreiten müsste, der für ihn als treuen Diener ihrer Majestät schon aus Gründen der Ehre nicht gangbar ist.
    Letztendlich obliegt es dem jüngeren Toby Bell, diesen Weg einzuschlagen - dem es zwar nicht unbedingt leichter fällt, der sich aber weniger durch Tradition und Ehre gebunden fühlt.

    John le Carré, selbst zwischen 1958 und 1964 für die britischen Geheimdienste MI5 und MI6 tätig, bezeichnete den Roman in einem Interview mit dem Daily Telegraph als seinen autobiographischsten seit langem. Toby Bell sei "der ungefähr dreißigjährige aufgehende Stern im Außenministerium Ihrer Majestät, [...] der eifrige und ehrgeizige Bursche, mit dem ich liebäugle, in seinem Alter ebenso gewesen zu sein." Wohingegen Sir Christopher ("Kit") Probyn "ein ziviler Bediensteter des Außenministeriums im Ruhestand ist, der im ländlichen Cornwall lebt," wo auch der Autor seit mehr als 40 Jahren seinen Wohnsitz hat, "in einem Haus auf dem Gipfel eines Kliffs außerhalb von St. Buryan, nahe Land´s End."
    [Jon Stock, "John le Carré gets personal for new novel", The Daily Telegraph, April 5th 2013.]

    "A Delicate Truth" ist einer der bemerkenswertesten Thriller der vergangenen Jahre, welcher die brennendsten - und dennoch für viele in ihrem Gesamtausmaß unbekanntesten - Bedrohungen für Freiheit und Demokratie unserer Zeit verhandelt.
    In der Nebenhandlung werden zudem kritische Schlaglichter auf die Politik von New Labour, infolge derer Großbritannien sich endgültig und sogar aus freiem Willen zum bloßen Verrichtungsgehilfen der USA herabgestuft hat, die Welt der Investmentbanken auf Canary Wharf und das desolate britische Gesundheitswesen geworfen.
    Die Massenüberwachung spielt in dem Roman zwar nur eine untergeordnete Rolle, ihre Existenz wird aber gleichsam vorausgesetzt, ist allgegenwärtig und stets spürbar. Es kann nach der Lektüre keinerlei Zweifel daran bestehen, dass das Monster, welches da vorgeblich zu unserer Sicherheit erschaffen wurde, eines Tages uns selbst fressen wird.
    Wir sollten also damit beginnen, uns Sorgen zu machen und mehr Misstrauen zu zeigen - es ist hoch an der Zeit! -, anstatt uns fortdauernd hinter dem Feigenblatt zu verstecken, wer nichts zu verbergen habe, brauche sich auch nicht zu fürchten.
    Bemerkenswert: "A Delicate Truth" erschien im Frühjahr 2013 und somit gleichsam als Ouvertüre zu den niederschmetternden Enthüllungen Edward Snowdens im Sommer des nämlichen Jahres.
    Dort noch in der Fiktion, hier schon in der Realität: Ein Whistleblower, dessen weiteres Schicksal im Dunkeln bleibt.

  • Mark Watson - Hotel Alpha

    Hotel Alpha Mark Watson

    Das "Alpha" ist eine Institution in London, das außergewöhnlichste Hotel der Metropole und wohl auch sein schönstes. Sein Besitzer, der charismatische Howard York, Selfmademan, Zauberkünstler und Alleskönner, hat sich mit dem Alpha das Reich seiner Träume gebaut. Er ist ein Mensch, der jedem das Gefühl gibt, einfach alles sei möglich. Ganz London liegt ihm zu Füßen und sonnt sich in seinem Glanz und dem seiner Bilderbuchfamilie; der bildschönen Gattin Sarah-Jane, JD, dem ältesten Sohn und Nachwuchsplayboy und dem blinden Adoptivsohn Chas, den Howard dareinst bei einem Brand aus den Flammen gerettet hat.

    Für Chas ist das Alpha noch mehr ein Kosmos im Kosmos als für die anderen. Er geht nicht gerne hinaus in die Welt, ihm reicht der Widerhall, den alles, was draußen geschieht, im Alpha erfährt und er findet Halt in den ganz eigenen Regeln des Hotels. Bis zwei Dinge seinen Horizont erweitern - das Internet im noch jungen Computerzeitalter und die Liebe. Sie alle werden begleitet und behütet von Graham, dem unnachahmlichen, einzigartigen, unentbehrlichen Concierge, Seele und guter Geist des Hauses seit dem Tage seiner Eröffnung.

    Doch ist wirklich alles so einzigartig, so perfekt wie es scheint? Ist das Alpha wirklich aus Träumen und Visionen erbaut oder gibt es da ein dunkles Geheimnis, eine Lüge gar, die in stillem Einverständnis von allen, die das Alpha lieben und glorifizieren, mitgetragen wird? Erste Risse bekommt das ach so perfekte Gebäude mit dem überraschenden Weggang zweier Mitarbeiterinnen, die vor allem Graham und Chas mehr als nur bloße Kollegialität bedeutet haben. Im Laufe der Jahre verliert Grahams Mantra "Je mehr die Dinge sich ändern, desto mehr bleiben sie, wie sie sind" seinen tröstlichen Charakter. Dinge ändern sich und mit ihnen das Licht, in dem der Held erscheint. Und das führt zu einem der wiederkehrenden Lieblingsthemen Mark Watsons: Manchmal sind es unwesentliche kleine Entscheidungen, die im Nachhinein ein furchtbares Gewicht bekommen.

    Einmal mehr ist es dem Briten Mark Watson mit dem "Hotel Alpha" gelungen, einen Kosmos zu erschaffen, den der Leser gerne betritt, mehr noch, von dem er sich wünscht, dazugehören zu dürfen. Die Geschichte des Hotels wird über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten abwechselnd aus der Perspektive Grahams und Chas' erzählt, wobei sie das Hotel nicht nur glorifizieren, sondern geradezu personifizieren. Howard ist ihr Held, der Charakter, um den sich alles dreht. Dennoch erfährt der Leser nichts aus seiner Perspektive, so dass Howard (fast) bis zum Schluß der unangefochtene Entertainer seiner eigenen Vision bleiben darf.

    Obwohl das Hotel vordergründig im Mittelpunkt steht, ist das Hotel Alpha letztendlich eine Familiengeschichte, in eine sehr geschickte, sehr ansprechende Rahmenhandlung gepackt. Der Rahmen des Hotels gibt dem Autor die Gelegenheit, eins seiner größten Talente zu entfalten: Zu zeigen, wie sich Charaktere entwickeln, wie Menschen sich miteinander vernetzen und wie vielfältig sie miteinander verbunden sind. Der Roman entwickelt sich wie eine gehobene Seifenoper für die unterhaltungssüchtige, aber anspruchsvolle Leserschaft. Es gibt die euphorische Anfangszeit, in der alles möglich scheint. Ein Feuer, welches alles beinahe zunichte macht, aber gerade eben nochmal gut ausgeht und so die eigentlich schon da fällige Katharsis um Jahrzehnte verzögert. Den technischen Fortschritt und schließlich eine weitere Beinahe-Katastrophe, die endgültig alle Mitwirkenden zwingt, den Schleier der Illusion zu lüften. Eine großartige Fernsehserie könnte man daraus machen!

    Auch Howard ist nur vordergrüding die Person, um die sich alles dreht. Je weiter die Handlung fortschreitet, desto klarer wird, dass seiin Mythos erst von denen ermöglicht wird, die scheinbar am Rande stehen und "nur" beobachten. Dass der Mythos Alpha, mit ihm der Mythos Howard so lange überlebt, das große Geheimnis so lange gewahrt bleibt, liegt an denen, die es wahren und beschützen, denen die sich nicht trauen, die sie wärmende Illusion aufzugeben. "Wenn das Alpha auch nicht die reale Welt war, so war es doch die, in der wir lebten." Es bleibt die Frage, wie geht man mit Veränderungen um, wie nimmt man sie an, ohne seine ureigensten Überzeugungen zu verraten und sich selber treu zu bleiben?

    Es hat eine gewisse berückende Logik, dass ein Ausnahmeschriftsteller wie Mark Watson, der schon in seinen vorherigen Romanen mit einem ganz eigenen, besonderen und warmherzigen Schreibstil gefiel, mit dem Hotel Alpha einen so eigenen, besonderen, von Warmherzigkeit gekennzeichneten Ort zum Mittelpunkt eines Romas macht. Das Hotel Alpha und seine Eigentümer zeichnen sich durch eine ganz besondere Atmosphäre, einen sehr speziellen Flair aus - ebenso wie die Bücher von Mark Watson.

    Auch im "Hotel Alpha" fällt eines wieder besonders auf: Bei aller Begabung zur Lakonie ist Watson ein Autor, der seine Protagonisten aufrichtig mag. Alle. Ausnahmslos. Auch die, die nicht als Sympathieträger angelegt sind. Watson hat für alles Verständnis, nichts Abseitige ist ihm fremd, er begleitet alle seine Charaktere mit Menschlichkeit und Nachsicht. Watson wirbt fortgesetzt für mehr Empathie und weniger Schubladendenken. Gerade heute - in einer Zeit allzu schnell festgesetzter Urteile - wichtiger denn je.

    Das Hotel Alpha ist ein kluges Buch, nie verliert es seinen optimistischen Unterton. Anspruchsvoll ob der vielen sich kreuzenden Geschichten und handelnden Personen schafft Mark Watson den Spagat zwischen Leichtigkeit und Tiefsinn und gibt dem Leser so ganz en passant den Glauben an die Wunder des Lebens und des Alltags zurück.

    Mark Watson genießt in England auch als Kolumnist, Radio- und Fernsehmoderator sowie als Stand-Up Comedian Kultstatus. Die Briten lieben ihn für seine Unerschrockenheit, seine klaren Worte und seine Experimentierfreude auf allen Gebieten. Früh schon hat er mit seinem Blog die Möglichkeiten, die das Internet ihm zusätzlich bietet, erkannt und genutzt. Konsequenz aus dieser Erfahrung und seiner Experimentierfreude ist nun eine fulminante Idee. Mit dem Schluss des Buches ist noch lange nicht Schluss mit dem Hotel Alpha.

    Auf der liebevoll und sorgfältig gemachten Seite hotelalphastories.de finden sich hundert weitere Stories aus dem Hotel-Kosmos. Eine Geschichte ist nun mal nicht nur auf das beschränkt, was man zwischen zwei Buchdeckel pressen kann. Anstatt das Internet zu verteufeln, nutzt Watson seine Möglichkeiten - ganz so wie Chas' in seinem Roman. Mit den Alpha-Stories hat er die Möglichkeit, seinen Kosmos noch schillernder auszubreiten und - der Leser muss sich nicht nach Ende der Lektüre allzu schnell von der gerade erst liebgewordenen Welt und den ans Herz gewachsenen Helden verabschieden. Der Vorsatz allerdings, das Goodie der 100 Stories nur wohldosiert zu genießen, lässt sich aufgrund des hohen Suchtfaktors von Watsons Geschichtens eher nicht halten.

    Mark Watson 
    Hotel Alpha 
    Wilhelm Heyne Verlag München 2015
    in der Verlagsgruppe Randon House 
    ISBN 978-3-453-26964-4
    352 Seiten 

  • Valentina Freimane - Adieu Atlantis

    Valentina Freimane führte ein Leben, in dem es keinen Mangel an historischen Katastrophen gab. Die Theater-,Film- und Kunstwissenschaftlerin wurde 1922 in Riga in eine lettisch-jüdische Familie hineingeboren und ist heute eine der letzten Überlebenden des Holocaust im Baltikum.
    Adieu Atlantis  
     Ihre Familie war eine der Kunst und Kultur zugeneigte kosmopolitische, wie es sie heute kaum mehr gibt. In ihrer frühen Kindheit pendelte sie mit ihren Eltern zwischen Riga, Paris und Berlin, in der über ganz Europa verteilten Großfamilie werden die verschiedensten Sprachen gesprochen. In Berlin bekleidete ihr Vater die exponierte Stelle des Rechtsberaters der UFA, man residierte nahe des Kurfürstendamms, frühe Stars der erwachenden Leinwandkunst, Regisseure und Schriftsteller waren ständige Gäste der Familie. Das große Vorbild der damals kleinen Valentina war der Filmstar Anny Ondra.

    Mit diesen unbeschwerten Erinnerungen beginnen ihre Memoiren. In Adieu Atlantis blickt Valentina Freimane zurück auf den ersten Teil ihres Lebens. Auf die unbeschwerten, von kultureller Großzügigkeit geprägten Jahre folgten Jugendjahre in Riga, in denen sie die dreifache Okkupation des Baltikums - zunächst durch die noch junge Sowjetunion, dann durch den Einzug der deutschen Wehrmacht und schließlich wieder durch die Rückkehr der Sowjets - durchlitt. Sie verlor ihre Eltern, ihren Ehemann und fast alle weiteren Verwandten. Valentina Freimane selbst fand an verschiedenen Orten Unterschlupf, unter anderem beim Minderheitenpolitiker und Journalisten Paul Schiemann, der im Gegensatz zu den meisten Deutschbalten nicht umgesiedelt war und der ihr während dieser Zeit seine Memoiren diktierte.

    Zunächst aus der Perspektive des unbeschwerten, von allen Seiten geliebten Kindes, später dann aus der Sicht der jungen Frau läßt sie für den Leser in Adieu Atlantis ein spannendes Zeitgemälde entstehen. Ihre Erinnerungen sind ein Zeugnis einer untergegangen Welt, eines versunkenen Atlantis, das bisher in den Geschichtsbüchern wenig Würdigung erfuhr und gerade in unseren Breiten weitgehend unbekannt ist. Daneben sind es auch die Erinnerungen an die ihr Schutz gewährenden Menschen, die einen breiten Raum in ihren Erinnerungen einnehmen und denen sie damit eindrucksvoll Reminiszenz erweist.

    Die Lebensgeschichte Valent?na Freimanes ist eng mit der Geschichte nicht nur Europas, sondern vor allem auch mit der Lettlands verknüpft und eröffnet einen vielschichtigen Blick auf diese Zeit. In der Tat ist es ja so, dass nicht nur immer weniger Zeitzeugen unter uns leben, die noch authentisch von dieser Zeit erzählen können, sondern gerade auch die damaligen Lebenswirklichkeiten im Baltikum und vor allem die der dort lebenden Juden hierzulande weitgehend unerzählt sind. Valentina Freimane schließt eine Lücke und macht nicht zuletzt dadurch Adieu Atlantis so lesenswert.

    Zu Beginn ihrer Erzählungen meint man, ein osteuropäisches Pendant zu den Buddenbrooks vor Augen zu haben. Lebhaft und bildgewaltig erzählt sie vom Glanz vergangener Zeiten, von einem der klassischen Bildung verpflichteten Haushalt. Später dann ändert sich das Bild, wenn sie von der sich unerwartet schnell verändernden Lebenswelt der baltischen Juden, von ihrem lange gehegten Irrtum, durch die lettische Staatsbürgerschaft geschützt zu sein und schließlich vom Untergang einer Hochkultur erzählt. Darüber hinaus aber zeigt das Buch auch - losgelöst vom historischen Kontext - die Wichtigkeit einer Erziehung, in der Kindern Selbstvertrauen und Möglichkeiten zur freien Entfaltung gegeben wird.

    Ihr Buch ist wie ein direktes Gespräch mit einem Zeitzeugen. Freimane ist nicht die größte Schriftstellerin, das gibt sie selbst unumwunden zu. Manchmal strengen ihre Erinnerungen arg an, es fehlt ein wenig an Stringenz und Struktur. Andererseits ist es gerade dies, was ihre Erzählungen so authentisch und wertvoll macht. Es ist, als höre man einer alten Dame zu, die in ihrem Sessel sitzend plaudernd vom Einen zum Nächsten kommt. Es ist wahrhaftig, auch charmant, aber es ist auch streckenweise schwer zu lesen.

    Ihre Erinnerungen sind geprägt von Selbstvertrauen, dazu bemüht sie sich sichtlich, ohne Bitterkeit zurückzuschauen. Auch wenn sie aus der Perspektive des Kindes erzählt, Sachlichkeit, dem Leser die Möglichkeit eigener Urteilsfindung zu geben, ist ihr wichtig. Dabei ist ihr allerdings auch jederzeit bewußt, dass sie ihr Leben sehr privilegiert begonnen hat und ihr das auch so anerzogen wurde. Bei allem durchlebten Leid hat sie diese Attitude bis heute nicht abstreifen können. Sie weiß, dass sie kein Durchschnittsleben gelebt hat und ist stolz darauf. Ab und an kommt es dem Leser so vor, dass sie diese Besonderheit einmal zu oft und zu gerne herausstellt. Aber sei es drum. Es wurde Zeit, dass auch dieser Teil des Holocaust einmal erzählt wurde. Er ist es ebenso wie alle anderen, wesentlich besser dokumentierten Teilbereiche, wert erzählt zu werden. Freimanes Memoiren sind spät erschienen, aber sicher nicht zu spät.

    Man kommt während der Lektüre nicht umhin zu denken, wie traurig es ist, dass diese Welt versunken ist. Was könnte Lettland heute für ein einzigartiges Land sein, wie sehr war es damals multikulturell geprägt! Auf ihre Art nimmt Valentina Freimanes Buch eine Art Vermittlerposition ein. Zu oft werden die Erinnungen an diese Zeit von strikter antifaschistischer Erinnungskultur auf der einen und antibolschewistischer auf der anderer Seite geprägt. Adieu Atlantis ist auch ein Aufruf für Toleranz und Demokratie auf allen Seiten. In der gegenwärtigen Zeit wiederaufkeimender Verfeindung der Ideologien, namentlich in der Debatte über die Ukraine-Krise, könnten ihre Erinnerungen, so sie denn gehört werden, eine Brücke zwischen gegensätzlichen Weltanschauungen bauen. Und schon alleine deshalb sei dem Buch seine kleinen Schwächen verziehen und das Fazit gezogen: lesenswert und aller Ehren wert.

    Adieu Atlantis endet 1945. Aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Valentina Freimane es als überlebende Jüdin großbürgerlicher Herkunft nicht leicht in der Sowjetunion. Dennoch machte sie eine bemerkenswerte Karriere. Als promovierte Kunstgeschichtlerin arbeitete sie an der Lettischen Akadiemie der Wissenschaften. Ihre Verbindungen und Beziehungen ermöglichten es ihr, eine ihrer großen Leidenschaften, das Kino, mit ihren Studenten zu teilen und Filme aus den Teilen der Welt zu beschaffen, die sonst in der Sowjetunion nicht gezeigt wurden. Viele verehren sie bis heute für das von ihr so geschaffene Fenster zu einer ansonsten abgeschnittenen Welt. Bis heute lebt sie sowohl in Riga als auch immer wieder in Berlin.

    Valentina Freimane
    Adieu Atlantis
    Wallstein Verlag 2015
    332 Seiten

  • Norman Nekro Ein Nachruf

    Ein Freund ist gegangen.
    Plötzlich und unerwartet.
    Er wurde zum Wanderer zwischen den Welten.
    Seine schriftlichen Werke hat er uns in dieser Welt hinterlassen.
    Sie sprechen eine poetische Sprache.
    In seiner Kurzgeschichte "Der Tanz des Pfauenauges" beschreibt er das kurze, glückliche Leben dieses Symbols für Metamorphose.
    Es wirkt in nachhinein betrachtet wie eine Vorahnung.
    Zitat
    " Nicht das kleinste Wölkchen am tiefblauen Himmel stört die festliche Stimmung, in der die bereits von der Wehmut des Abschieds durchtränkten Strahlen der göttlichen Lebensspenderin die atemberaubende Farbenpracht des nahen Waldes mit einem fast unirdischem Leuchten verstärken."

    Zu wenig weiss ich über ihn, doch seine Symbole und seine Sprache kann ich deuten, sie brachte ihn mir nah.
    Durch sie entstand ein Gefühl von Nähe, von Freundschaft und Verständnis.

    Hoffentlich schöpfen diejenigen, die er hinterließ und die um ihn weinen ebenso Hoffnung aus seinen Werken.

    Über den Mensch, der hinter dem Pseudonym Norman Nekro stand, kann ich nichts sagen, nur das er sich freute, nun endlich in Rente, sich ganz dem schreiben widmen zu können.

    Traurig bin ich, das er uns verlassen musste.
    Gerne hätte ich noch mehr von ihm gelesen, gerne hätte ich weiter mit ihm über seine Bücher diskutiert, gerne hätte ich gesehen, wie er die Früchte seiner Arbeit erntet.

    Die Welt der Bücher hat einen Verlust erlitten.
    Seine Gedanken zum Leben und Sterben, seine fantastischen Geschichten, seine tiefe Liebe zur Natur und deren Selbstverständlichkeit werden fehlen.

    Ich lege euch seine Werke ans Herz!
    Lest sie, denkt über das Leben nach, seid dankbar, für jeden Tag der euch geschenkt wird.

    Lieber Norman, jetzt weisst du, ob du recht hattest.
    Ob es ein Wechsel der Welten ist und du jetzt in einer anderen Dimension ein anderes Leben hast.

    Ich hier in meiner Welt werde dich nicht vergessen.
    Deine Geschichten und Bücher werden mich weiter begleiten,
    dein Gedankengut mich weiter denken lassen!
    Dafür danke ich dir von Herzen.

    Daphne

  • Wilhelm Ruprecht Frieling - ABC der Verlagssprache

    Der Titel dieses großartigen Nachschlagewerks ist vornehmes Understatement pur, denn es wird weit mehr geboten als das mitunter etwas trockene Fachchinesisch der Verlagssprache und damit ist die Lektüre nicht nur lehrreich, sondern zudem durchaus unterhaltsam; dafür bürgt der Name des Autors.

    Erklärt werden neben der Geheimsprache der Verlage Begriffe aus dem Handwerk des Buchdruckens und –bindens, unterschiedliche Papierarten, Feinheiten der Sprache und Grammatik, diverse Lyrik- und Prosaformen und natürlich alles aus den Bereichen Elektronik und E-Publishing, Frielings aktuell bevorzugte Tummelplätze. Wer also neugierig ist, was sich z.B. hinter »Drelfie«, »Ebarbieren« und »Elefantenrüssel« verbirgt, wird hier rasch fündig.

    Das Werk ist als Taschenbuch und E-Book verfügbar, letzteres bietet neben dem geringeren Preis den weiteren Vorteil, dass man dank der komfortablen Verlinkung zielsicher zwischen den verschiedenen Begriffen hin- und herspringen kann; die Möglichkeiten moderner Technik sind hier voll ausgeschöpft.

    Kaum jemand ist wohl kompetenter und prädestinierter für die Veröffentlichung eines solchen Lexikons als Rupi Frieling, der sämtliche Formen des Schreibens und Publizierens nicht nur von der Pike auf gelernt, sondern während seines gesamten Berufslebens auch praktiziert hat. Das Werk reiht sich nahtlos ein in die lange Linie seiner Bücher für Autoren und ist nicht nur für Self Publisher unverzichtbar.

    Wilhelm Ruprecht Frieling
    ABC der Verlagssprache
    Internet-Buchverlag 2015
    ASIN: B00RW21EN6

  • Die vierzig Geheimnisse der Liebe

    Elif Shafak, Die vierzig Geheimnisse der Liebe
    Kein und Aber pocket, 9783036959122, 12,90€

    Seelenverwandt sind sie, der allseits verehrte und universal gebildete Geistliche Maulana Dschalal ad-Din, genannt Rumi, und der Wanderderwisch Schams-e Tabrizi. In der anatolischen Stadt Komya treffen sich die beiden Männer im Jahre 1244 zusammen und sind fortan unzertrennlich. Sie befruchten sich gegenseitig und ergänzen einander in ihren theosophischen Erkenntnissen. Schams holt den etablierten Gelehrten gleichsam vom Sockel und zeigt ihm die Untiefen des Lebens. Liebe solle das Gerüst des Glaubens sein und das Miteinander der Menschen bestimmen. In sich selbst solle ein jeder Kraft und Frieden finden und jegliche Gewalt verwerfen, sich immer wieder auf die Reise ins eigene Selbst begeben und das Gute wie das Schlechte gleichermaßen annehmen. Doch Rumis streitbare Zeitgenossen und seine liebende Familie beobachten seinen Wandel mit Argwohn. Und obgleich Schams den lediglich regional bekannten Geistlichen Rumi zum später weltberühmten Dichter und Mystiker macht, trachten einige dem unbequemen Wanderderwisch nach dem Leben...
    Die türkischstämmige Autorin Elif Shafak erzählt diese Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln. Neben Rumi und Schams läßt sie auch Rumis Ehefrau, seine Söhne und Pflegetochter, Bettler, Trinker, Huren und andere Mitwirkende zu Wort kommen. So werden Zeitgeist und die Stimmung in der Stadt lebendig sowie der Kontrast zu Rumis wegweisender Lehre von der ewigen Liebe überdeutlich.
    Die weniger mitreißende Rahmenhandlung ist in einer amerikanischen Kleinstadt angesiedelt und kreist um das Schicksal der 40jährigen Ella. Die fürsorgliche Familienmutter möchte nebenher als Lektorin arbeiten und wird gleeich durch das erste Manuskript in ihren Grundfesten erschüttert. "Süße Blasphemie" heißt das Werk und stellt Ellas eingefahrenen Alltag, ihre Ehe und das Verhältnis zu ihren Kindern in Frage. Es geht um den Sufi-Dichter Rumi und seine vierzig Geheimnisse der Liebe...

    Kathrin Kowarsch

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