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  • John Le Carré - Empfindliche Wahrheit (A Delicate Truth)

    John_Le_Carré_Empfindliche_Wahrheit


    In der britischen Kolonie Gibraltar findet eine streng geheime Anti-Terror-Operation statt: Ein islamistischer Waffenkäufer soll entführt werden. Die Drahtzieher: Fergus Quinn, ein hochrangiges Regierungsmitglied, und Jay Crispin, Chef einer internationalen Sicherheitsfirma. Toby Bell, ein Mitarbeiter Quinns, stolpert über die geheime Aktion. Irgendetwas ist an der Sache faul und soll vertuscht werden. Seine Nachforschungen bringen ihn in eine gefährliche Lage. Toby muss sich zwischen seinem Gewissen und der Verpflichtung gegenüber dem britischen Geheimdienst entscheiden.
    [Klappentext]

    "Diese Herren da oben sind ausgezeichnete britische Gentlemen.
    Aber ich versichere Ihnen, sie werden Sie, ohne mit der Wimper zu zucken, töten."

    Zitat aus "Le Silencieux" (Claude Pinoteau, Frkr. 1973; dt. "Ich - Die Nr. 1")

    Nach dem Lesen dieses Romans bleibt die beklemmende Erkenntnis beim Leser zurück, dass das Fundament von überlegenem Recht und höherstehender Moral, auf das wir den Anspruch gründen, als sogenannter "Westen" besser zu sein, nicht mehr existent ist.
    Diese Botschaft ist in John le Carrés Werk zwar nicht neu, sie wird vielmehr bereits in seinem frühen Meisterwerk "Der Spion, der aus der Kälte kam" vermittelt - doch lässt der Autor keinen Zweifel daran, dass mit dem Vorgehen der USA und ihrer Verbündeten nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 eine neue Dimension erreicht wurde.
    Man stellt sich systematisch über jegliches internationale Recht und scheut auch nicht davor zurück, das eigene Rechtssystem auszuhöhlen - dies alles begünstigt durch den rasanten Fortschritt in der Digitalisierung der Welt und die darin veranlagten Möglichkeiten im Zeitalter zunehmender Vernetzung.
    Le Carré lässt keinen Zweifel an dessen Gefahren, wenn seine Protagonisten schließlich zu analogen Mitteln greifen (müssen), um der Allgegenwart eines Überwachungsstaates und dessen Zugriffsmöglichkeiten zu entgehen: Tonbänder, Briefe, persönliche Treffen (vorzugsweise auf dem Lande außerhalb des bekanntermaßen flächendeckend videoüberwachten Londons) - "nur nichts elektronisches".

    Die Einwohner der westeuropäischen Länder und der USA sind schon lange nicht mehr sicher vor Übergriffen ihrer eigenen Staatsorgane.
    Wir müssen die Bedrohung unserer Freiheit nicht mehr nur im Ausland oder in Terroristenkreisen suchen. Sie trägt kein fremdes Gesicht. Sie geht von Amtsträgern aus, von Personen, die für gewöhnlich gesteigertes Vertrauen der Bevölkerung für sich in Anspruch nehmen dürfen.
    Es ist eine fatale Entwicklung, dass unbescholtene Bürger eines demokratisch geführten Landes nun befürchten müssen, gerade von denjenigen, welche sie zu beschützen vorgeben und dazu aufgrund ihrer Funktion auch verpflichtet sind, bespitzelt, verschleppt oder gefoltert zu werden. Und selbst für politische Morde müssen wir den Blick nicht mehr in die Ferne schweifen lassen; sie können auch vor der eigenen Haustür geschehen, wie le Carré uns vor Augen führt.
    Doch wenn wir "Sicherheit" nur zu diesem Preis haben können, dann ist er zu hoch - denn er bedeutet im Ergebnis nichts anderes als einen bloßen Austausch der Täterschaft: Für das Opfer ist es schließlich völlig unerheblich, ob es im Auftrag einer Terrororganisation oder eines Staates entführt oder gar getötet wird.

    John le Carrés jüngster Roman ist ein Werk, dem man die Wut des Autors anmerkt - und das darum umso authentischer wirkt und einen Anstoß zu einer Debatte liefern könnte, die in der notwendigen Intensität erst noch geführt werden muss - denn ein "Aufwachen" der Bevölkerung, welches die unabdingbare Voraussetzung hierfür wäre, ist bislang ausgeblieben.

    Mit Toby Bell und Christopher "Kit" Probyn - der eine am Anfang seiner Karriere als Beamter im britischen Außenministerium, der andere am Ende derselben - hat le Carré einmal mehr zwei Durchschnittsmenschen zu Protagonisten der Handlung erhoben.
    Wie einst George Smiley üben sie den Beruf des Beamten im Dienste ihrer Majestät trotz bisweilen aufkommender Zweifel mit Überzeugung aus (Probyn wähnt sich auf Gibraltar für einen Augenblick gar - voller Stolz, seinem Lande einen Dienst erweisen zu können - in der Tradition von Größen des Empire wie Horatio Nelson) - nur sehen sie ihre Position neuerdings infrage gestellt.
    Optimierung lautet das Zauberwort, und dies bedeutet dem Zeitgeist entsprechend Privatisierung auch solcher Tätigkeiten, welche bis dato selbstverständlich von staatlichen Stellen ausgeübt wurden und die aufgrund ihrer besonderen Sensibilität auch in keinen anderen Händen als denjenigen demokratisch legitimierter Institutionen liegen sollten.
    "A Delicate Truth" verweist hier vor allem auf das Problem der Beauftragung privater Militärdienstleister zur Durchführung von Operationen, welche ansonsten von Einheiten der regulären Streitkräfte wahrgenommen würden. Besonders heikel wird diese Vorgehensweise dann, wenn die Dienstleister ihrerseits von politischen Lobbys getragen werden. So wird das Unternehmen Ethical Outcomes im Roman von christlich-konservativen Fundamentalisten US-amerikanischer Herkunft kontrolliert.

    Am Beispiel von Sir Christopher Probyn wird die Geschichte eines alternden Mannes erzählt, welcher sich in dieser veränderten Welt der Außenpolitik nicht mehr zurecht findet:
    Er handelt strikt nach den Regeln der politischen Institutionen, wie er sie einst gelernt hat - auch dann noch, als er längst hinreichend Anlass hat, an deren Integrität zu zweifeln - und fordert gleiches von seinem jungen Mitstreiter Toby Bell. Dabei entgeht ihm allerdings, dass eben diese Regeln gerade bei denjenigen, welche von ihren Untergebenen deren strikte Einhaltung einfordern, bestenfalls noch den Rang unverbindlicher Leitsätze einnehmen, die je nach Bedarf unterlaufen werden.
    Kit Probyns Entfremdung verdeutlicht sich auch an seinen Begegnungen mit der veränderten Umwelt: Er liefert eine handschriftliche Démarche bei einer Behörde ab, die am liebsten keine mehr wäre, deren Leiter nicht mehr als "Staatssekretär", sondern als "Geschäftsführender Direktor" bezeichnet wird, deren Personalabteilung zwischenzeitlich die zynische Bezeichnung "Human Ressources" erhalten hat und deren Mitarbeiter - eine ironische Fußnote zu demjenigen Attribut, welches in der Klischeevorstellung eines britischen Beamten niemals fehlen darf - sich selbst das Pfeiferauchen abgewöhnen mussten.
    Es entsteht ein Bild allgegenwärtiger Entmenschlichung und Kälte.
    Die rechtsstaatlichen Kontrollmechanismen gegenüber dem behördlichen Handeln sind - paradoxerweise im Namen effektiver Verteidigung gerade des Rechtsstaates - einer gewillkürten Erosion ausgesetzt, die sich eben erst im Anfangsstadium befindet.
    Korrespondierend wird eine Geheimjustiz mit Gerichtsverhandlungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit und mit eingeschränkten prozessualen Rechten der Angeklagten aufgebaut.

    Ein Mensch, dem demokratische Werte wirklich etwas bedeuten, muss an dieser Entwicklung notwendigerweise verzweifeln. Und so wird Kit Probyn am Ende als mehr oder minder gebrochener Mann auf die Trümmer eines Rechtsstaates blicken, an den er einmal geglaubt und dem er sein Berufsleben aus vollem Herzen gewidmet hat.
    Wer Recht sucht und sich eine Minimalchance zu dessen Durchsetzung erhofft, muss den Weg an die Öffentlichkeit beschreiten, zum Whistleblower werden - etwas, zu dem sich Kit Probyn nicht bereitfinden kann, da er dafür Verrat begehen und somit einen Weg beschreiten müsste, der für ihn als treuen Diener ihrer Majestät schon aus Gründen der Ehre nicht gangbar ist.
    Letztendlich obliegt es dem jüngeren Toby Bell, diesen Weg einzuschlagen - dem es zwar nicht unbedingt leichter fällt, der sich aber weniger durch Tradition und Ehre gebunden fühlt.

    John le Carré, selbst zwischen 1958 und 1964 für die britischen Geheimdienste MI5 und MI6 tätig, bezeichnete den Roman in einem Interview mit dem Daily Telegraph als seinen autobiographischsten seit langem. Toby Bell sei "der ungefähr dreißigjährige aufgehende Stern im Außenministerium Ihrer Majestät, [...] der eifrige und ehrgeizige Bursche, mit dem ich liebäugle, in seinem Alter ebenso gewesen zu sein." Wohingegen Sir Christopher ("Kit") Probyn "ein ziviler Bediensteter des Außenministeriums im Ruhestand ist, der im ländlichen Cornwall lebt," wo auch der Autor seit mehr als 40 Jahren seinen Wohnsitz hat, "in einem Haus auf dem Gipfel eines Kliffs außerhalb von St. Buryan, nahe Land´s End."
    [Jon Stock, "John le Carré gets personal for new novel", The Daily Telegraph, April 5th 2013.]

    "A Delicate Truth" ist einer der bemerkenswertesten Thriller der vergangenen Jahre, welcher die brennendsten - und dennoch für viele in ihrem Gesamtausmaß unbekanntesten - Bedrohungen für Freiheit und Demokratie unserer Zeit verhandelt.
    In der Nebenhandlung werden zudem kritische Schlaglichter auf die Politik von New Labour, infolge derer Großbritannien sich endgültig und sogar aus freiem Willen zum bloßen Verrichtungsgehilfen der USA herabgestuft hat, die Welt der Investmentbanken auf Canary Wharf und das desolate britische Gesundheitswesen geworfen.
    Die Massenüberwachung spielt in dem Roman zwar nur eine untergeordnete Rolle, ihre Existenz wird aber gleichsam vorausgesetzt, ist allgegenwärtig und stets spürbar. Es kann nach der Lektüre keinerlei Zweifel daran bestehen, dass das Monster, welches da vorgeblich zu unserer Sicherheit erschaffen wurde, eines Tages uns selbst fressen wird.
    Wir sollten also damit beginnen, uns Sorgen zu machen und mehr Misstrauen zu zeigen - es ist hoch an der Zeit! -, anstatt uns fortdauernd hinter dem Feigenblatt zu verstecken, wer nichts zu verbergen habe, brauche sich auch nicht zu fürchten.
    Bemerkenswert: "A Delicate Truth" erschien im Frühjahr 2013 und somit gleichsam als Ouvertüre zu den niederschmetternden Enthüllungen Edward Snowdens im Sommer des nämlichen Jahres.
    Dort noch in der Fiktion, hier schon in der Realität: Ein Whistleblower, dessen weiteres Schicksal im Dunkeln bleibt.

  • Mark Watson - Hotel Alpha

    Hotel Alpha Mark Watson

    Das "Alpha" ist eine Institution in London, das außergewöhnlichste Hotel der Metropole und wohl auch sein schönstes. Sein Besitzer, der charismatische Howard York, Selfmademan, Zauberkünstler und Alleskönner, hat sich mit dem Alpha das Reich seiner Träume gebaut. Er ist ein Mensch, der jedem das Gefühl gibt, einfach alles sei möglich. Ganz London liegt ihm zu Füßen und sonnt sich in seinem Glanz und dem seiner Bilderbuchfamilie; der bildschönen Gattin Sarah-Jane, JD, dem ältesten Sohn und Nachwuchsplayboy und dem blinden Adoptivsohn Chas, den Howard dareinst bei einem Brand aus den Flammen gerettet hat.

    Für Chas ist das Alpha noch mehr ein Kosmos im Kosmos als für die anderen. Er geht nicht gerne hinaus in die Welt, ihm reicht der Widerhall, den alles, was draußen geschieht, im Alpha erfährt und er findet Halt in den ganz eigenen Regeln des Hotels. Bis zwei Dinge seinen Horizont erweitern - das Internet im noch jungen Computerzeitalter und die Liebe. Sie alle werden begleitet und behütet von Graham, dem unnachahmlichen, einzigartigen, unentbehrlichen Concierge, Seele und guter Geist des Hauses seit dem Tage seiner Eröffnung.

    Doch ist wirklich alles so einzigartig, so perfekt wie es scheint? Ist das Alpha wirklich aus Träumen und Visionen erbaut oder gibt es da ein dunkles Geheimnis, eine Lüge gar, die in stillem Einverständnis von allen, die das Alpha lieben und glorifizieren, mitgetragen wird? Erste Risse bekommt das ach so perfekte Gebäude mit dem überraschenden Weggang zweier Mitarbeiterinnen, die vor allem Graham und Chas mehr als nur bloße Kollegialität bedeutet haben. Im Laufe der Jahre verliert Grahams Mantra "Je mehr die Dinge sich ändern, desto mehr bleiben sie, wie sie sind" seinen tröstlichen Charakter. Dinge ändern sich und mit ihnen das Licht, in dem der Held erscheint. Und das führt zu einem der wiederkehrenden Lieblingsthemen Mark Watsons: Manchmal sind es unwesentliche kleine Entscheidungen, die im Nachhinein ein furchtbares Gewicht bekommen.

    Einmal mehr ist es dem Briten Mark Watson mit dem "Hotel Alpha" gelungen, einen Kosmos zu erschaffen, den der Leser gerne betritt, mehr noch, von dem er sich wünscht, dazugehören zu dürfen. Die Geschichte des Hotels wird über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten abwechselnd aus der Perspektive Grahams und Chas' erzählt, wobei sie das Hotel nicht nur glorifizieren, sondern geradezu personifizieren. Howard ist ihr Held, der Charakter, um den sich alles dreht. Dennoch erfährt der Leser nichts aus seiner Perspektive, so dass Howard (fast) bis zum Schluß der unangefochtene Entertainer seiner eigenen Vision bleiben darf.

    Obwohl das Hotel vordergründig im Mittelpunkt steht, ist das Hotel Alpha letztendlich eine Familiengeschichte, in eine sehr geschickte, sehr ansprechende Rahmenhandlung gepackt. Der Rahmen des Hotels gibt dem Autor die Gelegenheit, eins seiner größten Talente zu entfalten: Zu zeigen, wie sich Charaktere entwickeln, wie Menschen sich miteinander vernetzen und wie vielfältig sie miteinander verbunden sind. Der Roman entwickelt sich wie eine gehobene Seifenoper für die unterhaltungssüchtige, aber anspruchsvolle Leserschaft. Es gibt die euphorische Anfangszeit, in der alles möglich scheint. Ein Feuer, welches alles beinahe zunichte macht, aber gerade eben nochmal gut ausgeht und so die eigentlich schon da fällige Katharsis um Jahrzehnte verzögert. Den technischen Fortschritt und schließlich eine weitere Beinahe-Katastrophe, die endgültig alle Mitwirkenden zwingt, den Schleier der Illusion zu lüften. Eine großartige Fernsehserie könnte man daraus machen!

    Auch Howard ist nur vordergrüding die Person, um die sich alles dreht. Je weiter die Handlung fortschreitet, desto klarer wird, dass seiin Mythos erst von denen ermöglicht wird, die scheinbar am Rande stehen und "nur" beobachten. Dass der Mythos Alpha, mit ihm der Mythos Howard so lange überlebt, das große Geheimnis so lange gewahrt bleibt, liegt an denen, die es wahren und beschützen, denen die sich nicht trauen, die sie wärmende Illusion aufzugeben. "Wenn das Alpha auch nicht die reale Welt war, so war es doch die, in der wir lebten." Es bleibt die Frage, wie geht man mit Veränderungen um, wie nimmt man sie an, ohne seine ureigensten Überzeugungen zu verraten und sich selber treu zu bleiben?

    Es hat eine gewisse berückende Logik, dass ein Ausnahmeschriftsteller wie Mark Watson, der schon in seinen vorherigen Romanen mit einem ganz eigenen, besonderen und warmherzigen Schreibstil gefiel, mit dem Hotel Alpha einen so eigenen, besonderen, von Warmherzigkeit gekennzeichneten Ort zum Mittelpunkt eines Romas macht. Das Hotel Alpha und seine Eigentümer zeichnen sich durch eine ganz besondere Atmosphäre, einen sehr speziellen Flair aus - ebenso wie die Bücher von Mark Watson.

    Auch im "Hotel Alpha" fällt eines wieder besonders auf: Bei aller Begabung zur Lakonie ist Watson ein Autor, der seine Protagonisten aufrichtig mag. Alle. Ausnahmslos. Auch die, die nicht als Sympathieträger angelegt sind. Watson hat für alles Verständnis, nichts Abseitige ist ihm fremd, er begleitet alle seine Charaktere mit Menschlichkeit und Nachsicht. Watson wirbt fortgesetzt für mehr Empathie und weniger Schubladendenken. Gerade heute - in einer Zeit allzu schnell festgesetzter Urteile - wichtiger denn je.

    Das Hotel Alpha ist ein kluges Buch, nie verliert es seinen optimistischen Unterton. Anspruchsvoll ob der vielen sich kreuzenden Geschichten und handelnden Personen schafft Mark Watson den Spagat zwischen Leichtigkeit und Tiefsinn und gibt dem Leser so ganz en passant den Glauben an die Wunder des Lebens und des Alltags zurück.

    Mark Watson genießt in England auch als Kolumnist, Radio- und Fernsehmoderator sowie als Stand-Up Comedian Kultstatus. Die Briten lieben ihn für seine Unerschrockenheit, seine klaren Worte und seine Experimentierfreude auf allen Gebieten. Früh schon hat er mit seinem Blog die Möglichkeiten, die das Internet ihm zusätzlich bietet, erkannt und genutzt. Konsequenz aus dieser Erfahrung und seiner Experimentierfreude ist nun eine fulminante Idee. Mit dem Schluss des Buches ist noch lange nicht Schluss mit dem Hotel Alpha.

    Auf der liebevoll und sorgfältig gemachten Seite hotelalphastories.de finden sich hundert weitere Stories aus dem Hotel-Kosmos. Eine Geschichte ist nun mal nicht nur auf das beschränkt, was man zwischen zwei Buchdeckel pressen kann. Anstatt das Internet zu verteufeln, nutzt Watson seine Möglichkeiten - ganz so wie Chas' in seinem Roman. Mit den Alpha-Stories hat er die Möglichkeit, seinen Kosmos noch schillernder auszubreiten und - der Leser muss sich nicht nach Ende der Lektüre allzu schnell von der gerade erst liebgewordenen Welt und den ans Herz gewachsenen Helden verabschieden. Der Vorsatz allerdings, das Goodie der 100 Stories nur wohldosiert zu genießen, lässt sich aufgrund des hohen Suchtfaktors von Watsons Geschichtens eher nicht halten.

    Mark Watson 
    Hotel Alpha 
    Wilhelm Heyne Verlag München 2015
    in der Verlagsgruppe Randon House 
    ISBN 978-3-453-26964-4
    352 Seiten 

  • Valentina Freimane - Adieu Atlantis

    Valentina Freimane führte ein Leben, in dem es keinen Mangel an historischen Katastrophen gab. Die Theater-,Film- und Kunstwissenschaftlerin wurde 1922 in Riga in eine lettisch-jüdische Familie hineingeboren und ist heute eine der letzten Überlebenden des Holocaust im Baltikum.
    Adieu Atlantis  
     Ihre Familie war eine der Kunst und Kultur zugeneigte kosmopolitische, wie es sie heute kaum mehr gibt. In ihrer frühen Kindheit pendelte sie mit ihren Eltern zwischen Riga, Paris und Berlin, in der über ganz Europa verteilten Großfamilie werden die verschiedensten Sprachen gesprochen. In Berlin bekleidete ihr Vater die exponierte Stelle des Rechtsberaters der UFA, man residierte nahe des Kurfürstendamms, frühe Stars der erwachenden Leinwandkunst, Regisseure und Schriftsteller waren ständige Gäste der Familie. Das große Vorbild der damals kleinen Valentina war der Filmstar Anny Ondra.

    Mit diesen unbeschwerten Erinnerungen beginnen ihre Memoiren. In Adieu Atlantis blickt Valentina Freimane zurück auf den ersten Teil ihres Lebens. Auf die unbeschwerten, von kultureller Großzügigkeit geprägten Jahre folgten Jugendjahre in Riga, in denen sie die dreifache Okkupation des Baltikums - zunächst durch die noch junge Sowjetunion, dann durch den Einzug der deutschen Wehrmacht und schließlich wieder durch die Rückkehr der Sowjets - durchlitt. Sie verlor ihre Eltern, ihren Ehemann und fast alle weiteren Verwandten. Valentina Freimane selbst fand an verschiedenen Orten Unterschlupf, unter anderem beim Minderheitenpolitiker und Journalisten Paul Schiemann, der im Gegensatz zu den meisten Deutschbalten nicht umgesiedelt war und der ihr während dieser Zeit seine Memoiren diktierte.

    Zunächst aus der Perspektive des unbeschwerten, von allen Seiten geliebten Kindes, später dann aus der Sicht der jungen Frau läßt sie für den Leser in Adieu Atlantis ein spannendes Zeitgemälde entstehen. Ihre Erinnerungen sind ein Zeugnis einer untergegangen Welt, eines versunkenen Atlantis, das bisher in den Geschichtsbüchern wenig Würdigung erfuhr und gerade in unseren Breiten weitgehend unbekannt ist. Daneben sind es auch die Erinnerungen an die ihr Schutz gewährenden Menschen, die einen breiten Raum in ihren Erinnerungen einnehmen und denen sie damit eindrucksvoll Reminiszenz erweist.

    Die Lebensgeschichte Valent?na Freimanes ist eng mit der Geschichte nicht nur Europas, sondern vor allem auch mit der Lettlands verknüpft und eröffnet einen vielschichtigen Blick auf diese Zeit. In der Tat ist es ja so, dass nicht nur immer weniger Zeitzeugen unter uns leben, die noch authentisch von dieser Zeit erzählen können, sondern gerade auch die damaligen Lebenswirklichkeiten im Baltikum und vor allem die der dort lebenden Juden hierzulande weitgehend unerzählt sind. Valentina Freimane schließt eine Lücke und macht nicht zuletzt dadurch Adieu Atlantis so lesenswert.

    Zu Beginn ihrer Erzählungen meint man, ein osteuropäisches Pendant zu den Buddenbrooks vor Augen zu haben. Lebhaft und bildgewaltig erzählt sie vom Glanz vergangener Zeiten, von einem der klassischen Bildung verpflichteten Haushalt. Später dann ändert sich das Bild, wenn sie von der sich unerwartet schnell verändernden Lebenswelt der baltischen Juden, von ihrem lange gehegten Irrtum, durch die lettische Staatsbürgerschaft geschützt zu sein und schließlich vom Untergang einer Hochkultur erzählt. Darüber hinaus aber zeigt das Buch auch - losgelöst vom historischen Kontext - die Wichtigkeit einer Erziehung, in der Kindern Selbstvertrauen und Möglichkeiten zur freien Entfaltung gegeben wird.

    Ihr Buch ist wie ein direktes Gespräch mit einem Zeitzeugen. Freimane ist nicht die größte Schriftstellerin, das gibt sie selbst unumwunden zu. Manchmal strengen ihre Erinnerungen arg an, es fehlt ein wenig an Stringenz und Struktur. Andererseits ist es gerade dies, was ihre Erzählungen so authentisch und wertvoll macht. Es ist, als höre man einer alten Dame zu, die in ihrem Sessel sitzend plaudernd vom Einen zum Nächsten kommt. Es ist wahrhaftig, auch charmant, aber es ist auch streckenweise schwer zu lesen.

    Ihre Erinnerungen sind geprägt von Selbstvertrauen, dazu bemüht sie sich sichtlich, ohne Bitterkeit zurückzuschauen. Auch wenn sie aus der Perspektive des Kindes erzählt, Sachlichkeit, dem Leser die Möglichkeit eigener Urteilsfindung zu geben, ist ihr wichtig. Dabei ist ihr allerdings auch jederzeit bewußt, dass sie ihr Leben sehr privilegiert begonnen hat und ihr das auch so anerzogen wurde. Bei allem durchlebten Leid hat sie diese Attitude bis heute nicht abstreifen können. Sie weiß, dass sie kein Durchschnittsleben gelebt hat und ist stolz darauf. Ab und an kommt es dem Leser so vor, dass sie diese Besonderheit einmal zu oft und zu gerne herausstellt. Aber sei es drum. Es wurde Zeit, dass auch dieser Teil des Holocaust einmal erzählt wurde. Er ist es ebenso wie alle anderen, wesentlich besser dokumentierten Teilbereiche, wert erzählt zu werden. Freimanes Memoiren sind spät erschienen, aber sicher nicht zu spät.

    Man kommt während der Lektüre nicht umhin zu denken, wie traurig es ist, dass diese Welt versunken ist. Was könnte Lettland heute für ein einzigartiges Land sein, wie sehr war es damals multikulturell geprägt! Auf ihre Art nimmt Valentina Freimanes Buch eine Art Vermittlerposition ein. Zu oft werden die Erinnungen an diese Zeit von strikter antifaschistischer Erinnungskultur auf der einen und antibolschewistischer auf der anderer Seite geprägt. Adieu Atlantis ist auch ein Aufruf für Toleranz und Demokratie auf allen Seiten. In der gegenwärtigen Zeit wiederaufkeimender Verfeindung der Ideologien, namentlich in der Debatte über die Ukraine-Krise, könnten ihre Erinnerungen, so sie denn gehört werden, eine Brücke zwischen gegensätzlichen Weltanschauungen bauen. Und schon alleine deshalb sei dem Buch seine kleinen Schwächen verziehen und das Fazit gezogen: lesenswert und aller Ehren wert.

    Adieu Atlantis endet 1945. Aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Valentina Freimane es als überlebende Jüdin großbürgerlicher Herkunft nicht leicht in der Sowjetunion. Dennoch machte sie eine bemerkenswerte Karriere. Als promovierte Kunstgeschichtlerin arbeitete sie an der Lettischen Akadiemie der Wissenschaften. Ihre Verbindungen und Beziehungen ermöglichten es ihr, eine ihrer großen Leidenschaften, das Kino, mit ihren Studenten zu teilen und Filme aus den Teilen der Welt zu beschaffen, die sonst in der Sowjetunion nicht gezeigt wurden. Viele verehren sie bis heute für das von ihr so geschaffene Fenster zu einer ansonsten abgeschnittenen Welt. Bis heute lebt sie sowohl in Riga als auch immer wieder in Berlin.

    Valentina Freimane
    Adieu Atlantis
    Wallstein Verlag 2015
    332 Seiten

  • Norman Nekro Ein Nachruf

    Ein Freund ist gegangen.
    Plötzlich und unerwartet.
    Er wurde zum Wanderer zwischen den Welten.
    Seine schriftlichen Werke hat er uns in dieser Welt hinterlassen.
    Sie sprechen eine poetische Sprache.
    In seiner Kurzgeschichte "Der Tanz des Pfauenauges" beschreibt er das kurze, glückliche Leben dieses Symbols für Metamorphose.
    Es wirkt in nachhinein betrachtet wie eine Vorahnung.
    Zitat
    " Nicht das kleinste Wölkchen am tiefblauen Himmel stört die festliche Stimmung, in der die bereits von der Wehmut des Abschieds durchtränkten Strahlen der göttlichen Lebensspenderin die atemberaubende Farbenpracht des nahen Waldes mit einem fast unirdischem Leuchten verstärken."

    Zu wenig weiss ich über ihn, doch seine Symbole und seine Sprache kann ich deuten, sie brachte ihn mir nah.
    Durch sie entstand ein Gefühl von Nähe, von Freundschaft und Verständnis.

    Hoffentlich schöpfen diejenigen, die er hinterließ und die um ihn weinen ebenso Hoffnung aus seinen Werken.

    Über den Mensch, der hinter dem Pseudonym Norman Nekro stand, kann ich nichts sagen, nur das er sich freute, nun endlich in Rente, sich ganz dem schreiben widmen zu können.

    Traurig bin ich, das er uns verlassen musste.
    Gerne hätte ich noch mehr von ihm gelesen, gerne hätte ich weiter mit ihm über seine Bücher diskutiert, gerne hätte ich gesehen, wie er die Früchte seiner Arbeit erntet.

    Die Welt der Bücher hat einen Verlust erlitten.
    Seine Gedanken zum Leben und Sterben, seine fantastischen Geschichten, seine tiefe Liebe zur Natur und deren Selbstverständlichkeit werden fehlen.

    Ich lege euch seine Werke ans Herz!
    Lest sie, denkt über das Leben nach, seid dankbar, für jeden Tag der euch geschenkt wird.

    Lieber Norman, jetzt weisst du, ob du recht hattest.
    Ob es ein Wechsel der Welten ist und du jetzt in einer anderen Dimension ein anderes Leben hast.

    Ich hier in meiner Welt werde dich nicht vergessen.
    Deine Geschichten und Bücher werden mich weiter begleiten,
    dein Gedankengut mich weiter denken lassen!
    Dafür danke ich dir von Herzen.

    Daphne

  • Wilhelm Ruprecht Frieling - ABC der Verlagssprache

    Der Titel dieses großartigen Nachschlagewerks ist vornehmes Understatement pur, denn es wird weit mehr geboten als das mitunter etwas trockene Fachchinesisch der Verlagssprache und damit ist die Lektüre nicht nur lehrreich, sondern zudem durchaus unterhaltsam; dafür bürgt der Name des Autors.

    Erklärt werden neben der Geheimsprache der Verlage Begriffe aus dem Handwerk des Buchdruckens und –bindens, unterschiedliche Papierarten, Feinheiten der Sprache und Grammatik, diverse Lyrik- und Prosaformen und natürlich alles aus den Bereichen Elektronik und E-Publishing, Frielings aktuell bevorzugte Tummelplätze. Wer also neugierig ist, was sich z.B. hinter »Drelfie«, »Ebarbieren« und »Elefantenrüssel« verbirgt, wird hier rasch fündig.

    Das Werk ist als Taschenbuch und E-Book verfügbar, letzteres bietet neben dem geringeren Preis den weiteren Vorteil, dass man dank der komfortablen Verlinkung zielsicher zwischen den verschiedenen Begriffen hin- und herspringen kann; die Möglichkeiten moderner Technik sind hier voll ausgeschöpft.

    Kaum jemand ist wohl kompetenter und prädestinierter für die Veröffentlichung eines solchen Lexikons als Rupi Frieling, der sämtliche Formen des Schreibens und Publizierens nicht nur von der Pike auf gelernt, sondern während seines gesamten Berufslebens auch praktiziert hat. Das Werk reiht sich nahtlos ein in die lange Linie seiner Bücher für Autoren und ist nicht nur für Self Publisher unverzichtbar.

    Wilhelm Ruprecht Frieling
    ABC der Verlagssprache
    Internet-Buchverlag 2015
    ASIN: B00RW21EN6

  • Die vierzig Geheimnisse der Liebe

    Elif Shafak, Die vierzig Geheimnisse der Liebe
    Kein und Aber pocket, 9783036959122, 12,90€

    Seelenverwandt sind sie, der allseits verehrte und universal gebildete Geistliche Maulana Dschalal ad-Din, genannt Rumi, und der Wanderderwisch Schams-e Tabrizi. In der anatolischen Stadt Komya treffen sich die beiden Männer im Jahre 1244 zusammen und sind fortan unzertrennlich. Sie befruchten sich gegenseitig und ergänzen einander in ihren theosophischen Erkenntnissen. Schams holt den etablierten Gelehrten gleichsam vom Sockel und zeigt ihm die Untiefen des Lebens. Liebe solle das Gerüst des Glaubens sein und das Miteinander der Menschen bestimmen. In sich selbst solle ein jeder Kraft und Frieden finden und jegliche Gewalt verwerfen, sich immer wieder auf die Reise ins eigene Selbst begeben und das Gute wie das Schlechte gleichermaßen annehmen. Doch Rumis streitbare Zeitgenossen und seine liebende Familie beobachten seinen Wandel mit Argwohn. Und obgleich Schams den lediglich regional bekannten Geistlichen Rumi zum später weltberühmten Dichter und Mystiker macht, trachten einige dem unbequemen Wanderderwisch nach dem Leben...
    Die türkischstämmige Autorin Elif Shafak erzählt diese Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln. Neben Rumi und Schams läßt sie auch Rumis Ehefrau, seine Söhne und Pflegetochter, Bettler, Trinker, Huren und andere Mitwirkende zu Wort kommen. So werden Zeitgeist und die Stimmung in der Stadt lebendig sowie der Kontrast zu Rumis wegweisender Lehre von der ewigen Liebe überdeutlich.
    Die weniger mitreißende Rahmenhandlung ist in einer amerikanischen Kleinstadt angesiedelt und kreist um das Schicksal der 40jährigen Ella. Die fürsorgliche Familienmutter möchte nebenher als Lektorin arbeiten und wird gleeich durch das erste Manuskript in ihren Grundfesten erschüttert. "Süße Blasphemie" heißt das Werk und stellt Ellas eingefahrenen Alltag, ihre Ehe und das Verhältnis zu ihren Kindern in Frage. Es geht um den Sufi-Dichter Rumi und seine vierzig Geheimnisse der Liebe...

    Kathrin Kowarsch

  • Zwillinge, kurz nach der Geburt getrennt

    Stephen KingRupi Frieling

    Und beide sind sie erfolgreiche Schriftsteller! :D

  • Und Johnny zog in den Krieg

    122_0-359x400Nach den ersten Seiten blättere ich irritiert zurück, das Lesen fällt mir aufgrund fehlender Satzzeichen im ersten Moment schwer. Ist dieses Buch vielleicht keinem Korrektor begegnet? Hasst der Verlag Kommata? Oder hat der Verzicht auf Interpunktion, von Satzschlußzeichen einmal abgesehen, Methode?

    Eine Rückfrage beim Verlag klärt auf: Dalton Trumbo, der Verfasser des Werkes, setzte in seinem Original die fehlende Interpunktion als bewusstes Stilmittel ein, und die Herausgeber der deutschen Übersetzung wollen diesem entsprechen. Und tatsächlich geht es recht schnell, bis ich in einen permanenten Gedankenfluss eintauche, der von dem US-Autor ausgebreitet wird. Wie ein Mahlstrom zieht mich der ungewöhnliche Text tief in das unheimliche Grauen, das seinen Er-Erzähler umgibt.

    Aus dieser ungewöhnlichen literarischen Erzählperspektive belichtet Trumbo nämlich einen grausigen Film: Johnny Bonham, ein blutjunger amerikanischer Soldat, der in den Krieg gelockt wurde, erwacht in einem Krankenhaus. Nach und nach realisiert er, dass ihm Arme und Beine amputiert wurde, dass er taub ist und sein halber Kopf weggesprengt wurde. Er vegitiert als Torso und fühlt sich bald wie ein Embryo im Mutterleib - Felix Gebhart hat es anschaulich in der Titelvignette gezeichnet. Der Mann, der bewegungsunfähig auf seinem Krankenbett liegt, kommt sich vor, als sei er als ausgewachsener Mensch wieder in den Mutterleib zurückgestopft worden. Doch anders als ein Kind, das ins Leben wächst und eines Tages den Kokon in die Freiheit verlassen darf, wird ihm diese Freiheit nie mehr vergönnt sein. Er ist für den Rest seines Lebens ans Bett gekettet!

    Lediglich Erinnerungen sind ihm geblieben, und so blendet er in Analepsen nach und nach Szenen aus dem Leben eines glücklichen jungen Mannes ein, der in den Krieg zog, um zweifelhafte Werte und Freiheiten zu verteidigen, die nicht die eigenen waren. Als hätte er einen Lotteriegewinn gezogen, zählt er nicht zu den Millionen Opfern, die auf dem Schlachtfeld blieben. Er hat überlebt, und doch ist sein Leben vorüber. Irgendwo in seinem Bauch steckt ein Schlauch, der ihn mit Nahrung versorgt. Lediglich sein Bewusstsein ist noch vorhanden und aktiv, obwohl das niemand registriert. Sein Körper ist unfähig, mit seiner Umwelt zu kommunizieren, und er spürt nur am Vibirieren des Bettes, wann sich eine Pflegerin nähert, um seinen jämmerlichen Rest zu waschen und seine Stümpfe zu versorgen.

    Drei Jahre oder noch länger versucht er, anhand der wenigen Möglichkeiten, die ihm seine eingeschränkte Wahrnehmung erlaubt, die Nacht vom Tag zu unterscheiden, den Stand der Sonne zu erkunden, die unterschiedlichen Schwestern zu erkennen. Er spürt, dass ihm im Nebel seines Zustandes ein schwerer Orden an die Brust geheftet wird und möchte am liebsten laut herausschreien, dass ihm nicht einmal die Freiheit der Entscheidung zugebilligt wird, das Blech aus dem Fenster zu werfen.

    Als er schließlich eine besonders feinfühlige Schwester erspürt, nimmt er mit ihr Kontakt auf, indem er mit seinem Hinterkopf Morsezeichen auf das Kopfkissen klopft. Tatsächlich versteht sie sein Bemühen und mit Hilfe eines Funkers kann er sich mühsam äussern. Johnny schlägt den Ärzten im Funkkontakt vor, seinen verstümmelten Körper als Mahnmal gegen den Krieg auszustellen. So gewänne sein Leben einen Sinn. Doch das verstößt gegen die »Vorschriften« und sicherlich auch gegen alles, was Kriegstreiber und Militärs für wertig halten. Sein Vorschlag wird abgelehnt.

    Dalton Trumbos Anti-Kriegsroman ist neben seiner stilistischen Kunstfertigkeit schon aus dem Grund wichtig, weil die Generationen, die den letzten Krieg überleben durften, inzwischen nahezu ausgestorben sind. Dies mag auch einer der Gründe sein, warum in der jüngsten Geschichte wieder viel von Krieg und Völkerschlacht die Rede ist. Dass dabei die USA, die den bekennenden Kommunisten Trumbo wegen »unamerikanischer Umtriebe« ins Gefängnis warf und ihn als gefragten Hollywood-Regisseur mit Berufsverbot belegte, wieder einmal die führende Rolle spielt, wundert wenig.

    Während also die Amis A-10-Thunderbolt-Kriegs»Warzenschweine« über meinem Kopf nach Deutschland einschweben lassen, lese ich diesen Roman und schaue betroffen in die Zukunft ...

    Dalton Trumbo: Und Johnny zog in den Krieg. Verlag Onkel & Onkel 2012.
    Erhältlich bei Amazon

    Zur Verfilmung

    Nachdem ich den erschütternden Anti-Kriegs-Roman »Und Johnny zog in den Krieg« gelesen hatte, wurde ich von Lesern meiner Rezension auf die Verfilmung des Buches aufmerksam gemacht. Diese stammt – das ist schon ungewöhnlich genug – vom Autor Dalton Trumbo selbst, der damit erstmals mit Hilfe seines Sohnes in den Regiestuhl stieg. Der Film ist auf drei Ebenen gedreht: die Gedanken des menschlichen Torso, der ohne Arme und Beine, blind und taub vor sich hinvegetiert, sind schwarzweiß gehalten. Johnnys Erinnerungen schwimmen in weichgezeichneter Farbigkeit, die Realität des Krieges wurde indes ohne Verfremdung gedreht. So wird verdeutlicht, dass der Film aus der Perspektive eines vollkommen verstümmelten Menschen erzählt, der nur noch denken und über die Schwingungen seines Krankenbettes seine Umgebung wahrnehmen kann.

    Ich kenne in der Literaturgeschichte keinen weiteren Autor, der sein eigenes Werk verfilmt hat. Schon aus diesem Grund verbietet sich eine Diskussion, ob nun Buch oder Film »besser« sind. In diesem Fall wurden zwei gleichberechtigte Kunstwerke aus einer Hand geschaffen, und es ist kein Wunder, dass Film und Buch in den USA, deren absurde Kriegspolitik Trumbo anklagt, indiziert wurden.

    Sehenswert ist die umfangreiche Dokumentation zu Trumbos Leben, die der DVD als Special beigefügt wurde. Hier berichten Weggefährten sowie sein Sohn Christopher über den ungewöhnlichen Autor, der gemeinsam mit Bertolt Brecht und anderen Kunstschaffenden von staatlichen Gesinungsschnüfflern wegen »unamerikanischer Tätigkeiten« angeklagt wurde, ins Gefängnis kam und schließlich Berufsverbot erlitt. Er flüchtete nach Mexiko, von wo aus er unter Pseudonym arbeitete (und u.a. für Kirk Douglas das Drehbuch zu »Spartacus« schrieb).

  • Seiler, Kruso oder Abwaschen auf der Insel

    Lutz Seiler, Kruso, Roman
    Suhrkamp Verlag Berlin, 2014

    kruso
    Da strandet einer auf Hiddensee, den es hinausgeworfen hat aus seinem Leben. Ziellos stolpert er über die Insel und findet schließlich Halt im „Klausner“. Hier wird ihm – nach der obligatorischen Zwischenstation Zwiebelschälen, die er mit Würde absolviert – der Abwasch übertragen, der sich als Dreh- und Angelpunkt des vielbesuchten Urlauberlokals erweist. Im zur Seite steht Alexander Krusowitsch, Kruso, der mit selbstverständlicher, ruhiger Beharrlichkeit durch Hochbetrieb und Inselmythos führt. Raum und Zeit scheinen wie ausgeschaltet. Neben der Versorgung der Gästemassen existiert eine ungleich bedeutsamere Parallelwelt, die von einer eingeschworenen Gemeinschaft gelebt wird. Außenseiter und Gescheiterte, abenteurer und Verstoßene treffen aufeinander, umsorgen sich in symbolträchtigen Ritualen, gehen geheimnisvollen Dingen nach. Das alles umschließende Meer ist Ort der Sehnsucht und des Schreckens. Nur zögerlich durchdringt Neuankömmling Ed, im bürgerlichen Leben Edgar Bendler, das bewährte Geflecht. Kostbar ist ihr Krusos Freundschaft, die mit Gedichten beginntund sein Selbstverständnis auf den Kopf stellt. Als er endlich integriert scheint, beginnt das Netzwerk zu bröckeln, ja, es bricht immer mehr auseinander und Ed sucht zu retten, was zu retten ist. Doch Geschichte ist nicht aufzuhalten...

    Lutz Seiler, Jahrgang 1963, Verfasser von Lyrik und Kurzprosa, spürt der eigentümlichen Atmosphäre 1989 nach. Die Stimmung ist nicht nur unter den intellektuellen Aushilfskräften von Hiddensee angespannt. Die Zahl der Flüchtlinge steigt und führt bald weg vom Weg übers Meer nach Ungarn und Prag.Jahre später läßt Seiler Ed in Kopenhagen nach den unbekannten Opferfluten forschen. Er scheint der Erste zu sein, der merkt, dass niemand die Toten je vermisst. So bewegt der Epilog auf ganze besondere Weise.

    Seilers Schreibstil verrät den sprachsensiblen, bildgewaltigen Lyriker. Poetisch, philosophisch zelebriert er die Darstellung vieler Vorgänge en detail. So wird der Abwasch zum sagenhaften Bild des Gaststättenalltags, zum Kunstwerk, die Suche nach Freiheit zum Mysterium.

    Auch wenn Seiler gelegentlich allzu sehr abdriftet, einzelne Handlungsteile eher abstrus gestaltet sind, er sich in Reflexionen verliert, weiß er alles in allem zu überzeugen, legt einen eindrucksvollen, psychologisch wie sprachlich mitreißenden Roman vor.

    Kathrin Kowarsch

  • Think like a freak - Levitt/Dubner

    freak

     "Le Freak - C'est chic".  Das immerhin wissen wir seit den späten Siebzigern. Aber dass Freaks uns auch den Ausweg aus Alltagsproblemen weisen können - diese Theorie ist verhältnismäßig neu.

    "Alltagsprobleme haben oft ganz andere Ursachen als vermutet" so die Ausgangsthese der amerikanischen Wissenschaftler Steven D. Levitt und Stephan J. Dubner. Ihre Schlussfolgerung: Um Probleme wirklich zu lösen, muss man ganz andere, überraschende Wege einschlagen. Soweit grob zusammengefasst der Inhalt des ersten Bestsellers "Freakonomics" des Autoren-Duos. Seit diesem Überraschungserfolg stehen die Beiden dafür, konventionelle Denkweisen in Fragen zu stellen.

    Aus dem Buch wurde mehr, eine ganz eigene Methode der Problemlösung. Levitt/Dubner gründeten eine Beratungsfirma, die es bis in die in der Fortune 500 gelisteten Unternehmen brachte, sie bekamen ein wöchentliches Radio-Projekt und sogar eine eigene "Football- Freakonomics-"Sparte im amerikanischen National Football League Network. Man kann wohl ohne Übertreibung sagen, dass Levitt/ Dubner mit "Freakonomics" ihre eigene Marke erschaffen haben. Eine Marke, die die Sicht auf die Welt und ihre Dinge ändern kann. Eine Marke, die lehrt, hinter die Dinge zu schauen und die verborgene Seite ans Licht zu zerren. Denn hat man erstmal den wahren Kern eines Problems, einer Diskussion, einer Streitigkeit erkannt, ist der wahre, der richtige, wirklich zielführende Lösungsansatz nicht mehr fern.

    Nun ist die "Handlungsanweisung" auf dem Markt. Mit "Think like a Freak" nehmen Levitt und Dubner den Leser mit in ihren Denkprozeß und zeigen, wie "Anders Denken" geht und zu mehr Kreativität und Produktivität führt. In neun unterhaltsamen Kapiteln bieten die Autoren eine Blaupause für eine völlig neue Art und Weise, Lösungsansätze zu finden und Probleme elegant nicht nur aus der Welt zu schaffen, sondern sogar zu nutzen. Dabei ist kein Thema zu tabu, um nicht als Beispiel zu dienen, wie man sein Gehirn möglichst effektiv umschult. Ihre Anregungen reichen vom Business über Sport bis zu Politik und Philantropie.

    Der althergebrachte moralische Kompaß ist dabei eher Hindernis denn förderlich. Das versteht man spätestens, wenn klar wird, warum nigerianische E-Mail-Betrüger so agieren, wie sie agieren und warum sie dermaßen viel Wert darauf legen, zu sagen, dass sie aus Nigeria stammen. Die Lösung ist so einfach wie verblüffend - und dazu angetan, sie in ein ganz normales Alltagsproblem zu übersetzen. In diesem Sinne leistet "Think like a freak" durchaus gute Dienste, wenn man Lösungsansätze jenseits abgedroschener Wege sucht. Nicht umsonst ist "ergebnisoffen" das neueste Zauberwort, wenn es um Problemlösungen geht.

    Levitt und Dubner sehen die Welt anders. Ihr aufschlussreicher Ratgeber ist flott geschrieben und macht Spaß. Allerdings ist es kein Buch, welches man in einem Rutsch runterlesen kann. Eine Denkpause nach jedem Kapitel schadet nicht. Aber wenn man erstmal akzeptiert hat, dass "Normalos" häufiger falsch als richtig liegen, lässt man sich gerne von den "Freaks" mitnehmen auf einen anderen Weg zur Wahrheit.
    Le Freak - C'est chic. Stimmt immer noch.

    Steven D. Levitt, Stephen J. Dubner
    Think like a freak
    Andersdenker erreichen mehr im Leben
    Riemann Verlag München 2014
    in der Verlagsgruppe Random House
    ISBN 978-3-570-50168-9
    208 Seiten ( ohne Anmerkungen)  
    Auch als Hörbuch und E-Book verfügbar und für diese "Darreichungsformen" sicher besonders gut geeignet

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