szmmctag

  • Franz Kafka - Vor dem Gesetz

    Im Mittelpunkt dieser kleinen Kunstsammlung steht Franz Kafkas Parabel "Vor dem Gesetz", die seinem Roman "Der Process" entstammt. Wie so oft bei Werken dieses Autors lässt der Text den Leser zunächst einigermaßen ratlos zurück, denn er bekommt keine einfachen Lösungen geboten, sondern muss schon selbst das Gehirn einschalten und dann lohnt sich das auch.

    Passend zum Thema findet man 21 kritische Karikaturen des französischen Illustrators Honoré Daumier, allesamt gelungen, wenn auch wenig schmeichelhaft für die Jurisprudenz.

    Der Herausgeber Rupi Frieling höchstselbst hat ebenfalls eine Geschichte beigesteuert; "Die Sprengung", ein reichlich kafkaesker Text, der somit natürlich perfekt in den Rahmen passt.

    Abgerundet wird diese anspruchsvoll gelungene Zusammenstellung von Kleinodien durch interessante Kurzbiografien der Beteiligten; es bleiben also keine Wünsche offen.

    Franz Kafka
    Vor dem Gesetz
    Mit 21 Illustrationen von Honoré Daumier
    Internet Buchverlag, 2014
    ASIN: B00LIAAU4W

  • Donna Tartt - der Distelfink

    "Ich nehme an, es gab eine Zeit in meinem Leben, da hätte ich eine beliebige Anzahl von Geschichten gewußt, aber jetzt gibt es keine andere mehr. Dies ist die einzige Geschichte, die ich je werde erzählen können." Zwanzig Jahre ist es her, dass dieser Satz den Prolog von Donna Tartts geheimer Geschichte beendete,  zwanzig Jahre, in denen von der Autorin außer einem kleinen, schmalen Band nichts zu lesen war und man zu fürchten begann, dieser Satz wäre zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung geworden.

    Die geheime Geschichte. Viele werden sich erinnern, als Anfang der 90er Jahre dieses wortgewaltige Debüt wie aus dem Nichts auftauchte und unzählige Leser in seinen Bann zog. Es war eines der nachdrücklichsten Werke des ausgehenden 20. Jahrhunderts, ein Buch, das auch Jahrzehnte später unvergessen und präsent im Gedächtnis seiner Leser ist. Immer verbunden mit dem Wunsch, diese Autorin möge noch einmal so ein monumentales, berührendes, verstörendes Werk schreiben. Zwanzig Jahre Zeit hat sie sich dafür gelassen, zehn Jahre davon verbrachte sie damit, das so sehnlich erwartete zweite Meisterwerk zu verfassen. Zehn Jahre nicht nur für die Entstehung des Buches, zehn Jahre ist auch genau die Zeitspanne, den das Buch umfasst. Spannend, sich vorzustellen, wie die Autorin zehn Jahre in genau diesem Zeitraum mit ihrer Geschichte gelebt hat.

    Der Distelfink. Genauso verstörend, genauso begeisternd, genauso meisterhaft und monumental wie die geheime Geschichte. Noch bevor ich die erste Seite aufschlug, hatte ich meine ganz eigene Geschichte mit diesem Buch. Die geheime Geschichte gehört ganz sicher zu den "Büchern meines Lebens", meine Erwartungshaltung an ein nachfolgendes Werk war enorm und meine Aufregung groß, als ich vor 2 Jahren in einer holländischen Buchhandlung "het puttertje" sah. Mein Wunsch nach einem zweiten, ebenso epochalen Werk schien endlich erhört zu werden, doch ich musste mich noch lange gedulden, bis das Werk endlich auch dem deutschen Markt zugänglich war. Der Distelfink wurde zeitgleich in den USA und den Niederlanden veröffentlicht, was schon nach kurzer Lektüre nicht mehr verwundert. Ein entscheidender Teil des Buches spielt in Amsterdam, der Ich-Erzähler bezeichnet die Stadt als sein persönliches Damaskus und noch vor der Lektüre schien es mir eine gute Wahl. Das Bild, das ich mir von der Autorin und ihren Geschichten gemacht hatte, passt außerordentlich gut in diese Stadt.

    Der titelgebende Distelfink ist ein kleines, auf den ersten Blick unscheinbares Bild des holländischen Malers Carel Fabritius. Fabritius war ein Rembrand-Schüler, der 1654 bei einer Explosion der Delfter Pulvermühle ums Leben kam. Bei dieser Explosion ging auch ein Großteil seiner Werke verloren. Der bis heute erhaltene Distelfink ist ein Kunstwerk von unschätzbarem Wert und im den Haager Mauritshuis zu besichtigen. In Donna Tartts Roman wird dieses Bild wiederum durch eine Explosion bedroht. Im Roman ist das Bild eine Leihgabe im New Yorker Metropolitan Museum of Art. Der junge Theo Decker besichtigt es mit seiner Mutter, als sich die (fiktive) Explosion ereignet. Die Mutter verliert ihr Leben, das Kind Theo überlebt und nimmt im Chaos und der Panik der Explosion das Bild von der Wand und flieht mit diesem in eine ungewisse Zukunft. Das verstörte Kind wird von einem Ort zum anderen gereicht, seine einzige Konstante ist der Distelfink. Das kleine Bild ist Millionen wert, was ihm aber (noch) nicht klar ist. Für ihn ist es die letzte Verbindung zur Mutter, sein Trost inmitten seines von Einsamkeit und Verlassenheit geprägten Lebens.

    Donna Tartt, der Distelfink

    Einen Teil seiner Jugendjahre verbringt er in der surrealen Wüste unweit von Las Vegas. Dort lernt er den charismatischen, furchtlosen aber auch unzuverlässigen Ukrainer Boris kennen. Durch Boris erfährt Theo erstmals wieder ein Gefühl der Zugehörigkeit und Anerkennung, allerdings um den Preis einer nicht mehr endenden Sucht nach der Welt halluzinierender Drogen, in die Boris ihn mitnimmt. Es entwickelt sich eine Freundschaft, die Theos Leben bestimmen und überschatten wird. Boris Hang zur selbstverliebten Selbstzerstörung führt trotz mancher Wendungen, die die Handlung noch zurück ins Gute hätte führen können, zur Katastrophe. Wenn überhaupt etwas die mittlerweile erwachsenen Männer aus dieser Katastrophe herausholen kann, wird es die Liebe zur Kunst und zu Geschichten sein. Nur dieser "polychrome Rand zwischen Wahrheit und Unwahrheit" macht es ihnen "überhaupt erträglich, hier zu sein." "Unheil und Katastrophen sind diesem Gemälde durch die Zeiten gefolgt, aber auch die Liebe." Und so fügt Theo Decker seine Geschichte den "Geschichten der Menschen hinzu, die schöne Dinge geliebt und auf sie geachtet haben, [...] die sie buchstäblich von Hand zu Hand weiterreichten, strahlend singend aus den Trümmern der Zeit zur nächsten Generation von Liebenden und zur nächsten."

    Wie schon die geheime Geschichte ist auch der Distelfink getragen von Donna Tartts einzigartigen, unverwechselbaren Art zu erzählen. Sie erzählt leichtfüßig, manchmal bewusst lakonisch, um ihrer Erzählung das Schwere, die Tiefe zu nehmen. Doch so leicht man das Buch auch liest, so schwer hallt es nach, so schwer ist es zu ertragen. Auf der einen Seite ist es ein trauriges Buch, das auf die so banale wie bittere Wahrheit "aus diesem Leben kommt keiner lebend raus" hinausläuft. Auf der anderen Seite vermag das Buch auch Hoffnung geben. Nie wurde schöner klar, warum die Unsterblichkeit der Kunst solch ein Trost sein kann. Die Kunst zeigt uns "dass das Schicksal grausam ist, aber nicht beliebig" und dass das unausweichliche Gewinnen des Todes nicht bedeuten muss, dass "wir um Gnade winseln müssen. Es ist unsere Aufgabe, geradewegs hindurchzuwaten, mitten durch die Jauchegrube und dabei Augen und Herz offen zu halten" damit die "Gegenwart eine strahlende Scherbe der Vergangenheit in sich tragen kann". Schlussendlich sind es die buntesten Exzentriker aus dem Distelfinken, die den Leser mit der tröstlichen Gewissheit entlassen, "dass es zwischen der Realität auf der einen Seite und dem Punkt, an dem der Geist die Realität trifft" "eine mittlere Zone, einen Regenbogenrand",gibt, "wo die Schönheit ins Dasein kommt, das ist der Raum, in dem alle Kunst existiert und alle Magie." Kunst als Magie, die den Tod und allem Kummer überwindet.

    Der Distelfink ist aber nicht nur eine Reflexion über den Trost der Kunst, es ist auch ein Buch über Verlust, Obsession, Lebenskraft und die gnadenlose Ironie des Schicksals und vor allem über die Freundschaften, die all das mit sich bringen. Theo Decker hat sich nie von dem frühen, seine Welt erschütternden Ereignis der Explosion im Museum erholt, und es sind seine Freundschaften gewesen, die ihn bei aller zerstörerischen Kraft überhaupt am Leben erhalten haben. Und so endet dieses Buch in einem schon fast pilosophischen Diskurs nicht nur über die Macht der Kunst und der Freundschaft, sondern auch übergeordnet in der Frage, ob aus Gutem Böses erwachsen kann und umgekehrt.

    Der Distelfink ist ebenso wie die geheime Geschichte eine uralte, sich über die Jahrhunderte immer wieder wiederholende Geschichte, aber trotzdem ein klarer Gegenwarts-Roman. Der Vergleich mit einem anderen Buch der jüngeren Zeit drängt sich auf und es bleibt nur ein Schluss: Der Distelfink ist das, was Bonita Avenue gerne gewesen wäre. Anders als Peter Buwalda traut Donna Tartt ihren Lesern aber einiges zu. Risikofreudiger als sie kann man keine Bücher schreiben. Angefangen davon, wie unbeeindruckt sie sich die Zeit nimmt, die sie für ihre Bücher braucht bis hin zum Anfang des Buches, wo sich ein völlig kaputter Erzähler schon bald als Mörder entpuppt. Donna Tartt schreibt nicht, um Erwartungen zu erfüllen, sie schreibt, um ihre Geschichten zu erzählen. Man möge ihr folgen oder es lassen.

    Ich empfehle dringend: Folgen und sich auf die Geschichte einlassen, auch wenn es nicht einfach ist. Und wer die geheime Geschichte noch nicht kennt: Dringend nachholen.
    Sehr dringend.

    Donna Tartt, Der Distelfink, Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2013, ISBN 978-3-442-31239-9, 1022 Seiten
    Donna Tartt, die geheime Geschichte, Wilhelm-Goldmann-Verlag München, 1993, ISBN 3-442-30441-5, 572 Seiten

  • Michael Albrecht - Albsoluter Wahnsinn

    Er sitzt bei Günther Jauch auf dem heißen Stuhl, tritt beim europäischen Schlagerfest auf, lässt sich ein Buch von Boris Becker signieren, plagt sich mit marodierenden Zombie-Rentnern im Supermarkt herum, wird in Guantánamo von Elke Heidenreich gefoltert, leidet wie ein Hund im Düsseldorfer Karneval und dann steht auch noch die komplette Geissen-Family vor der Tür.

    Dies sind nur einige der Widrigkeiten, die das Leben für Michael Albrecht parat hält; er hat es also wahrlich nicht leicht, aber sein Pech ist das Glück des Lesers, der so in den Genuss kommt, an diesen Events teilzunehmen. Der Autor deckt dabei ein breites Spektrum ab; neben einigen ausgewählten Albträumen (s.o.) beschäftigt er sich auch mit dem grassierenden Wahnsinn in den Bereichen Medien, Politik, Religion, Kultur, Gesellschaft, Soziales, Konsum, Technik und Philosophie.

    Die Geschichten und Gedichte (ja, auch die gibt es und sie sind echte Kleinode) sind überaus witzig, der Humor ist aber dabei nicht platt, sondern intelligent; mitunter pointiert sarkastisch, aber nie zynisch formuliert. Michael Albrecht geht wachen Auges durch das Leben und schreibt über Dinge, von denen er etwas versteht; damit unterhält er den Leser nicht nur bestens sondern regt ihn auch zum Nachdenken an und das ist mehr, als man normalerweise geboten bekommt. Gerade in der Kategorie "Humor" finde ich es verdammt schwierig, deutsche Bücher zu finden, die die Messlatte eines Mario Barth oder anderen dieses Kalibers locker überqueren. Dem Autor ist nichts weniger als ein kleines Meisterwerk gelungen.

    Michael Albrecht
    Albsoluter Wahnsinn: Satiren aus dem Albtag
    CreateSpace Independent Publishing Platform, 2014
    ISBN-13: 978-1499340938

  • Erschütternd: Zwölf Jahre als Sklave

    12-years-a-slave-1024x682
    Durch den mit einem Oscar als bester Film des Jahres 2014 ausgezeichneten Film »12 Years a Slave« des britischen Regisseurs Steve McQueen ist ein 1853 erschienener autobiographischer Text wieder ans Licht der Öffentlichkeit gekommen, der in seiner Eindringlichkeit das Blut in den Adern gefrieren lässt.

    Es handelt sich dabei um »Zwölf Jahre als Sklave« von Solomon Northup, die bewegende Autobiographie eines frei geborenen schwarzen Amerikaners, der entführt und versklavt wurde, ehe er endlich befreit wurde. Dieser Augenzeugenbericht schildert aus erster Hand die barbarischen Bedingungen, unter denen viele Schwarze in den Südstaaten arbeiten und vegetieren mussten. Northup, den Sklavenhändler betäubten und seiner Familie entrissen, beschreibt eindringlich seine Erlebnisse als herrenloses Tier, das von seinen jeweiligen Besitzern nach Gutdünken herumgestoßen, misshandelt und verkauft werden konnte. Er bezeugt zugleich, dass es unter den Sklavenhaltern sowohl menschliche als auch grausame Männer gab.

    Regisseur Steve McQueen hatte schon länger den Wunsch, einen Film über Sklaverei zu machen und über einen Schwarzen zu erzählen, der in die Sklaverei verschleppt wird. Aber er wusste nicht, wie sich so etwas tatsächlich abgespielt hatte. Seine Frau riet ihm, sich an einem historisch verbürgten Fall zu orientieren. So entdeckten sie das Buch von Solomon Northup. Steve McQueen im Interview: »Als ich es las, war ich fertig … Es war, als hätte ich das Tagebuch der Anne Frank in die Hände bekommen.«

    Solomon_Northup_001Die Historikerin Petra Foede legte gemeinsam mit dem Buchgestalter und Setzer Rainer Zenz parallel zum Film eine Übersetzung der Erinnerungen Northups vor. Ihr E-Book brilliert (im Unterschied zu zeitgleich vorgelegten Ausgaben) mit Originalillustrationen, umfangreichen Anmerkungen, einem Nachwort zum weiteren Leben der Autors, zur Rezeptionsgeschichte des Buches sowie einer historischen Fotodokumentation. Die Übersetzerin erläutert den Erfolg des Buches, der an »Onkel Toms Hütte« von Harriert Beecher Stowe anknüpfte, das ein Jahr (1852) früher erschienen war. Sie ordnet das Werk in einen Kreis von rund 80 ähnlichen Autobiographien ein, die seinerzeit eine neue Literaturgattung, die »Sklavenerzählung« (slave narrative), begründeten. Northups Werk erreichte Auflagenzahlen wie kein anderes Werk des Genres, deren Autoren sich der Antisklaverei-Bewegung verpflichtet sahen.

    Die Lektüre der Lebensschilderung von Solomon Northup hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck über das Martyrium eines frei geborenen Amerikaners, der lediglich aufgrund seiner Hautfarbe in die Sklaverei verschleppt wurde. Es handelt sich um die ergreifende Schilderung eines der vielen traurigen Kapitel der amerikanischen Geschichte, die ohne Schwarzweißmalerei auskommt.

    Solomon Northup
    Zwölf Jahre als Sklave
    Übersetzt von Petra Foede
    Kindle 2014
    http://www.amazon.de/dp/B00IOZLT30

  • W. R. Frieling: Tausche Zement gegen Hemingway

    In den frühen 80er Jahren war es für unabhängige westdeutsche Journalisten nicht einfach, Einreisegenehmigungen für die DDR zu erhalten und über dort Erlebtes zu berichten. Einer der wenigen, dem dies gelang ist Rupi Frieling (seinerzeit Westberlin), der nun seine damaligen Reportagen in einem hochinteressanten Band veröffentlicht.

    Im Vorwort erzählt er über die damaligen Arbeitsbedingungen, die sicherlich nicht einfach waren für den Freigeist Frieling, aber er machte das Beste daraus und nahm trotzdem kein Blatt vor den Mund.

    Es folgt ein fundiert wertvoller Überblick über die Geschichte der DDR-Literatur; dabei lassen sich so manche Perlen finden oder erneut entdecken.

    Die Reisereportagen schildern eindrucksvoll ein Land der Leselust, in dem die Einwohner Schwierigkeiten haben, ihren literarischen Hunger zu stillen, besonders natürlich den nach exotischen Köstlichkeiten, die nicht unbedingt im Kulturkaufhaus des sozialistischen Realismus zu finden sind.

    Mitunter amüsant fand ich die beschriebenen Bemühungen der DDR-Oberen, bei den von ihnen vereinnahmten großen Denkern wie Goethe, Luther oder Karl May möglichst nur das herauszupicken, was ins sozialistische Weltbild passt; mich erinnert das frappierend an die politische Korrektheit unserer Tage, in denen Klassiker und Schulbücher umgeschrieben werden müssen, um vermeintliche Diskriminierungen zu vermeiden.

    Trotz solch aberwitziger Versuche war die DDR wahrlich kein Volk von Literaturbanausen, sondern im Gegenteil ein Land der Leselust, wie Frieling auch im Vorwort resümiert. Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Besuch in Ostberlin, als ich keinerlei Schwierigkeiten hatte, das unfreiwillig erhaltene Begrüßungsgeld in Literatur zu investieren; beeindruckend dort die Vielzahl anspruchsvoller politischer Bücher (auch aus der BRD), die im Westen ein Schattendasein fristeten, wenn sie denn überhaupt erhältlich waren.

    Frieling legt mit diesem Buch ein wichtiges Stück Zeit- und Kulturgeschichte aus einem Land vor, von dem man heute leider immer weniger weiß und das ist schade.

    Wilhelm Ruprecht Frieling
    Tausche Zement gegen Hemingway:
    Berichte zur Literaturgeschichte der DDR

    Internet-Buchverlag; Auflage: 1.0 (21. April 2014)
    ASIN: B00JV3BRH2

  • Zum Tod von Gabriel Garcia Marquez - ein paar persönliche Worte

    "Wir müssen lernen, stark zu werden, ohne die Zärtlichkeit zu verlieren". Diesen Aufruf von Che Guevara zitierte Gabriel Garcia Marquez - GABO, wie ihn seine Landsleute liebe- und respektvoll nannten - im Vorwort meiner Ausgabe von Hundert Jahre Einsamkeit.

    Hundert Jahre Einsamkeit - Cien Anos de Soledad. Das wichtigste Buch meines Lebens. Das Buch, welches seit Jahrzehnten immer griffbereit neben meinem Bett liegt. Das Buch, welches ich unzählige Male gelesen habe, nicht immer chronologisch, manchmal auch nur in Auszügen. Immer, wenn ich einen Rat brauche, einen Fingerzeig, greife ich zu diesem Buch. Lasse mir von Ursula eine ihrer Geschichten erzählen, folge Amarantha in ihren Träumen, ziehe mit den diversen Aurelios, Aurelianos und dem Rest der Familie Buendia in ihre unzähligen Schlachten, verliere nie meine Würde, wenn auch sonst schon alles und auch wenn ich keine hundert Jahre alt werde, einsam werde ich nie sein. Denn auch wenn mich keiner sonst begleiten sollte, die Bücher, die Worte und ganz besonders die von Gabriel Garcia Marquez werden mich immer begleiten.

    Er ist alt geworden, 87 Jahre alt. Seine letzten Jahre waren nicht gesegnet, möge er nun über den Regenbogen gegangen, sein eigenes Macondo wiederfinden. Für alles, was seine Bücher mir bedeutet haben, an dieser Stelle ein trauriges, aber nicht mutloses Danke dafür und für so vieles mehr.

  • Gabriel García Márquez

    Einer der ganz Großen wird keine neuen Bücher mehr schreiben. Ich bedaure das sehr, aber zum Glück gibt es immer noch einige Werke von ihm, die ich noch nicht gelesen habe; das werde ich jetzt nachholen.

  • Jonas Jonasson: Die Analphabetin, die rechnen konnte

    Jonasson_JDie_Analphabetin_126476 Gibt es ein besseres Konzept für einen Autor, als ein überaus erfolgreiches Konzept – in diesem Fall das des Welt-Bestsellers »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand« – zu wiederholen? Dan Brown macht es, John Grisham zelebriert es bis zur Perversion, und auch Jonas Jonasson strickt seinen zweiten Roman so wie seine überaus erfolgreiche Nummer Eins.

    Jonasson schildert den sagenhaften Aufstieg von Nombeko, einem kleinen schwarzen Mädchens aus Soweto. Sie startet als Latrinenausträgerin, wird bald Chefin über aller Scheiße-Schlepper, dann eine Art wissenschaftliche Hilfskraft und beendet schließlich ihre wundersame Laufbahn als Botschafterin Schwedens in Südafrika. Ihre besten Freundinnen sind drei chinesische Schwestern, die Kunst fälschen und Hunde vergiften.

    Die Schicksalsgeschichte der pfiffigen Schwarzen wird mit viel Humor und diversen satirischen Seitenhieben auf politische Konstellationen jener Tage erzählt. Parallel beschreibt der Autor das Leben eines schwedischen Zwillingspaares. Dies wiederum wird von einem schwärmerisch monarchistisch eingestellten Vater erzogen, der irgendwann anfängt, den König als Objekt seiner Anbetung zu hassen und zum Republikaner umschwenkt.

    Natürlich laufen die Erzählstränge ineinander und die Geschichte kulminiert in Schweden. Mordende Agenten vom Mossad sind auf ihren Spuren, denn Nombeko hat eine Atombombe im Gepäck, die in Südafrika vom Laster fiel. Sie gilt es, loszuwerden. Die tumbe schwedische Polizei bekommt dabei ebenso ihr Fett ab, wenn sie ein angeblich besetztes Haus stürmt wie das Schwedische Königshaus und die herrschende Politik.

    Insgesamt beschert es erneut großes Vergnügen, Jonas Jonasson zu lesen. Es ist dabei müßig, lange abzugleichen, ob sein zweiter Roman an die Stärke seines weltbekannten Erstlings heranreicht. Nein, er reicht nicht daran, denn schon die Ausgangsgeschichte ist sehr viel ernster und sozialkritischer als die Slapstick-Komödie des »Hundertjährigen«.

    Der Autor versteht es dafür ausgezeichnet, Realitäten ins Abstruse zu überdrehen und Situationen derart zu überzeichnen, dass der Leser sich vor Lachen schütteln kann, ohne dabei den politischen Wahnsinn beispielsweise des afrikanischen Apartheid-Regimes zu übersehen.

    Ein amüsantes, flott geschriebenes Buch, das vollkommen zu Recht die Bestseller-Listen anführt.

    Jonas Jonasson
    Die Analphabetin, die rechnen konnte. Roman
    Carl´s Book in der V
    erlagsgrupe Random House 2013
    ISBN 978-3570585122

  • Das Gedankenexperiment des Jonas Winner

    978-3-426-28105-5.jpg.30641568Jonas Winner schreibt intelligente Romane, die den Leser fordern. Im »Gedankenexperiment« befasst er sich in erster Linie mit einer philosophisch-lingustischen Grundfrage der Sprachtheorie. Es geht ihm dabei um die Diskussion, woher die menschliche Sprache eigentlich kommt. Ist es denkbar, dass ein mit unserem Körper verknüpftes »Sprachwesen« in uns haust, das Macht über unseren Geist hat und dem wir – unter geeigneten Umständen – vielleicht sogar begegnen können?

    Stammt also möglicherweise das, was wir sagen, gar nicht von uns, sondern von dieser geheimnisvollen Wesenheit, die unsere gesamte zwischenmenschliche Kommunikation steuert? Und was ist, wenn wir dieses Sprachwesen als dreidimensionales Etwas in uns hocken sehen, es aber nicht (be)greifen können – treibt uns das möglicherweise in den Wahnsinn? Ist der Verlust des Verstandes, beziehungsweise das, was wir darunter verstehen, der Preis, der gezahlt werden muss, um das Wesen zu erkennen?

    Der Forscher Leonard Habich, der in einem verwinkelten Schloss mit unterirdischen Gängen und Gewölben residiert, ist dieser Idee verfallen. Seinen »Verfall« muss Karl Borchert, ein aufstrebender Philosoph, der eine Stelle als dessen Privatsekretär antritt, bald feststellen. Habich will ein bahnbrechendes Werk zum Abschluss bringen, an dem er seit Jahrzehnten arbeitet, Borchert soll ihm dabei helfen. Doch es gibt mehr als gemeinsame philosophische Interessen zwischen den beiden. Denn wie kommt es, dass der alte Forscher seinen jungen Assistenten Borchert und dessen wissenschaftliche Arbeit so genau kennt? Wieso war er ausgerechnet mit seinem Vater, einem Chirurgen, befreundet, der seinen Sohn in jungen Jahren nach einem tragischen Fahrradunfall an einer schweren Kopfverletzung operierte? Was steckt wirklich hinter den Forschungen, die auf dem Schlossgelände betrieben werden? Existiert dort eine Höllenmaschine, die jeden auf eine Irrsinnsreise schickt? Werden eventuell sogar Menschenexperimente gemacht?

    Jonas Winner versteht es, eine vielschichtige wissenschaftliche Theorie in eine durchaus spannende Rahmenhandlung einzubinden. Er versäumt dabei nicht, auf versunkenes Geheimwissen anzuspielen und paradigmenstiftende Verschwörungstheorien einzuflechten. Nicht zufällig spricht Habich Henochisch, eine alte magische Sprache, die auch »Sprache der Engel« genannt wird.

    Philosophen haben wohl immer schon davon geträumt, den eigenen Geist wie ein Besucher betreten und sich darin umsehen zu können, also in sich selbst spazieren zu gehen. Platon, Descartes und Wittgenstein beschäftigten sich mit der Thematik, die zuletzt in wilden Hippiezeiten wieder aufkam, in denen unter Drogeneinfluss (Winner lässt diesen Aspekt allerdings aus) versucht wurde, einen vom Bewusstsein losgelösten äußeren Einstieg in die Innenwelt zu erlangen. Gern wird diese Diskussion mit der Grundsatzfrage verknüpft, wie die Sprache überhaupt entstand und in unsere Köpfe gelangte. Philosophisch delikat dabei ist der Aspekt, dass das Medium, in dem nachgedacht wird identisch ist mit dem Gegenstand, über den nachgedacht wird.

    In diesem Zusammenhang taucht im Roman natürlich auch der berühmte US-Linguistiker Noam Chomsky auf, der mit der »Chomsky-Hierarchie« unter anderem versuchte, eine Metasprache zu entwickeln. Der Forscher machte geltend, dass die Daten, die wir als Kind empfangen, zu dünn seien, als dass allein dadurch etwas derartiges Komplexes wie die Sprache erlernt werden könne. Nach seiner Auffassung muss es eine Art angeborene Sprachkompetenzorgan im Hirn geben, dessen Parameter durch die Eindrücke des Kindes eingestellt werden, vergleichbar etwa mit einem Computer, bei dessen Erstinstallation die Sprache eingestellt wird. Auf diesem Gedanken wiederum fußt Habichs Theorie vom Sprachwesen, das eine Symbiose mit dem menschlichen Körper eingeht.

    Jonas Winners Roman spricht Leser an, die sich für philosophische Paradigmen und Theorien der Sprachentwicklung interessieren. Der Autor macht es als promovierter Philosoph dem Leser dabei nicht ganz einfach, wenn er die Weiterentwicklung von der Seins- über die Bewusstseins zur Sprachphilosophie als »Dreischritt« begreift, dem ein vierter Schritt folgen müsse: »Den Grundgedanken, dass wir gefangen sein könnten, dass wir getäuscht werden könnten, dass jemand absichtlich ein Schild aufgestellt haben könnte, um uns in die Irre zu führen. Den Grundgedanken, das wir erst dann aus einer inszenierten Verwirrung herauskommen, wenn wir begreifen, dass wir Opfer einer Verschwörung sein könnten. Opfer derjenigen, die uns als Gefangene in einer Höhle halten.« (S. 129)

    Vielleicht lässt sich »Das Gedankeninstrument« als Wissenschaftskrimi beschreiben. Denn gut drei Viertel des Werkes könnten auch als populäres Sachbuch zum Thema Sprache durchgehen. Dass er trotzdem die Kurve bekommt und die ganze Geschichte spannend verpackt, ist eine absolute Stärke des Autors.

  • Armin Radtke - Sehnsucht FC Bayern

    Echte Fußballfans wissen nicht erst seit Nick Hornby, dass man sich seinen Verein nicht aussuchen kann, weil man vielmehr von ihm ausgesucht wird. Ein Paradebeispiel dafür ist der Autor Armin Radtke, der – obschon wohnhaft in NRW – im Knabenalter vom FC Bayern auserkoren wurde, sein Schicksal fortan mit diesem Club zu verbinden, und zwar richtig, mit allen Konsequenzen.

    Genau davon erzählt dieses Buch, das die Fußballjahre 1978/79 bis 2010/11 abdeckt, beginnend mit vorsichtigen ersten Annäherungen und selbstgemalten Fahnen bis zum Hardcore-Fan, der schon mal für ein Wochenende nach Hongkong jettet, um dort ein (objektiv absolut unbedeutendes) Freundschaftsspiel des FCB vor Ort zu verfolgen.

    Armin Radtke nimmt den Leser mit auf eine Reise von mehr als 30 Jahren und führt ihn von verregneten Stehplätzen in abbruchreifen Kleinstadtstadien bis zu den Luxuslogen der modernen Fußballtempel, alles wegen des Vereins, mit dem er untrennbar verbunden ist. Dabei erlebt er zwangsläufig sämtliche Höhen und Tiefen (auch die gibt es beim FCB!), die die Welt des Fußballs für den parat hält, der sich ihr ergibt.

    Das Buch ist schwierig zu kategorisieren; teils Autobiographie, teils Versuch der Erklärung der Faszination Fußball und noch vieles mehr. Sprachlich versiert und flott geschrieben ist es nie langweilig, denn trotz teils akribischer Statistiken fehlt nie das nötige Maß an Humor und Selbstironie; der Autor entspricht so gar nicht dem gängigen Bild des Fußballfans, das manche Medien so gerne zeichnen.

    Armin Radtke arbeitet seit mehreren Jahren auch für die Vereinszeitschrift "Bayern-Magazin" und hat in meinen Augen (ich lese dieses Heft als Mitglied auch schon seit Jahrzehnten…) großen Anteil an der erfreulichen Entwicklung von einer Fan-Postille zu einem modernen Medium, das gerade der Historie breiten Raum einräumt. Als Bayern-Insider verzichtet Radtke verständlicherweise auf durchaus mögliche pikante Enthüllungen; die Liebe und Loyalität zum Verein lassen das einfach nicht zu.

    Für Bayern-Fans ist dieses Buch sowieso Pflichtlektüre, aber ich kann es auch den Anhängern anderer Vereine empfehlen, die einen Blick über den Tellerrand riskieren wollen, es lohnt sich. Und denjenigen, die mit Fußball gar nichts am Hut haben, kann es helfen, dieses Phänomen zu verstehen.

    Armin Radtke
    Sehnsucht FC Bayern
    Aus dem Leben eines ziemlich ungewöhnlichen Fans

    Verlag Die Werkstatt GmbH; Auflage: 3. (4. August 2011)
    ASIN: B005FVEFF0

Footer:

Die auf diesen Webseiten sichtbaren Daten und Inhalte stammen vom Blog-Inhaber, blog.de ist für die Inhalte dieser Webseiten nicht verantwortlich.