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  • Chris Karlden: Unvergolten

    Chris Karlden: UnvergoltenLinda Förster läuft Gefahr, vollkommen den Verstand zu verlieren. Dabei hat die 29-jährige Grundschullehrerin, die nach einem Verkehrsunfall mühsam aus mehrtägigem Koma erwacht, schon in ihrer Kindheit viel durchmachen müssen. Sie wurde entführt und von einem psychotischen Täter in ein Erdloch gesperrt, aus dem sie nur gerettet wurde, weil der ermittelnde Kriminalist bei der Täterbefragung härter zufasste, als es das Regelwerk gestattet.

    Linda kann sich jedenfalls nur bruchstückhaft an den folgenschweren Autounfall erinnern, bei dem laut Polizei ihr Mann getötet wurde. Besonders schwierig ist, dass die Erinnerungsfetzen, die aus dem Nebel des Vergessens auftauchen, von den Ermittlungen abweichen. So sind zwar die wichtigsten ihrer Erinnerungen, die ihre Identität bilden, vorhanden. Doch darüber hinaus schütteln die Medizinmänner nur den Kopf und wollen sie gern länger zur Beobachtung unter ihren Fittichen behalten. Denn die Frau trifft angeblich Ärzte, die es gar nicht gibt. Sie glaubt, ihr damaliger Entführer, der lebenslang einsitzt, sei nachts in ihr Krankenzimmer gekommen und habe ihr eröffnet, sie jetzt endgültig ermorden zu wollen. Und sie ist überzeugt, allein in dem Auto gefahren zu sein, in dem ihr Mann den Unfalltod erlitt.

    Linda scheint durch den Zusammenstoß derart aus der Bahn geworfen, dass sie phantasiert und Gespenster sieht, die aus ihren Albträumen aufsteigen und real werden. Angehörige, Freunde, Ärzte und Kripoleute schütteln den Kopf ob ihrer wirren Geschichten. Als dann auch noch ein Mord geschieht, in den die junge Frau vielfältig verwickelt ist, gerät sie selbst unter Tatverdacht. In ihrer Verwirrung sucht sie das Gespräch mit dem Kinderpsychologen, der ihr zwanzig Jahre zuvor geholfen hatte, das Trauma der Entführung zu überwinden. Der kennt sie genau und erinnert, dass sie bereits als Kind monatelang unter Halluzinationen gelitten hatte und sich von ihrem Entführer, der fest hinter Schloss und Riegeln saß, leibhaftig verfolgt sah.

    Linda fürchtet nun bald selbst, durch den Unfall schizophren geworden zu sein. Wurde durch den Aufprall eine jener multiplen Persönlichkeiten in ihr geweckt, von denen sie sonst nur in Psychothrillern las? War sie vielleicht wirklich verrückt und stellte sie eventuell sogar eine Gefahr für die Allgemeinheit dar, wie ein Richter glaubt, der sie wegschließen lassen möchte?

    Chris Karlden versteht es, in langsamen Windungen Gestalten aus dem Unterbewusstsein aufsteigen und Gestalt annehmen zu lassen. Gekonnt schichtet er die Spannung in seinem Roman, der in einem echten Psychoverwirrspiel mündet. Bald wird alles zu einem Karussel von Wahn und Wirklichkeit, von Schein und Widerschein, von Realität und Fiktion.

    Um von ausgetretenen Krimi-Wegen abzuweichen, überschlägt der Autor sich allerdings am Ende selbst, in dem er versucht, den Geschehnissen immer noch eins drauf zu setzen. Das macht die Lektüre in des Schlußsequenzen anstrengend und könnte dazu führen, dass manch ein Leser die gesamte Story als ein klein wenig zu abgedreht empfindet.

    Unabhängig davon ist Chris Karlden ein hochtalentierter, anspruchsvoller Erzähler, auf dessen nächste Veröffentlichungen man gespannt sein darf.

    Chris Karlden
    Unvergolten. Psychothriller
    Edel eBooks
    ISBN 978-3-95530-560-4
    Erhältlich bei Amazon

    Hier geht es zur Rezension von Chris Karldens Erstling »Monströs«

  • Janice Steinberg - Blechmenagerie

    Steinberg, Blechmenagerie

    Elaine Greenstein bereitet sich auf ihren Lebensabend vor. Als Witwe mag sie nicht mehr alleine in dem großen Haus wohnen, in dem sie ihre Kinder großzog und mit ihrem Mann Paul glücklich war. Auf sie wartet eine seniorengerechte Wohnung in der "Rancho Manana", von ihr gewohnt spitzzüngig "Ranch ohne Morgen" genannt. Vorbereitend sichtet sie gemeinsam mit dem jungen Archivar Josh Papiere aus ihrem langen Leben als Anwältin. Natürlich sind darunter auch private Papiere und einige davon wecken die Aufmerksamkeit des eifrigen Archivars. Es sind Briefe vom zu seiner Zeit berühmten Detektiv Philip Marlowe, die sich mit einer in der Vergangenheit liegenden Tragödie befassen.

    Vor mehr als 60 Jahren hat Elaines Zwillingsschwester Barbara ihre Familie verlassen, seitdem gibt es von ihr nicht ein einziges Lebenszeichen. Elaines und Barbaras Familie lebte damals in Boyle Heights, dem jüdischen Stadtteil von Los Angeles. Elaines Eltern waren aus Rumänien emigriert, ihr Leben sowie das der Gemeinde war überschattet von den Judenverfolgungen in Europa. Es gelang ihnen, sich in Amerika eine neue Existenz aufzubauen und sich in die dortige Gemeinde zu verwurzeln. Dennoch - es gab Ungereimtheiten in der Geschichte der Eltern, vieles blieb ungesagt. Die Wirtschaftsdepression tat ein Übriges, der Familie und auch deren Freunden das Leben zu erschweren. Die Seniorin Elaine hat mit all dem eigentlich abgeschlossen, das redet sie sich zumindest ein. Dennoch stellt sie sich nach anfänglichem Widerstreben den Schatten und begibt sich mit Josh auf eine Reise in die Vergangenheit und auf die Suche nach Barbara.

    Jedes Familienmitglied wächst in einer anderen Familie auf, so sagt man. Oder auch, dass man nur das wahrhaben will, was in die eigene Biographie passt. So können die Erinnungen von Geschwistern ganz unterschiedliche sein. Dies ist das Kernthema von Janice Steinbergs groß angelegter Familiensaga "Blechmenagerie". So ist es in der Familie Greenstein gewesen, namentlich bei den "übrig gebliebenen " Schwestern Elaine, Audrey und Harriet. Und Barbara? Wo war sie all die Jahre? Welche Erinnerungen hat sie? Und warum hat sie die Familie verlassen und sich nie mehr gemeldet? In den Rückblenden erschließt sich sowohl die einst innige Verbundenheit der Schwestern als auch deren erbitterte Rivalität, die sich sowohl an der ungleich verteilten Zuneigung der Mutter als auch an der Liebe zu einem Mann entzündete.

    Als alte Frau wirkt Elaine zunächst sehr selbstbezogen und nörglerisch, doch das ändert sich in dem Maße, wie sie sich selbst ändert. Sie läßt alte Erinnerungen zu und erinnert sich mitunter auch liebevoll an ihr Aufwachsen in ihrer temperamentvollen Familie. Vor allem an den Großvater mit seinen hochfliegenden Ideen, seinen schöngefärbten Geschäften (soooo groß ist der Unterschied zwischen Buchhandel und Buchmacher ja nun auch wieder nicht..... ) und vor allem an seine Geschichten aus dem alten Land. Die Blechmenagerie - eine kleine Sammlung von Blechtieren, die der Großvater den Kindern anfertigte - wird in großen Ehren gehalten. Eins von ihnen - das Blechpferd (so auch der Originaltitel: Tin Horse) wird am Ende des Buches noch eine kleine, aber sehr wichtige Rolle spielen. Doch erst als Elaine alle Geheimnisse gelüftet hat, offenbart sich ein Verrat. Ein Verrat, den sie nie wird vergessen können, aber vielleicht verzeihen. Die Verzeihung gefördert durch liebevolle Erinnerungen. So hat sie es ihr Leben lang gehalten: "Wenn Eier zerbrechen, macht man am besten ein Omelett".

    Die Blechmenagerie zeichnet eine satte, bunte Familiengeschichte über mehrere Generationen. Sie erzählt von tiefer Geschwisterbindung, aber auch von den Träumen und Sorgen der amerikanischen Einwandergeneration im zweiten Weltkrieg. Gepflegt recherchiert und sorgfältig erzählt entsteht so ein Bild von einer hierzulande weitestgehend unbekannten, in Amerika fast vergessenen Welt: der eigene kleine Mikrokosmos des einstigen Boyle Heights, dem früher rein jüdischen Stadtteil von Los Angeles. Es entsteht ein anderes als das gemeinhin bekannte Bild der kalifornischen Metropole, das tiefe Einblicke in das Sittenbild dieser Epoche gewährt.

    Die "Blechmenagerie" ist ein sehr ruhig erzählter Roman, der durch liebevolle Charakterzeichnung und eine lebendige Darstellung überzeugt. Im Kern ist es ein Buch über die Frage: Wie können wir wissen, wer wir sind? Für manche sind Familie, Herkunft und ererbte Kultur ein komfortabler Weg, um ihre Identität zu finden. Für andere jedoch kann dieser Weg ein Gefängnis sein, und die Flucht um jeden Preis eine verzweifelte Notwendigkeit. Es ist ein Buch nicht nur über die Geschichten, die wir erzählen, sondern über die Geschichten, die wir glauben wollen, um uns selbst zu erkennen.

    Janice Steinberg lebt in San Diego, sie ist Kunstkritikerin u.a. für die "Los Angeles Time "und lehrt an verschiedenen Universitäten. Die "Blechmenagerie" ist ihr literarisches Debüt und ihr erster Roman, der auf Deutsch erscheint und im Übrigen ganz wunderbar in die Tradition des Eichborn Verlags passt.

    Janice Steibnreg 
    Blechmenagerie 
    Eichborn Verlag 2014
    480 Seiten
    ISBN 978-3-3847905646

  • Hugo Bettauer: Der Frauenmörder

    Ein erfolgloser Schriftsteller hat angeblich fünf alleinstehende Mädchen, die er über Kontaktanzeigen kennenlernte, aus Geldgier umgebracht. Die Beweise gegen den Verdächtigen sind erdrückend, allerdings fehlt jede Spur von seinen Opfern. So kommt es zu einem spektakulären Indizienprozess, zumal der Angeklagte jede Erklärung verweigert.

    Der angeklagte Autor glaubt, dass er ein genialer Dichter ist. Er sieht aber keine Möglichkeit, den Wall von Hindernissen des Literaturbetriebs, die sich ihm entgegenstellen, zu übersteigen. Sein Buch wird nicht gelesen, sein Stück nicht aufgeführt, er hat kein Geld und fühlt, dass er das elende Leben, das er führt, nicht mehr lange ertragen kann.

    Plante der Schriftsteller die Morde, um sich aus dem Dunkel emporzureißen, indem er zum Mittelpunkt einer ungeheuren Sensation wird? Oder ist alles eine große Komödie, die wohlbedacht inszeniert wurde und dem Literaturbetrieb den Spiegel vorhält? Der Berliner Polizeikommissar Joachim von Dengern, dem Qualitäten eines deutschen Sherlock Holmes nachgesagt werden, muss exakt recherchieren, bis er der Wahrheit auf den Grund kommt.

    Hugo Bettauers Roman »Der Frauenmörder« erschien bereits 1922. Die Veröffentlichung des Werks, das bei Amazon kostenfrei erhältlich ist, bietet eine Wiederentdeckung mit der Literatur der Zwanziger Jahre. Der als »Entdeckungsjournalist« gefeierte Schriftsteller mit jüdischen Wurzeln wurde 1872 bei Wien geboren und bald durch sein Engagement für sexuelle Freizügigkeit berühmt. Er verursachte diverse Skandale, weil er sich für ein modernes Scheidungsrecht, Straffreiheit bei Schwangerschaftsabruch und die Akzeptanz von Homosexualität einsetzte. Am 26. März 1925 erlag er im Alter von 52 Jahren den Folgen eines Attentats, das ein schießwütiger Nazi nach einer Hetzkampagne in den Medien auf ihn verübte.

    Thematisch kann man den Roman auch als ausgeklügelten Marketing-Tip für Self-Publisher lesen. Denn in diesem Werk will der Autor nicht durch die Tat berühmt werden. Er will durch sie seine bereits vorhandenen Werke berühmt machen und hat damit Erfolg.

  • Jörg Albrecht - Anarchie in Ruhrstadt

    Anarchie in Ruhrstadt Man sagt es schnell so dahin: "Ruhrstadt” – wenn man nach seiner Herkunft gefragt wird. Eine Zeitlang galt das als schick, doch dann liest man wieder vom ewigen Gezänk um das Ruhrparlament und fragt sich, ob das mit der Ruhrstadt wirklich so eine gute Idee ist und ob es nicht hauptsächlich um die Sicherung eigener Pfründe geht. Der Autor Jörg Albrecht hat die Sache mit der Ruhrstadt und der vielbeschworenen Kreativwirtschaft jetzt zu Ende gedacht. In seinem Buch "Anarchie in Ruhrstadt” entwirft er eine Utopie, die ganz schnell zur Dystopie wird und die Rahmenhandlung für das Theatertour-Projekt "Die 54.Stadt – Das Ende der Zukunft” bildet.

    September 2044: Rick und Julieta wollen aus der Ruhrstadt fliehen, aber das ist in der streng reglementierten und lückenlos überwachten "Mega-Urbanität” gar nicht so einfach. Sie starten an zwei entgegengesetzten Punkten der Metropole und erleben jeweils eine eigene Odyssee, die einer Albtraumreise durch eine gelebte Freak-Show gleicht. Dass so manches darin "nur” virtuell ist, macht es auch nicht besser, eher noch erschreckender.

    Begonnen hatte alles im August 2015. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft verkündet den Rückzug ihrer Regierung aus der Mitte NRW's, der aus dem Exil zurückgekehrte Schriftsteller György Albertz (Cameo-Auftritt des Autors?) übernimmt mit alten Freunden. Ab da gibt es nur noch RoW – Rest of World und die aus ehemals 53 Städten zusammengesetzte Ruhrstadt. Der Ausweg aus der im Ruhrgebiet nach wie vor herrschenden Ratlosigkeit kann nur die Kunst, die Kultur, eben die Kreativwirtschaft sein. Fortan klotzen nun Designer, Autoren, Musiker, Programmierer dort ran, wo einst Kohle gehauen und Stahl gekocht wurde.

    Jedem Bezirk wird eine andere Sparte zugeordnet. Im ehemaligen Recklinghausen toben sich nun die Werber aus, die Zeche Zollverein wird zur auch in RoW bewunderten Filmfabrik Whizzo Frizzo, in Mülheim regieren die Videogamer und Programmierer, Dortmund wird zum Zentrum der Modeschöpfer, die Schriftsteller sind am niederrheinischen Rande des Ruhrgebiets in seliger Klausur, Duisburg wird ganz der Natur zurückgegeben und heißt fortan Duschungelburg. Wohl besser so, wachsen hier doch ob der kontaminierten Böden wundersame Pflanzen, um die auch RoW die Ruhrstadt beneidet. Doch was als idealistisches Projekt begann, wird schon bald zu einem alles bestimmenden totalitären System. So wird aus der gewünschten Utopie im Buch eine bittere Satire über ein Gebiet, dass so gerne Metropole wäre und oft genug doch nur belächelt wird, vor allem, weil es sich immer im eigenen "klein klein” verliert.

    Etliches aus dem Buch mutet unangenehm bekannt an. Ist es nicht schon jetzt so, im Jahr vier nach der Kulturhauptstadt, dass Dienstleistung und Kultur zum heilsbringenden Strukturwandel aufgeblasen werden? Ist es nicht schon so, dass die Menschen im Ruhrgebiet eine bemerkenswerte Mobilität beweisen, die der der Städteplaner um einiges voraus ist? Jörg Albrecht treibt diese Mobilitätsbereitschaft nur auf die Spitze, indem die Menschen nun nicht nur den Konzerten und Events hinterherreisen, sondern dorthin geschickt werden, wo man ihre Arbeit verortet hat. Oder nehmen wir sein "Dschungelburg”, ehemals Duisburg. Ein gezielter Griff ins private Fotoalbum reicht und Bilder aus dem Duisburger Landschaftspark Nord illustrieren prima, dass diese Utopie längst auf dem Weg in die Wirklichkeit ist.

    Dschungelburg

    Jörg Albrecht hat eine Zeitlang in Dortmund gelebt und weiß genau, worüber er schreibt, was er kritisiert und was er möchte. Sein Buch steckt voller bitterer Wahrheiten, aber die Verbundenheit zu seiner alten Heimat und die Sorge um diese ist aus seinem Buch deutlich herauszulesen. Es ist nicht so, dass Albrecht die aufblühende Kreativwirtschaft im Ruhrgebiet nicht begrüßt. Ganz im Gegenteil, es ist gerade mal 10 Jahre her, dass er selbst (vergeblich) in einem Theaterkollektiv versuchte, Subkultur im Ruhrgebiet zu vernetzen. Aber was er sich wünscht und dem Ruhrgebiet empfiehlt, wäre "mehr Heterogenität. Mehr Vielfalt und das auch gerne im Speziellen. Nicht eine Mall nach der anderen, nicht eine Philharmonie nach der nächsten.” *

    Das spektakuläre, überspitzte Scheitern seiner Utopie im Buch ist eine klare Mahnung, dass die Konzentration auf die Kreativwirtschaft zum Scheitern verurteilt ist. All die großartigen Industriekultur-Projekte werden die Montanindustrie und den Bergbau nie ersetzen können und der Blick über den Tellerrand der eigenen Stadt, ja mancherorts sogar des eigenen Dorfes tut mehr denn je not. "Anarchie in Ruhrstadt” ist Bestandsaufnahme plus Vision plus Desillusionierung minus Resignation, in Rahmenhandlung gepackt. Auf eine Art ist es das Buch, dass das Ruhrgebiet dringend braucht, auf eine andere Art jedoch ist es nicht massenkompatibel. Das Buch ist schwierig zu lesen, schon alleine, weil die Dramaturgie der Handlung nicht klar aufgebaut ist und durchweg in einem unterkühlten Präsens erzählt wird. Schwierig, sich auf einen Inhalt zu konzentrieren, wenn man fortwährend überlegt, in welcher Zeitzone man sich nun gerade wieder befindet.

    Der Stilmix ist gewagt, von Science Fiction über Regieanweisungen bis zu dokumentarischen Bestandsaufnahme geht alles wild durcheinander. Genau wie die Sprache, die sich manchmal noch mitten in einem Absatz von der abgehobenen Sprache der ideologisch Getriebenen hin zur Umgangssprache des kleinen Mannes auf der Straße wandelt. Es ist anzunehmen, dass Albrecht dies bewusst war und er es genau so gewollt hat. Vielleicht ist es eher nicht seine Intention, den "kleinen Mann auf der Straße” zu erreichen oder die Verantwortlichen in den Rathäusern, vielleicht will Albrecht mit diesem Buch und dem Projekt ganz gezielt die bei diesem Thema auffallend unambitioniert wirkende künstlerische Avantgarde ansprechen und aufrütteln, um diese mal in die Diskussion zu zwingen.

    Jörg Albrecht
    Anarchie in Ruhrstadt
    Wallstein Verlag, Göttingen, 2014 
    ISBN: 978-3-8353-1552-5

    Zitat Jörg Albrecht in einem Studiogespräch mit WDR 5
    D
    iese Rezension erschien zunächst in den Revierpassagen.de

  • Klaus Neukrantz – Barrikaden am Wedding

    Berlin, April 1929: In der von ökonomischen Krisen geschüttelten Hauptstadt bereitet sich die Arbeiterschaft auf ihren hohen Feiertag vor, den 1. Mai. Allerdings droht in diesem Jahr Ärger, denn der Polizeipräsident, ein SPD-Mann, hat sämtliche Umzüge und Versammlungen unter freiem Himmel verboten, die Herrschenden befürchten massive Proteste der Kommunisten gegen die »Hungerregierung«.

    Im roten Wedding beratschlagen der Betonträger Kurt Zimmermann und seine Genossen von der KPD, wie mit dieser Situation umzugehen ist und beschließen, wie gewohnt ihre Demonstration abzuhalten. Immer noch besteht die leise Hoffnung, dass die Stadtregierung zur Besinnung kommt und das Verbot rechtzeitig aufhebt. Vergeblich, denn die Sozialdemokraten befinden sich auf knallhartem Konfrontationskurs und rüsten sich zur Schlacht mit den verhassten Konkurrenten von links; die tollwütige Polizei sorgt für ein tagelanges Blutbad.

    Klaus Neukrantz hat mit seinem historisch detailgetreuen Kultroman um den »Blutmai« 1929 ein erstaunliches Buch geschrieben, eine atemlose Reportage, die klar Position bezieht und kaum Raum lässt für Zwischentöne. Es verwundert nicht wirklich, dass »Barrikaden am Wedding« sofort nach Erscheinen von der Obrigkeit verboten und der kommunistisch engagierte Autor später von den Nazis ermordet wurde.

    Ein zentrales Thema ist (wie beispielsweise auch in Alfred Döblins »November 1918«) die unrühmliche Rolle der Sozialdemokraten in der deutschen »Revolution« von 1918, das Zurückscheuen der SPD immer dann, wenn sich eine wirkliche Chance zur Veränderung bietet und die Anbiederung an die Mächtigen, die diese Partei bisweilen zeitweise dulden (müssen), aber sie stets nur zum Nutzen der eigenen Interessen einsetzen und niemals bereit sind, echte Zugeständnisse zu machen. Wer dabei Parallelen zum aktuellen Zeitgeschehen entdeckt, liegt wohl so falsch nicht.

    Natürlich ist das Buch auch eine Propagandaschrift für die damalige KPD, fein säuberlich werden die Lügen der (gegnerischen) Presse über die Ereignisse aufgelistet, die wehrhaften Arbeiter sind allesamt edel und heroisch, die Polizisten dagegen feige und brutal. Kurt und seine Frau erfahren am Ende eine Katharsis, die sie zu (noch) besseren Menschen und Klassenkämpfern macht. Allein, man würde dem Werk nicht gerecht, täte man es als bloße Agitationspolemik ab, denn es ist weitaus mehr: Ein packendes zeitgeschichtliches Zeugnis und ein verzweifelter Aufruf für Humanität und Gerechtigkeit.

    Herausgeber Frieling hat zu »Barrikaden am Wedding« ein höchst informatives Vorwort verfasst, das die historischen Zusammenhänge aufzeigt und auch die Biographie des Autors beleuchtet. Erschienen ist der Roman in Frielings Reihe »Bücher gegen den Strom« und es bleibt zu hoffen, dass er bald noch mehr solcher Schätze hebt.

    Klaus Neukrantz
    Barrikaden am Wedding
    Internet-Buchverlag 2014

  • David Guterson - Zwischen Menschen

    zwischen Menschen, David Guterson Es gibt Autoren, deren Werke man unbedingt lesen möchte. David Guterson gehört dazu. Ich mochte Guterson seit "Schnee, der auf Zedern" fällt, ich liebte ihn seit "Ed King". Nun ist mit "Zwischen Menschen" ein Band mit Kurzgeschichten erschienen, mit dem Guterson an den Beginn seines erstaunlichen literarischen Schaffens zurückgeht. Mit dem Short Stories Band "The Country ahead of us, a country behind" debütierte Guterson 1989.

    Im Original heißt dieser Band "Problems with people", es wäre ein schöner Untertitel gewesen für das durchaus treffende deutsche "Zwischen Menschen". Guterson erzählt mit unbestechlicher Beobachtungsgabe von Menschen, die um ihre zwischenmenschlichen Beziehungen kämpfen (müssen). Die meisten der Charaktere in seinen Geschichten bekommen zwar nicht einmal Namen, aber ihnen allen ist eine beinahe schon krankhaft zu nennende Selbstbeobachtung zu eigen. Alle sind sie in gewisser Weise isoliert, körperlich oder emotional. Sie alle scheinen sich aus zwischenmenschlicher Interaktion zurückzuziehen oder sie unbeholfen anzugehen.

    Dass "Zwischen Menschen" dennoch kein harter, unverdaulicher literarischer Brocken geworden ist, liegt an zwei Dingen. Zum einen an Gutersons akribischer Beobachtungsgabe, zum anderen an seinem lakonischen, aber dennoch pointierten Erzählstil, der ihm und dem Leser die nötige Distanz verschafft. Guterson beschreibt den Alltag, die Situationen und auch die Gefühle der Menschen, aber er nimmt daran nicht wirklich Anteil.

    Jede der zehn Geschichten ist eine Momentaufnahme. Das Aufeinandertreffen der Charaktere, egal ob in der Jugend ihres Lebens oder im hohen Alter, mutet immer zunächst eher banal an, die tieferen Bedeutungen erschließen sich erst später. Zärtlich, ergreifend und manchmal unerwartet erzählt er von den Bemühungen der Menschen, sich selbst und einander zu verstehen, als Individuen oder als Teil der Gesellschaft und eines historischen Moments. Er berichtet von lange zurückliegenden Tragödien wie dem Verlust eines jungen Freundes, von Eltern, die den Tod ihres Sohnes zu verstehen suchen und wirft dabei paradigmatische Fragen zu unserer Realität und unserer Zukunft auf.

    Manche Geschichten nehmen auch noch den letzten Rest Hoffnung, andere wiederum spenden neue. So wie die der Hundesitterin, die von einem grantigen alten Mann engagiert wird. Trotz aller Gegensätze entwickelt sich zwischen den beiden eine tiefe Bindung, die auch noch hält, als der alte Herr ins Hospiz kommt. Mit dieser Geschichte beweist Guterson einmal mehr sein Geschick, trotz aller Tragikomik anrühren und die Überraschungen feiern zu können, die in den Dramen des Alltags lauern.

    Die letzte Geschichte hingegen lässt den Leser ebenso traurig und ratlos zurück wie seinen Ich-Erzähler. Dieser reist mit seinem hoch betagten Vater nach Berlin. Dort hat der Vater seine frühe Kindheit verbracht, bevor er mit seinen Eltern noch kurz nach dem Beginn des Holocaust nach Amerika fliehen konnte. Die Beiden haben eine Holocaust-Gedenkstätten-Tour gebucht, doch nicht nur, dass der Vater sich an bestürzend wenig erinnert, auch ein Aufbrechen der alten Ressentiments scheint nicht machbar zu sein, ein Vergeben unmöglich. Dieser Unversöhnlichkeit gegenüber steht die junge deutsche, nicht jüdische Reiseleiterin, die an ihren Stellvertreter-Schuldgefühlen schwer trägt. Dennoch ist es so für sie einfacher. Der alte Mann mag die junge Frau, aber - er besteht darauf, dass sie eine "Krasawize" sein muss, eine richtige jüdische Klassefrau. Denn alles andere ist für ihn undenkbar.

    Die Kurzgeschichten sind so unterschiedlich wie die bisherigen Romane Gutersons. Einige sind so elegisch wie der Schnee, der auf Zedern fällt, andere erinnern an den so verschmitzten wie dunklen Humor aus dem Ganovenstück Ed King. Und auch wenn in den Geschichten nicht viel passiert, passiert doch irgendwie alles. Denn die Frage, die Guterson stellt, ist nie so sehr die nach dem Warum, es ist die Frage nach dem Wie: Wie können wir leben, wir können wir lieben.

    David Guterson
    Zwischen Menschen
    Verlag Hoffmann und Campe, 2014
    208 Seiten
    ISBN 978-3-455-40481-4

  • Christine Kabus - Töchter des Nordlichts

    Kabus-Toechter-des-Nordlichts-orgFinnmark 1915: Abrupt endet das friedliche, naturverbundene Nomadenleben des Sami-Mädchens Áilu. Auf der Wanderung zu den Sommerweiden ihres Stamms wird sie von norwegischen Beamten mitgenommen, die sie in ein Internat stecken. Dort und später in einem Waisenhaus soll sie zu einem "zivilisierten" Mädchen geformt werden. Nach langem Widerstreben ergibt sie sich in ihr Schicksal und wird die Vorzeige-Schülerin Helga. Doch der Tag kommt, an dem sie ihre Herkunft nicht länger verleugnen will - koste es, was es wolle.

    Oslo 2011: Die Erzieherin Nora erfährt mit Mitte dreißig endlich den Namen ihres Vaters: Ánok, ein samischer Student der Medizin. Er verschwand damals plötzlich aus dem Leben ihrer Mutter. Nora ist schon lange nicht wirklich glücklich in ihrem Leben, sie spürt, dass ihr etwas Entscheidendes fehlt, um sich selbst und das, was sie vom Leben wünscht, zu verstehen. Sie reist hoch in den Norden, auf den Spuren ihres Vaters in seine Heimat. Sie lernt die Sami und ihre Kultur kennen, ist fasziniert davon, doch es bleibt ihr lange fremd. Bis sie ihre Oma findet, mit ihr einen Teil ihrer Wurzeln und durch sie Mielat kennenlernt, einen Wissenschaftler und Hundezüchter, der in beiden Welten zu Hause ist und ihr hilft, über Generationen hinweg den Kreis zu Áilu zu schließen.

    "Töchter des Nordlichts" ist ein erstaunliches Buch. Anders als bei manch anderem Werk weckt die Beschreibung zunächst einmal Interesse, aber keine allzu hohen Erwartungen. Diese werden dafür dann aber um ein Vielfaches übertroffen. Man erwartet gediegene Unterhaltung, die bekommt man auch, aber - man sieht sich plötzlich mit einem Stück Geschichte konfrontiert, von dem man wenig wusste und das nun tief betroffen macht und den Leser ganz schnell ganz tief in den Sog dieser Geschichte zieht. Einerseits. Andererseits ist man aber erstaunt ob der Unwissenheit, die man bisher über dieses Kapitel europäischer Geschichte hatte. Wem ist das schon klar, dass es auch in Europa Ureinwohner gab, deren Kultur schändlich geschmäht und auszumerzen versucht wurde. So ergeht es auch Nora. Am Beginn ihrer Reise ist ihr Àilu sehr ferne, am Ende aber wird es auch Áilus Geschichte sein, die sie in der Zukunft leiten wird.

    Die in Vergessenheit geratene Kultur der Samen ist durchaus geeignet, nicht nur Nora unser heutiges Wertesystem in Frage stellen zu lassen. Die Autorin Christine Kabus untermalt dies eindringlich mit wunderbaren Landschaftsbeschreibungen, ehrlichen Eindrücken über das Leben im rauen Norden, gerne auch bezugnehmend auf die Sagen und Traditionen der alten Völker. Bei aller Eindringlichkeit erzhlt die Autorin in einem unaufregten, angenehm zurückgenommenen klassischen Stil. Die Zeitebenen wechseln, aber der Roman bleibt durchweg gut strukturiert, dabei hilft enorm, dass die Autorin die Technik des Cliffhangers routiniert beherrscht. Ihre Cliffhanger kommen gar nicht immer so spektakulär daher, bleiben aber lange genug in Erinnung, um beim Wechsel der Zeitebenen gut wieder an die jeweilige Geschichte anzuknüpfen und keine Fragen offen zu lassen. Ihren Charakteren bringt sie viel Verständnis und Wärme entgegen, gerade auch denen, die zunächst als stur und uneinsichtig vorgestellt werden. Deren Beweggründe werden gut erklärt in die Geschichte gewoben, ihre Entwicklung und überhaupt die aller Charaktere ist nachvollziehbar und wird gerne begleitet.

    Die Töchter des Nordlichts heben sich sehr angenehm ab von den leider oft genug einfach so dahingehudelten Romanen in diesem so einfach anmutenden und doch so schwierig zu schreibenden Genre des Gesellschaftsromans. Christine Kabus hat sorgfältig und aufwändig recherchiert, man merkt es gut, dass diese Fleißarbeit ihr letzten Endes das Erzählen leicht gemacht hat. Schön, dass diese Recherchen auch in Form von sorgfältig erstellten Stammbüchern und Karten mit dem Leser geteilt werden. Schon daran merkt man direkt zu Beginn, dass man hier nicht einfach so eine Familiensaga vorgesetzt bekommt, die jemand mal eben so zusammengeschrieben hat. Da hat sich eine Autorin viel Mühe und Gedanken gemacht. Auch wenn es manchmal den berühmten Tacken zuviel ist. Die Liebesgeschichte zwischen Mielat und Nora hätte auch eine Wendung weniger vertragen, auch Àilu hätte man gut und gerne den ein oder anderen Schicksalsschlag ersparen können. Dennoch nimmt man als Leser dieses kleine bißchen zuviel gerne hin, muss man sich doch dadurch nicht so schnell von den liebgewonnenen Charakteren trennen. Und letzten Endes weckt das Buch nicht nur Verständnis und Interesse, sondern auch Sehnsucht. Nach dem Nordlicht, der Landschaft, aber auch nach den Menschen, die dort leben und deren Kultur man gerne kennenlernen würde.

    Die Töchter des Nordlichts knüpfen lose an den Debütroman "Im Land der weiten Fjorde" der deutschen Autorin Christine Kabus an, der in den vergangenen zwei Jahren viele begeisterte Leser fand. Teil drei dieser Norwegen-Trilogie soll folgen, aber es ist kein Muss, diese Bücher zusammenhängend zu lesen, da es keine Fortsetzungsromane im eigentlichen Sinne sind. Die studierte Germanistin Christine Kabus arbeitete vor ihrer Autoren-Karriere als Drehbuchautorin und Regieassistentin. Heute betreut sie als Dramaturgin noch Projekte anderer Autoren und lehrt bei einer Drehbuchwerkstatt. Obwohl sie keine gebürtige Norwegerin ist und immer nur zu Besuch in diesem Land war, erzählt sie mit viel enthusiastischer Liebe zum Norden.

    Zudem freut es durchaus, dass eine deutsche Autorin sich so couragiert an das Genre des klassischen Gesellschaftsromans wagt und dieses Feld nicht nut den versierten Britinnen und Französinnen überlässt. Allzu oft trauen sich deutsche Autoren/Autorinnen das ja leider nicht und wenn, dann wird das gerne in einem kriminalistischen oder humoristischen Mantel verbrämt.

    Fazit: Für alle Liebhaber nordischer Welten und Kulturen ein Muss, aber auch sonst uneingeschränkt empfehlenswert. (Man lasse sich da nicht vom weniger gelungenen,
    leicht kitschigen Cover abschrecken)

    Christine Kabus
    Töchter des Nordlichts
    Bastei-Lübbe, Köln, 2014
    ISBN 978-3-404-16884-2
    557 Seiten

  • Rosemary McLaughlin - Die Frauen von Tyringham Park

    McLoughlin-Die-Frauen-von-Tyringham-Park-orgIrland im Jahr 1917: Die Familie Blackshaw residiert im Anwesen Tyringham Park mit allem Prunk und allen Privilegien des beginnenden 20. Jahrhunderts. Es herrscht eine gefühlskalte, egozentrische Mutter, der Vater glänzt meist durch Abwesenheit. Dazu bieten wir noch die lieben Töchterlein, eins hübscher als das andere, eine Dienstbotenriege, die das gesamte dramaturgische Spektrum von liebevoller Köchin bis hin zur grausamen Nanny abdeckt. Und jede Menge Pferde.

    Eines Tages verschwindet die jüngste Tochter der Familie spurlos. Entführung, Ermordung, Unfall? Das Schicksal der Kleinen bleibt lange Jahre ungeklärt. Eine Spur führt nach Australien - klar, bißchen Fernweh und eine Prise Aussiedlerromantik schadet nie. Die andere Spur verläuft sich am nahegelegenen Fluß. Die Jahre gehen ins Land, Ungereimtheiten und heimliche, nicht standesgemäße Liebschaften kommen ans Licht, alleine das Kind bleibt unauffindbar. Sein Verschwinden wirft einen Schatten über das Leben aller, die das Kind gekannt haben. Nur mit der Wahrheit, die sich nach Jahrzehnten offenbart, hat laut Klappentext keiner gerechnet. Mit der Banalität dieser Wahrheit wohl auch der bis dahin tapfer durchhaltende Leser nicht.

    Die Auflösung des Plots um die verlorene Schwester ist so flach wie nur eben geht. Das fiel mutmaßlich auch der Autorin auf, so dass sie sich ohne Vorwarnung und ohne vorherigen Bezug dazu schnell in ein esoterisches Geschwurbel rettet. Doch der Roman krankt nicht nur an dieser schon sensationell mißglückten Auflösung. Auf dem Cover steht tatsächlich: Wenn Sie Downton Abbey mögen, werden Sie diesen Roman lieben. Markige Worte. Man kann den Vergleich mutig nennen, anmaßend trifft es allerdings besser. Drehen wir es um: Wer Downton Abbey liebt, kann Tyringham Park allenfalls ansatzweise freundliches Wohlwollen entgegenbringen.

    Die Handlung an sich ist gar nicht so schlecht. Ein bißchen zu konstruiert, ein bißchen zu vorsehbar, aber - aus diesem Kaleidoskop an Schicksalschlägen, die unzweifelhaft einer blühenden Phantasie entspringen, hätte man was machen können. Hat man aber nicht. Es wird eher lieblos erzählt, die Sprache ist hölzern, manche Sätze wirken wie abgebrochen und Faden verloren. Manche Szenen scheinen wie zufällig in der Entwürfe-Schublade gefunden und schnell in den Roman hineingewürfelt. Wiederholungen sind das Stilmittel der Wahl, die Charaktere sind mit der Schablone gezeichnet, Hauptsache, es entspricht den Klischees. Und wenn nicht, dann wird ganz schnell mal überzeichnet. Schwarz-weiß klappt ja immer. Nirgendwo findet sich ein Charakter, mit dem sich identifizieren oder den man wenigstens mögen könnte. Es werden weder Sympathien geweckt, noch Mitleid. Der Leser bleibt ratlos und weiß nicht, ob die wie hingeschludert wirkende Erzähltechnik Absicht ist und wenn ja warum nur? Die Autorin ist gebürtige Australierin, lebt aber schon seit Jahrzehnten in Irland. Es nimmt schon Wunder, dass die Schauplätze derart lieblos und oberflächlich gezeichnet sind.

    Die größte sich an diesem Buch zeigende Begabung hat zweifelsohne der Verfasser des Klappentextes, der auf den Zug des Erfolges von Downton Abbey aufspringend es tatsächlich geschafft hat, Neugierde auf dieses Buch zu wecken. Noch einmal: Es mag ja sein, dass es in Downton Abbey auch oft nur um den British Tea zu jeder Stunde des Tages geht. Aber dieser Tee ist wenigstens erlesen und elegant, der von Tyringham Park ist allenfalls ein schaler Aufguß. So geschickt der Klappentext ist, man sollte ihn überdenken. Selbst wenn das Buch besser gewesen wäre - im Vergleich mit Downton Abbey kann man nur verlieren.

    Rosemary McLoughlin 
    Die Frauen von Tyringham Park 
    Verlag Bastei - Lübbe, 2014 
    ISBN 978-3-404-16930-6
    557 Seiten 

  • Sabine Heinrich - Sehnsucht ist ein Notfall

    Sehnsucht ist ein Notfall, Sabine Heinrich  "Mit Tobias geschlafen. Mit Johannes geschlafen. Und mit Oma jetzt auf der Flucht nach Italien" So sieht's doch mal aus. Tjanun. Passiert. Eva hat sich verheddert in ihrem Leben, da kann sie sich ebenso gut mit der Oma auf den Weg nach Italien machen.

    Diese Flucht hatte die Oma 10 Minuten vor der SMS so beschlossen. Schließlich ist Sehnsucht ein anerkannter Notfall und Spontanität Omas neues Markenzeichen. Hat sie doch mit 79 Jahren den Opa verlassen und wenn nicht jetzt, wann sonst ist die Zeit, endlich das Meer zu sehen? Für Oma trifft es sich ganz gut, dass auch der geliebten Enkelin, die gerade im "Chaos de luxe" steckt, der Sinn nach Flucht steht. Eva ist als Physiotherapeutin zwar beruflich angekommen, aber ansonsten plagt sie sich mit den typischen Problemen der Thirtysomethings herum. Heirat und Kinder? Wenn ja, wann? Und noch viel wichtiger mit wem? Ihr Lebenspartner Johannes hält sie zwar noch, aber leider auch für selbstverständlich. Da lernt sie den geschiedenen Vater Tobias kennen und verbringt mit ihm eine Nacht, die ebenso zauberhaft ist wie die Nachrichten, die er ihr anschließend schreibt. Eva braucht Luft, Licht und Zeit zum Nachdenken. Die will sie sich allerdings erst nehmen, wenn sie angekommen ist. Am Meer, mit der Oma. Einer Oma, wie viele 'anne Ruhr' sie haben. Die Oma, die sie nach dem frühen Tod der Eltern so liebevoll im alten Zechenhäuschen aufgezogen hat und die jetzt die Enkelin braucht. Nicht nur, um zu lernen, wie man diese kleinen smarten Alleswisser-Dinger bedient, um Eva damit bis zum Meer zu navigieren.

    Es gibt ziemlich genau 2 Radio-Moderatorinnen, die ich schon an der Stimme erkenne. Die in der Grauzone westliches Westfalen/ östliches Ruhrgebiet geborene Sabine Heinrich ist eine davon. Beim WDR-Radio eins live ist Frau Heinrich mittlerweile eine Institution, auch Fernsehzuschauern dürfte sie bekannt sein. Sie gehört zum Team der Kultsendung "Zimmer frei" und hat seit Ende 2013 ihre eigene Talkshow "Frau Heinrich kommt". "Und jetzt schreibt se auch noch" könnte man nun genervt aufstöhnen ob der Flut der selbstdarstellenden Möchte-Gern-Schriftsteller. Im Falle der Frau Heinrich war ich aber schon begeistert, bevor ich nur eine Zeile gelesen hatte. Denn wenn Frau Heinrich auch nur annähernd so charmant romanciert wie sie plaudert oder twittert, können es keine verlorenen Stunden werden, die man mit diesem Buch verbringt. Und ich hatte Recht.

    Ihr Roman-Debüt "Sehnsucht ist ein Notfall" erzählt zwei miteinander verwobene Geschichten mit ganz unterschiedlichen Enden. Eine Geschichte endet offen, die kann sich der Leser so ausmalen, wie er es gerne hätte. Letzere ist die Geschichte von Eva zwischen zwei Stühlen Männern. Noch am Meer erstellt Eva sich eine dieser beliebten und nichts bringenden Listen, auf der sie festhält, was für den einen oder den anderen Mann spricht. (Wobei sie auf Tobias Seite der Liste vergessen hat, dass Tobias derjenige ist, der versteht, dass Sehnsucht ein Notfall ist. Vielleicht fällt ihr das ja noch ein und sie entscheidet sich für Tobias. Das wäre mein persönliches Lieblingsende.)

    Aber zunächst einmal vertagt Eva diese Entscheidung, denn das Ende der anderen Geschichte, der Geschichte von der Oma, verdrängt alles andere. Diese Geschichte endet nach zu Herzen gehenden Szenen am Meer traurig mit einer Prise Trost. Und egal, wie Eva sich für ihre Zukunft entscheidet, eines wird sie immer mitnehmen: die Gewißheit, der Oma etwas immens Wichtiges ermöglicht zu haben. Eine Erinnerung wird sie ihr Leben lang tragen: "An einem sonnigen Tag im Januar gingen wir ins Meer und schrien vor Glück"

    "Sehnsucht ist ein Notfall" stellt die Fragen, die uns alle bewegen, egal, wie alt wir sind. Was ist Liebe, was will ich von ihr, was will ich von meinem Leben, von meinem Partner? Sabine Heinrich erzählt offen, ehrlich, ungeschminkt, wie man sie eben kennt. Manchmal melancholisch, aber oft genug blitzt auch die flapsige Art der Moderatorin durch. Sätze wie "Jetzt ist die Welt dunkelgrau und die Sterne bauen Überstunden ab" klingen allerdings vielleicht auch nur deswegen nicht kitschig, weil man ein Bild von der Autorin hat und ihre Stimme im Ohr.

    Fazit: Ein Romandebüt, dass ein Glücksfall statt Notfall ist. Traurig und tröstlich zugleich. Gerne mehr davon, Frau Heinrich.

    Sabine Heinrich
    Sehnsucht ist ein Notfall
    Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 2014
    285 Seiten
    ISBN 978-3-462-04621-2
    ( gibt es auch als E-Book sowie als Hörbuch, von der Autorin selbst eingelesen) 

  • Franz Michael Felder - Reich und Arm

    Die junge Magd Dorothee ist hin- und hergerissen zwischen zwei Männern, dem wohlhabenden Bauern Hans und dem armen Schlucker Jos. Natürlich könnte sie ihrem Herzen folgen, aber die Verhältnisse, die sind nicht so, denn die Herrschenden in der Dorfgemeinde, die Reichen und die Kirchenvertreter haben ihre eigenen Vorstellungen davon, was für die niederen Stände die beste Lösung ist. Und natürlich haben sie dabei nur das Gemeinwohl im Sinn.

    Der Autor Franz Michael Felder war mir bisher gänzlich unbekannt; somit gebührt mein Dank Perlenfischer Frieling (Herausgeber), der hier mal wieder einen Schatz gehoben und diese Wissenslücke geschlossen hat.

    Auch wenn bei diesem Roman vordergründig die Liebe im Mittelpunkt steht, so weist er doch weit mehr Facetten auf: Das ländliche Leben im 19. Jahrhundert mit all seinen Widrigkeiten und Beschränkungen, die Fremdbestimmung großer Teile der Bevölkerung durch privilegierte Eliten aus Wirtschaft und Kirche und der tägliche Existenzkampf fernab von malerischen Naturkulissen und romantisch bäuerlichen Idyllen. Die Sprache ist nicht einfach, weil poetisch und oft verlangen verschachtelte Sätze dem Leser einiges ab, aber ein Durchhalten lohnt sich allemal.

    Der Freigeist Franz Michael Felder verdiente sich seinen Lebensunterhalt tatsächlich als Bauer, im Gegensatz zu wesentlich bekannteren Vertretern dieser Art von Literatur und so schreibt er schonungslos authentisch. Seine sozialkritischen Schriften und besonders seine Ablehnung der klerikalen Macht brachten ihm die Ächtung seiner Mitmenschen ein, und das noch lange nach seinem Tod; die ganze Geschichte erzählt Frieling in einem bewegenden Vorwort zum Buch.

    "Reich und Arm" ist ein beeindruckendes Werk, das Geschichten aus dem echten Leben erzählt, dabei aber sprachlich anspruchsvoll elegant ist; nicht nur historisch Interessierte können hier bedenkenlos zugreifen, denn das Thema ist (leider) immer noch aktuell.

    Franz Michael Felder
    Wilhelm Ruprecht Frieling (Herausgeber)
    Reich und Arm
    Internet-Buchverlag 2014
    ASIN: B00MRLCKUI

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