• Ginger Baker über Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll

    Ginger Baker in London

    Ginger Baker 01

    Ginger Baker mit 70 anno 2009 in London und vierzig Jahre zuvor in Berlin
    Sämtliche Fotos: ©Wilhelm Ruprecht Frieling


    Ginger Baker gilt in der Rockwelt als der beste Schlagzeuger der Welt. Er lernte von Jazzlegenden wie Phil Seamen, Art Blakey, Max Roach und Elvin Jones und formte mit dem Gitarristen Eric Clapton und dem Bassisten Jack Bruce die erste Supergroup der Rockgeschichte: »The Cream«.

    Zum ersten Mal erlebte ich Baker und die »Cream« 1967 in der Herforder »Scala«. »I feel free« hieß die Hymne dieser Zeit, und mit diesem Hit begann das Konzert. Ginger thronte hinter seinem gewaltigen Ludwig-Schlagzeug mit zwei Bass-Drums und einem fantastischen Arsenal von Zildjan-Becken. Er trommelte sich die Seele aus dem Leib und vollbrachte Wirbel und Breaks in einer Geschwindigkeit und Komplexität, die den Atem stocken ließ. Vor allem seine Arbeit mit zwei Bass-Drums war epochal. Es klang, als ob ein achtarmiger Oktopus spielte. In Sekundenschnelle verwandelten Baker und seine beiden Mitstreiter den Saal in einen Hexenkessel. Nach einigen Rhythm & Blues-Nummern warf er ein mitternachtsblaues, mit goldenen Sternen verziertes Cape ab, kippte nach hinten und setzte sich - nur halb vom Bühnenvorhang verdeckt - einen Schuss Heroin. Kurz darauf sprang er wieder an seine Schießbude, um eines seiner legendären zwanzigminütigen Soli hinzulegen: »Toad«.

    Als gerade mal 15jähriger Hobbyschlagzeuger packte mich die Sehnsucht, es ihm musikalisch gleich zu tun und ein zweiter Ginger Baker zu werden. Im Dachboden meiner elterlichen Behausung drosch ich wie ein kleiner Teufel auf ein mickriges Schlagzeug ein und trainierte komplexe Paradiddles, Mühlen und Wirbel. Meine Nachbarn liefen Amok und wollten mich am liebsten wegsperren.

    Baker war und ist aber nicht nur ein großartiger Drummer, er ist auch ein ebenso schwieriger Charakter. Eine Hassliebe verbindet ihn mit dem ebenso als Choleriker bekannten Jack Bruce. »Cream« brach am ständigen Konflikt der beiden entzwei, und Ginger Baker schuf »Blind Faith«. Zur Premiere der neuen Gruppe trampte ich nach London und erlebte die Truppe mit zehntausenden anderen Blumenkindern am 7. Juni 1969 gratis im Hyde Park. Eric Clapton und Stevie Winwood waren neben Baker die Eckpfeiler der Gruppe.

    ginger baker hellraiser40 Jahre später treffen sich die mittlerweile grauen Blumenkinder in London wieder. Am 4. November 2009 wurde im London Jazz Cafe in Camden Bakers 70. Geburtstag gefeiert, und es wunderte mich nicht, dass Winwood vierzig Jahre später wiederum zur Klampfe griff und mit dem Jazz-Rock-Bassisten Jonas Hellborg, der Saxophon-Legende Pete King und dem Gitarristen Chris Goss den Jubilar begleitete.

    Ginger Baker, der seit vielen Jahren in Afrika lebt, nutzte seinen Auftritt nicht nur, um alte Freunde, treue Fans und langjährige Weggefährten zu begrüßen, er stellte auch seine frisch erschienene Autobiographie »Hellraiser« vor. Nach Clapton und Bruce plaudert damit der dritte »Creamer« aus dem Nähkästchen und schildert sein wildes Leben zwischen Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll. Nun kann Ginger endlich »the true story, as it happened« erzählen.

    Lebensgeschichte von Ginger Baker

    Geboren wird Peter »Ginger« Baker am 18.08.1939 in London. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf und muss früh lernen, seine Fäuste zu nutzen. Der Vater fällt im Krieg, doch er hat Glück mit einem Stiefvater. Bereits im Unterricht fällt der Junge, der gelegentlich schon mal eine Jazz-Schallplatte stibitzt, durch rhythmisches Trommeln auf der Tischplatte auf. Seine Mitschüler glauben, er könne Schlagzeug spielen, und auf einer Fete wird er plötzlich gebeten, eine Probe seines Könnens zu geben. Baker nimmt erstmals hinter einer richtigen Schießbude Platz, legt los und hat augenblicklich seine Bestimmung entdeckt: er will Schlagzeuger werden.

    Doch wie wird man Schlagzeuger? Baker bastelt sich aus einem Spielzeugschlagzeug und Blechdosen ein Drum-Kit, übt darauf und meldet sich auf eine Suchanzeige im »Melody Maker« zum Vorspielen. Den Musikern erklärt er, sein »richtiges« Schlagzeug sei defekt, darum spiele er mit Behelfsgerät. Frechheit siegt! Der gerade 18jährige Baker wird Drummer von »The Storyville Jazzmen« und begründet damit seine Karriere als Profimusiker.

    Kurz darauf lernt er Phil Seamen kennen, der bereits eine Legende des britischen Jazz ist. Seamen bringt ihm aber nicht nur das Schlagzeugspielen näher, er zeigt ihm auch Heroin. Es dauert nicht lange, und Baker zieht alles durch Mund und Nase, was er erwischen kann. Kurz darauf setzt er seinen ersten Schuss. So startet er nicht nur eine Karriere als Drummer sondern auch als Junkie. In Kürze lernt er alle Musiker kennen, die in jener Zeit den Ton angeben. Er spielt mit dem Saxophonisten Dick Heckstall-Smith und Bassmann Jack Bruce als Mitglied der von Alexis Corner geführten »Blues Incorporated«. Mick Jagger, den Baker als unfähig verachtet, darf gelegentlich singen, Graham Bond stößt zu ihnen und vollführt musikalische Kunststücke auf seiner Hammond-Orgel. Bald entsteht aus dieser Formation die legendäre »Graham Bond Organisation«.

    Viele Musiker lehnen Baker trotz seiner allseits anerkannten Fähigkeiten ab, weil er ein bekannter Junkie ist. Sister Morphine sitzt mit ihm am Schlagzeug, und das Übermaß an Drogen, das Ginger konsumiert, lassen ihn ausfällig und unberechenbar gegenüber Freunden und Bandkollegen werden.

    Rasant rauschende Drogenbiographie

    »Hellraiser« liest sich streckenweise wie eine grandios rauschende Drogenbiographie. Baker versucht zwar immer wieder, von den harten Drogen loszukommen, akribisch erzählt er in seiner Autobiographie von insgesamt 29 Entziehungsversuchen mit Methadon im Laufe von 21 Jahren, doch die Sucht ist stärker. Zu Alkohol, Amphetaminen, Heroin und Morphium kommt bald LSD hinzu, jeder nur denkbare Drogencocktail wird gemixt, und die Konsequenzen bleiben nicht aus: im Vollrausch verliebt Baker sich immer wieder, er kommt fast in einem Schneesturm um, bei Rangeleien mit anderen Musikern wird er wiederholt verletzt und verliert sämtliche Zähne, teure Autos werden zu Bruch gefahren, Freunde kommen durch Überdosen um … Baker beschreibt auch die Wesensänderungen, die Bandkollegen durchmachen. Jack Bruce muss wegen unberechenbarer Wutausbrüche aus der Band ausgeschlossen werden, und Graham Bond entwickelt sich von einem eitlen Paradiesvogel, der mit Händen und Füßen mehrere Instrumente gleichzeitig spielen kann, zu einem im Räucherstäbchennebel meditierenden Spiritisten, bevor er schließlich unter den Rädern einer Londoner U-Bahn endet.

    Cream1Baker lernt Eric Clapton kennen und plant mit ihm die Gründung einer eigenen Band. Trotz Gingers Bedenken einigen sich die beiden auf Jack Bruce als Bassisten, und damit sind »The Cream« geboren. Die Band geht in kurzer Zeit ab »like a fucking rocket«. Das Flower-Power-Publikum gerät aus dem Häuschen, wenn die drei Musiker nur die Bühne betreten. Gagen steigen, Säle werden immer größer, und Clapton und Bruce bauen gigantische Boxentürme auf, um mit immer mehr Power zu spielen. Baker leidet bald an Hörproblemen, er hockt zwischen den Lautsprecherwänden und haut immer kräftiger auf Trommeln und Becken, um sich wenigstens noch selbst zu hören. Seine Proteste gegen den infernalischen Lärm werden von den beiden anderen ignoriert. Gestritten wird auch um die Urheberschaft an den einzelnen Titeln, denn sehr demokratisch geht es im »Cream«-Team nicht zu, und es geht um viel Geld.

    1969 trennen sich die Weg der drei Cream-Heroen, und Baker formiert gemeinsam mit Stevie Winwood die nächste Supergroup. Das ist »Blind Faith«, bei der wiederum Clapton mitspielt. Es folgt »Ginger Bakers Airforce« mit der Sängerin Jeanette Jacobs, Gitarrist Denny Laine, Organist Stevie Winwood, den Bläsern Harold McNair und Graham Bond, Rick Grech am Bass und Phil Seamen als zweitem Schlagzeuger. Auch diese Formation hält nicht lange, worauf Baker sein Glück in Afrika versucht, um Abstand zu gewinnen, den Tod seines Freundes Jimi Hendrix, der am Erbrochenen erstickt ist, zu überwinden und von den Drogen loszukommen. Afrika ruft den Drummer, denn Bakers Qualität gründet auf seinem Afrika-Feeling, das seine Spieltechnik unvergleichlich macht. Er hat Afrika im Blut und ist bis heute der einzige weißhäutige Drummer, der auf dem schwarzen Kontinent anerkannt und gefeiert wird.

    Afrika im Blut

    In Nigeria baut Baker das erste Tonstudio Westafrikas auf und spielt mit dem Afrobeat-Star Fela Kuti. Der Nigerianer kommt mit zwei Dutzend knackfrischer Ehefrauen zu den Jazztagen nach Berlin, die er stolz auf einer Pressekonferenz präsentiert, ihnen dann jedoch den Mund verbietet. Beim abendlichen Konzert versackt Baker, den ich an dem Tag fotografiere und interviewe, in einer Spielpause an der Theke im Musikerrestaurant der Philharmonie. Der Meister ist bereits schwer angeschlagen, als der Veranstalter bemerkt, dass alle Musiker auf ihren Plätzen sind und weiter spielen wollen, Baker jedoch fehlt. Der hat plötzlich keine Lust mehr und lässt sich nur widerwillig an seine Schießbude zerren ließ.

    Cream2Bakers Karriere in Nigeria dauert nur kurz, er erlebt ein finanzielles Fiasko und fällt wieder in die Drogenhölle. Getrennt von Frau und Kindern flieht er in die Toskana, um Missernten und eine weitere gescheiterte Ehe ernten zu dürfen. Immer neue Bands entstehen: »Bakers Gurvitz Army, »Masters of Reality«, »BBM«. Er zieht weiter nach Los Angeles, dann nach Colorado, wo er mit der Zucht von Poloponys beginnt. Schließlich siedelt er in KwaZulu-Natal in Südafrika, wo er auf einer eigenen Farm Pferde züchtet, Polo und Schlagzeug spielt und sich mit den Nachbarn anlegt.

    In Mai 2005 kommt es noch einmal zu einem legendären »Cream Reunion« Konzert von Baker, Bruce und Clapton. Drei Tage sind die »Royal Albert Hall« total ausverkauft, Tickets werden zu 1000 Euro gehandelt, und das Trio erlebt Begeisterungsstürme wie in alten Zeiten. Die Band spielt auch noch in den USA, dort brüllt Bruce jedoch Baker plötzlich unvermittelt auf der Bühne an, und die beiden gehen vor dem Publikum offen aufeinander los. »Cream« zerbricht ein zweites, allerletztes Mal.

    Wer »Hellraiser« liest, bekommt einen tiefen Einblick in die innere Welt vieler Superstars von Clapton bis Hendrix. Es ist teilweise erschütternd, wie das wilde Leben zwischen Sex and drugs and rock ´n´ roll wirklich war und was sich hinter den teilweise glamourösen Kulissen abspielte. Diese Autobiographie ist ein Zeitdokument, das seinesgleichen sucht und auch demjenigen, der kein Baker-Fan ist, einen Schlüssellochblick in die Welt von Sex, Drogen und Rock ’n’ Roll gestattet.

    ©Wilhelm Ruprecht Frieling


    Ginger Baker
    Hellraiser. The Autobiography of the World´s Greatest Drummer
    John Blake Publishing, London 2009
    ISBN 978-1-84454-817-0

    Vor vierzig Jahren: Ginger Baker trommelt wie ein achtarmiger Oktopus

  • John Irving – Last Night in Twisted River

    New Hampshire 1954: In einer kleinen Holzarbeitersiedlung verdient sich der verwitwete Koch Dominic (genannt Cookie!) seinen Lebensunterhalt bis eines Tages sein Sohn Danny die Freundin des örtlichen Polizeichefs mit einem Bären verwechselt und kurzerhand pfännt (= mit einer Pfanne erschlägt). Gezwungen zur Flucht verschlägt es die beiden zunächst nach Boston, wo sie in der italienischen Gemeinde rasch heimisch werden und eine neue Liebe (Cookie) respektive eine gediegene Ausbildung (Danny) verpasst bekommen. 13 Jahre hält das fragile Glück, doch dann ist Constable Carl (der mit der bärigen Freundin) ihnen wieder auf den Fersen und sie setzen sich erneut ab, diesmal nach Vermont.

    Auch hier finden sie sich prima zurecht, Cookie experimentiert (nicht nur in der Küche) mit asiatischen Einflüssen und Danny ist inzwischen selbst Vater und auf dem besten Weg, ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden. Den Kontakt zur alten Heimat halten sie über ihren Freund Ketchum, ein grobschlächtiger aber herzensguter Holzarbeiter, der alles tut, um die beiden Exilanten vor dem verrückten und rachsüchtigen Cop zu beschützen. Allerdings können weder er noch eine weitere Flucht bis nach Kanada den unvermeidlichen Showdown nach fast 50 Jahren verhindern; die Dinge nehmen ihren Lauf und es kommt wie es kommen muss…

    Es fällt nicht leicht eine Inhaltsangabe zu liefern, die diesem Epos gerecht wird, denn zu vielschichtig sind die Ereignisse in diesem neuen grandiosen Roman des begnadeten Erzählers John Irving. Natürlich finden wir jede Menge Liebe und Beziehungen, sowie tragische Tode und Verluste, die aber nie zu Bitterkeit führen, da sie als normaler Bestandteil des Lebens empfunden werden. Und natürlich gibt es auch Bären und schwergewichtig skurrile Frauengestalten wie Injun Jane, Six-Pack Pam oder Lady Sky, eine nackte Fallschirmspringerin, die im Schweinestall landet. Überhaupt die Charaktere: Wieder einmal gelingt es dem Romancier, liebenswert warmherzige und humorvolle Gestalten zu erschaffen, die den Leser tief anrühren, mit denen er nur zu gern Freud und Leid teilt und die er mit dem Zuklappen des Buches noch lange nicht vergisst.

    Irvings fulminantes Werk umfasst fünf Jahrzehnte und ganz nebenbei serviert er als Soundtrack zum Leben der Protagonisten die dazu gehörige amerikanische Geschichte. „Last Night in Twisted River” ist somit auch ein politisches Buch; der Autor nimmt zum Beispiel kein Blatt vor den Mund, wenn die Rede auf den vorigen US-Präsidenten kommt. Keineswegs nur deswegen kann ich den Roman uneingeschränkt wärmstens ans Herz legen, denn viel zu selten stößt man heutzutage auf derartigen literarischen Hochgenuss wortwitziger Fabulierkunst. Irving-Fans werden das Epos lieben und für alle anderen ist es die perfekte Chance für den Einstieg in das Werk dieses außergewöhnlichen Schriftstellers. Zu wünschen wäre freilich, dass bald auch den Nobelpreisrichtern die Nordlichter aufgehen und dort nicht immer nur belanglose Brabbler á la Hertha „Lieschen“ Müller prämiert werden.

    John Irving
    Last Night in Twisted River
    Bloomsbury Publishing 2009
    ISBN-13: 978-1408801840

  • Dan Brown: Das verlorene Symbol

    Schon im Prolog von »Symbol« baut Dan Brown enorme Spannung auf: ein mysteriöser Mann hat sich in einen geheimnisvollen Männerorden geschlichen und greift nach der Macht …

    Browns neueste Story ist übersichtlich: Der schon aus seinen Bestsellern »Sakrileg« und »Illuminati« bekannte unverwüstliche Held Robert Langdon, Erfolgsautor von Büchern über Symbole und Religion, wird unter höchster Geheimhaltung von seinem Freund und Mentor Peter Solomon nach Washington gerufen, um einen Vortrag über freimaurerische Symbolistik zu halten. Vor Ort stellt er allerdings fest, einem Verbrecher aufgesessen zu sein, der ihn in seine Gewalt bringen will und offenbar auch schon Solomon gekidnappt hat. Statt eines erwartungsvoll gefüllten Auditoriums trifft er auf Solomons abgetrennte Hand mit dessen wuchtigem Freimaurerring. Diese »Mysterienhand« weist den Weg zu geheimem Wissen, das seit Jahrhunderten gehütet wird und nun offenbart werden soll. Ein Dämon der Finsternis will sich dieses Schatzes bemächtigen und schreckt vor keinem Verbrechen zurück, wobei er es besonders auf die Familie Solomon abgesehen hat (das Warum wird auf Romanseite 672 verraten) …

    Spielhandlung ist Washington D. C., Hauptstadt und Regierungssitz der Vereinigten Staaten. Rund um die drei Gebäude, die das so genannte Federal Triangle in Washington bilden (Kapitol, Weißes Haus und Washingtondenkmal) findet eine atemlose Jagd zwischen Gut und Böse statt, und von Anfang an hat auch die CIA-Chefetage ihre Finger wieder ganz tief mit drin. Geheimlabore explodieren, Täter, Verräter und Attentäter hasten atemlos kilometerlange Gänge entlang, Hubschrauber knattern, und es geht dabei höchst zeitgemäß zu: der Protagonist darf sich im Waterboarding üben, Blackberrys und iPhones blinken in der Dunkelheit, E-Mails und SMS kommen zum Einsatz, und es wird sogar getwittert. Der Autor lässt keinen Trend und keine technische Neuerung aus, er steckt »ganz tief drin« und nutzt das natürlich auch für sein eigentliches Thema: Werbung für die geheimnisvolle Bruderschaft der Freimaurer zu machen.

    Dan Brown bedient mit seinem neuesten Thriller wie schon in seinen früheren Büchern Gralsfanatiker, Verschwörungstheoretiker, Mystiker und Geheimbündler ebenso ausgezeichnet wie Interessenten an Astrologie, Tierkreiszeichen und Sterndeutung. Geschickt baut der Autor eine Fülle von Fakten, Halbwahrheiten und Spekulationen über Geheimnisse von Astrologie und Architektur ein, die dann zwar jeweils sachlich richtig gestellt werden, tatsächlich aber immer neue Fragen aufwerfen. Er erwähnt Gott und das Universum, vermengt geschickt Physik, Philosophie, Bibelsprüche, Bildmetaphern aus Dürer-Gemälden und ein gutes Pfund Zahlensymbolistik. Seine Themen sind das kosmische Bewusstsein sowie das Verschmelzen menschlichen Denkens, das in Wechselwirkung mit Materie tritt und die Frage, ob der konzentrierte menschliche Geist die stoffliche Welt verändern kann.

    Brown serviert neben der abgetrennten Hand einen Todesschrein in einem Keller sowie bizarre Gravuren auf einer Sagen umwobenen Steinpyramide in Schnitttechnik: er schaltet die Handlungsstränge parallel, schneidet sie in kleine Häppchen, die stets mit einem Cliffhager ausgestattet sind und serviert sie wie Kaiten Sushi auf einem endlos scheinenden Laufband. Die insgesamt 133 auf 765 Seiten geschickt miteinander verwobenen Kapitelfetzen lesen sich flüssig und schnell, seine Ortsbeschreibungen zeugen von hoher Sachkenntnis und genauer Recherche. Der Autor versteht es, auch die absurdesten Situationen und Geschehnisse dramatisch aufzubreiten und plausibel klingen zu lassen. Dabei erzeugt er Hochspannung ohne sprachlichen oder gar literarischen Anspruch. (Stephen King nennt seine Erzeugnisse kritisch »Fast Food«, und damit ist einfach alles gesagt.)

    Bereits im Vorfeld der Buchveröffentlichung, die es im Handumdrehen zum Bestseller des Jahres bringen und garantiert in eine paar Jahren mit Tom Hanks in der Titelrolle verfilmt wird, wurden Journalisten von Freimaurern mit Pressetexten bombardiert. Die Angst der international verzweigten geheimnisvollen Bruderschaft, als eine obskure Organisation mächtiger Männer mit mörderischen Motiven dazustehen, ist deutlich. Gleichzeitig nutzen die »Brüder« das Buch, um sich als einen Bund ehrenwerter Philantropen darzustellen, die nie auf die Idee kommen würden, ihre Macht zu missbrauchen. Dass diese in der Geschichte der Freimaurerei, erwähnt sei hier nur die italienische Mafia-Loge P2, oft egoistisch und politisch einseitig eingesetzt wurde, bleibt bei Brown unerwähnt.

    »Mr. Secret«, wie ihn der STERN nennt, kokettiert lieber mit Geheimnissen, und entsprechend geheimnisvoll behandelte der Verlag auch sein Buch, das am gestrigen Eröffnungstag der Frankfurter Buchmesse In einer Art Showdown in einer Mitarbeiterkette von Hand zu Hand an den Stand gereicht wurde … Immerhin gilt es, die für den deutschsprachigen Markt schier unglaubliche Startauflage von 1,2 Millionen Exemplare möglichst schnell zu verkaufen. Der Erfolg scheint vorprogrammiert, weltweit wurden bislang 120 Millionen Dan-Browns verkauft, und es gibt keinen Zweifel, dass sein Erfolgsrezept auch bei Buch No. 5 funktioniert, zumal gemäß seiner Roman-Wahrheit die gesamte Welt von den freimaurerischen Geheimnissen bedroht ist …

    Dan Brown Das verlorene Symbol. Thriller
    Lübbe 2009
    ISBN 978-3-7857-2388-3

    Für alle, die sich im Schnelldurchlauf erinnern möchten, habe ich H I E R alle bisherigen Bücher von Dan Brown kurz beschrieben.


    In seinem Buch rührt Dan Brown die Werbetrommel für eine Grenzwissenschaft namens Noetik. Doch was ist Noetik? H I E R habe ich es beschrieben
    .

  • Gay Talese: Frank Sinatra ist erkältet

    Frank Sinatra hat einen Schnupfen, und der Himmel scheint einzustürzen. Das Debakel droht, weil den Meister eine Erkältung seines größten Schatzes, seiner Stimme, beraubt, und das wird besonders dann gefährlich, wenn es gerade um die Aufzeichnung einer wichtigen Fernseh-Show geht, bei der »Frankie Boy« brillieren muss. 75 persönliche Mitarbeiter beginnen zu zittern, wenn Sinatra ein Taschentuch hervorzieht und sich schnäuzt, seine Filmproduktion, seine Plattenfirma, seine Fluggesellschaft, seine Rüstungsfabrik, seine Immobiliengesellschaft und all die vielen Geschäfte, in die er investiert ist, geraten in Schieflage und fürchten um ihre wirtschaftliche Stabilität. Einen solch kritischen Moment im Leben des vielleicht einflussreichsten Sängers der amerikanischen Popmusik zu schildern, gelang Gay Talese. Der 1932 geborene Autor zählt zu den bekanntesten Vertreter des »New Journalism«, ein literarischer Reportagestil, der höchst subjektiv ist und Wert auf starke literarische Stilmittel setzt, ohne von den Fakten abzuweichen. Diese unverwechselbare Methode setzt der Autor bei seiner Beschreibung Sinatras ein.

    Der eigentliche Clou der Geschichte ist, dass Talese versucht hatte, einen Interviewtermin mit Sinatra zu bekommen, jedoch von dem publicityscheuen Sänger eine Absage erhielt. Der Reporter verbiss sich darauf in das Thema und heftete sich monatelang an den Tross um den Superstar. Dutzende Interviews mit Mitarbeitern und Familienangehörigen flossen in den Tatsachenbericht ein, der von Taleses enormer Beobachtungsgabe lebt. Zur »besten Reportage des Jahrhunderts« kürte das amerikanische Magazin »Esquire« den Text, der den Autor weltberühmt machen sollte. In der Journalistenausbildung gilt die Schilderung heute als genialer Wurf, von der jeder Autor viel lernen kann. Taleses Meisterschaft erweist sich nämlich unter anderem darin, dem Sänger auf Schritt und Tritt zu folgen und mit seiner milieudichten, präzisen Schilderung feinste literarische Qualität zu liefern, ohne ein einziges Wort mit ihm gewechselt zu haben und es den Leser bemerken zu lassen.

    Neben der Titelstory werden in dem neu aufgelegten Bandes neun spektakuläre Storys aus vier Jahrzehnten präsentiert, die pures Lesevergnügen bescheren. »New York: Stadt im Verborgenen« setzt den durch Gotham City streunenden, unabhängigen, für sich selbst sorgenden Straßenkatzen ein literarisches Denkmal. »Deines Nächsten Weib« beschreibt die Welt eines pubertierenden Amerikaners, der sich in einer klerikal-prüden Umgebung in eine Illustriertenschönheit verliebt und nächtens in seinem Bett besteigt. In »Vogueland« seziert der Autor die Innereien der exaltierten internationalen Modezeitschrift »Vogue«, deren RedakteurInnen »bezaubernd« statt »niedlich« sagen, ihre Leserinnen zu einem »Dinner« statt zu einer »Party« laden und einem Veloursledermantel attestieren, er sei »eine willkommene Ergänzung der Garderobe fürs Landhaus« statt »ideal für den Wochenendausflug ins Grüne«.

    In »Die Brücke« verfolgt er eine Truppe aus Zirkusartisten und Nomaden, die von Ort zu Ort ziehen und gewaltige Brücken aus Stahl und glitzernde Hochhaustürme errichten. Städte, in denen ein Bauboom ausbricht, üben eine magische Anziehungskraft auf diese Typen aus, deswegen man die Männer auch »Boomer« nennt.

    Besonders Boxer sind Talese ans Herz gewachsen.
    In »Ali in Havanna« begleitet er anno 1996 den bereits von Parkinson gezeichneten Muhammad Ali zu einem Treffen mit Staatschef Fidel Castro nach Kuba. Das Schwergewicht bringt dem Revolutionsführer dabei einen Taschenspielertrick mit einem künstlichen Daumen bei, den Fidel spontan einstudiert. Wie Talese es dabei mit Worten schafft, ein Bild des Revolutionsführers im Kopf des Lesers zu erzeugen, das ist schon ganz großes Kino!

    In »Der Verlierer« besucht Talese Floyd Patterson, den Ex-Weltmeister im Schwergewicht und öffnet dessen Seele. Er zeigt den einstmals stärksten Mann der Welt als einen sensiblen Fighter, der mit falschem Bart und Haarteilen zu seinen Kämpfen reiste, um im Fall einer Niederlage unerkannt aus der Umkleidekabine entkommen zu können. Er lässt ihn bekennen, ein echter Sieger und zugleich ein erbärmlicher Feigling zu sein und beleuchtet verborgene Kammern der Seele seines Gesprächspartners, der weiß, dass sich erst in der Niederlage das wahre Gesicht eines Menschen zeigt.

    In einem dritten Porträt schließlich schildert der Reporter Joe Louis als einen Mann, der schlecht mit Geld, aber ausgezeichnet mit Frauen und dem Golf-Schläger umgehen kann. Für Amerikas schwarze Bevölkerung gab es »nichts Größeres als Gott und Joe Louis«, und Talese beleuchtet, warum das so war.

    Mit seinem Buch »Ehre Deinen Vater« schuf Gay Talese übrigens die erste und bislang einzige Tatsachenschilderung aus dem Inneren der Mafia. Es ist die Geschichte der Familie Bonnano, die in den sechziger Jahren New Yorks Unterwelt dominierte. Die in dem Band enthaltene Story »Das Verschwinden« schildert die außergewöhnliche Fähigkeit zur selektiven Wahrnehmung, die New Yorks Pförtner auszeichnet: genau in dem Augenblick, als Mafia-Boss Joe Bonanno von rivalisierenden Mafioso vor seinem Wohnhaus entführt wird, ist der Pförtner in ein Gespräch mit dem Fahrstuhlführer vertieft und bemerkt nichts …

    Gay Talese. Frank Sinatra ist erkältet. Spektakuläre Storys aus vier Jahrzehnten
    Edition Freitag Berlin 2009
    ISBN 978-3-936252-26-2
    € 12,80

  • J. R. Moehringer: Tender Bar

    Moehringer_Tender Bar

    Eine Kindheit in Long Island, in einer verrauchten Bar voller liebenswürdiger Gestalten, eine Mutter, die mit lebensklugen Lügen die Moral aufrechterhält, und mittendrin der kleine Junge J.R., der lernt, dass zwischen Bier und Whisky manchmal Welten liegen.
    Ein abwechselnd bewegender und urkomischer Roman über tapfere Kinder, mitfühlende Männer, starke Mütter und die Kraft von Träumen. [Klappentext]

    Die 80er. Erwachsenwerden. Das erste Mal. Die erste Zigarette. Der erste Rausch. Baseball. Immer wieder Frank Sinatra. Unglückliche Liebe und Immer-wieder-Zurückkehren zu einer Frau, wunderschön und auch noch aus einer reichen Familie, die immer wieder untreu wird. Bar-Gestalten, die man einfach lieben muß.

    Autobiographien gibt es wie Sand am Meer, ja, sogar so viele, daß man in diesem Sand direkt ersticken könnte. Möglicherweise hat sich der Fischer-Verlag deshalb entschlossen, die Autobiographie J.R. Moehringers als „Roman“ zu vermarkten; vielleicht geschah es auch, weil sich das Buch geradeso liest wie ein echter Roman; vielleicht aber auch einfach, um ein wunderbares Buch einem größeren Publikum nahe bringen zu können, als dies mit dem Attribut „Autobiographie“ möglich gewesen wäre – denn wen würde schon das Leben eines unbekannten Amerikaners interessieren?
    In jedem Fall ist der „Lapsus“ des Fischer-Verlages“ verzeihlich.

    Tender Bar ist keine normale Autobiographie. Sie beschreibt das Leben, genaugenommen das Heranwachsen, eines durchschnittlichen Menschen mit durchschnittlichen Alltagsproblemen. Sie ist so unglaublich lesenswert, weil wir das Leben des Erzählenden J.R. Moehringer so gut nachvollziehen können. Irgendwie haben wir alle zumindest die eine oder andere beschriebene Situation schon einmal selber erlebt.
    Wir schmunzeln oder lachen sogar darüber, wenn der Protagonist sein erstes Mal beschreibt, das chaotischer kaum verlaufen könnte: Auf einem Felsen in Arizona, alles ist so romantisch, doch dann fehlen die Kondome und er nimmt eine Wahnsinnsfahrt in Kauf, um welche zu besorgen – und wundersamerweise ist die Frau sogar noch da, als er abgekämpft und vom Ab- und Aufstieg im Dunkeln zerschunden wieder auftaucht.
    Wir lachen über die Menschen in der titelgebenden Bar, bisweilen geradezu schrullige Gestalten, doch eigentlich kennen wir sie alle, haben sie irgendwo schon einmal gesehen, denn es gibt sie in jeder Bar, nicht dieselben Menschen natürlich, aber die Typen, für die sie stehen.
    Und dann beantwortet Moehringer noch die Frage, was es zur Zeit des Dallas-Fiebers (eine meiner Lieblingsserien, nur ganz nebenbei) bedeutet, wenn man "J.R." heißt.
    Das Besondere dabei ist, daß dies alles nicht erfunden, sondern wirklich erlebt ist: Wir lesen dieses Buch und lesen über uns selbst – den gewöhnlichen Alltagsmenschen in all seiner dennoch vorhandenen Außergewöhnlichkeit – und lernen, daß das Leben trotz aller Niederlagen lebenswert ist.

    Auszüge:

    „Die beiden kritischen Tests für das Stehvermögen eines Mannes waren Sheryl zufolge Frauen und Alkohol. Wie man auf beides reagierte, wie man beides bewältigte, trug viel zur Bestimmung des Männlichkeitsquotienten bei.“ (S. 159)
    [...]
    „Einer der Infanteristen reichte mir ein Schnapsglas und befahl mir zu trinken. Ich gehorchte. Es brannte. Ein anderer Infanterist reichte mir noch ein Glas. Ich trank es schneller aus. Es brannte noch mehr. Dann verloren die fünf das Interesse an mir und widmeten sich wieder Sheryl. Sie zündete sich eine Zigarette an. Ich sah, wie sie die erste Rauchwolke im offenen Mund hielt wie einen Wattebausch, bevor sie ihn schluckte, und ich dachte: Natürlich – rauchen. Lässig zündete ich mir eine von Sheryls Zigaretten an, als wäre es meine zwanzigste am Tag und nicht die erste meines Lebens. Ich nahm einen Zug. Nichts. Ich musterte die Zigarette und grinste hämisch. Mehr hast du nicht zu bieten? Ich nahm noch einen Zug. Tiefer. Der Rauch traf mein Brustbein wie eine kurze, harte Rechte. Einem ersten euphorischen Schub folgte Hysterie, dann Übelkeit, dann klassische Malariasymptome. Schwitzen. Zittern. Delirium. Ich schwebte über den Marineinfanteristen. Als ich auf die kahlen Stellen in ihren Kurzhaarschnitten hinabsah, dachte ich: Jetzt an die frische Luft. JetztandiefrischeLuft.
    Wie Frankenstein wankte ich zum Hinterausgang. Die Tür klemmte. Ich drückte. Die Tür gab nach und ich fiel in eine schmale Gasse. Eine Backsteinmauer. Ich drückte meinen Rücken an die Mauer. Ach Mauer. Zuverlässige Mauer. Halt mich fest, Mauer. Ich glitt nach unten. An die Mauer gelehnt ließ ich den Kopf nach hinten sinken und versuchte zu atmen. Die Luft fühlte sich erfrischend an. Wie ein Wasserfall. Eine ganze Weile hielt ich mein Gesicht in die Luft, bis ich merkte, daß ich direkt unter einem Rohr saß, aus dem eine grünliche Flüssigkeit spritzte. Ich wälzte mich zur Seite. Die Straßenlichter machten bunte Windrädchen auf den öligen Pfützen in der Gasse. Ich weiß nicht, wie lange ich den Windrädchen zuschaute – eine Stunde? fünf Minuten? –, aber als ich die Kraft fand, aufzustehen und wieder in die Kneipe zu gehen, war Sheryl nicht erfreut. „Ich hab dich überall gesucht“, sagte sie.
    [...]
    Ich sprang aus dem rollenden Auto, rannte ins Haus und übergab mich im Badezimmer. Dann kroch ich ins Bett und klammerte mich an die Matratze, die sich wie ein Soufflé langsam hob. Sheryl kam herein und setzte sich auf den Matratzenrand, obwohl er drei Meter über dem Boden war. Sie sagte, ich würde das ganze Haus wecken. Hör auf zu stöhnen, sagte sie. Mir war nicht bewußt, daß ich stöhnte.
    „Herzlichen Glückwunsch!“, sagte sie oder versuchte es zumindest. Es kam heraus wie: Herzichengelückunsch! „Ins Publicans eingeschlichen. Aus dem Publicans geflogen. Mit M´trosen getrunken. Erste Schigarette geraucht. Bin sehr schtolsch auf dich. Sehr schtolsch.“
    „Bist du der Teufel?“
    (S. 163 f.)

    Fazit: Ein wunderbares Buch voller Lebenswahrheit.

    J. R. Moehringer
    Tender Bar
    Fischer Taschenbuch Verlag 2008
    ISBN-10: 3596176158

  • Die Neshov Trilogie, Anne B. Ragde

    Das Lügenhaus einsiedlerkrebseHitzewelle

    Kurz vor dem Sommerurlaub fiel es mir in die Hände. "Das Lügenhaus" von Anne B. Ragde. Lange ist es her, dass mich ein Buch so unvermittelt und so tief in seinen Bann zog. Selten genug passiert es, dass ich Geld für Hardcover ausgebe, aber in diesem Fall kein Moment des Zögerns. Teil 2,  "Einsiedlerkrebse" und Teil 3, "Hitzewelle", zu meinem grossen Glück  soeben auf dem deutschen Buchmarkt erschienen, mussten unverzüglich her, damit ich ohne Unterbrechung im Bann der Geschichte der Familie Neshov bleiben konnte. Die drei Bücher sind Familienromane im besten, traditionellen Sinn. Manchmal witzig, meistens jedoch schwermütig, oft genug auch sehr dunkel und öfter, als einem lieb ist, von hohem Wiedererkennungswert. Mich hat die Geschichte sehr betroffen und auch traurig gemacht. Zwei Wochen ist es her, dass ich die "Hitzewelle" beendete und noch immer habe ich mich nicht ganz dem Bann der Trilogie entzogen.

    Das Lügenhaus ist zunächst die Geschichte dreier Brüder, dreier sehr ungleicher Brüder. Der Älteste, Tor, als  Schweinezüchter auf dem elterlichen Hof geblieben. Der Mittlere, Margido, alleinstehend, katholisch und Bestatter aus Leidenschaft. Der Jüngste Erlend, ein exaltierter schwuler Schaufensterdekorateur, der mit seinem Lebenspartner Krumme in Kopenhagen ein schwules Leben im Wohlstand führt. Stilmittel aller drei Bücher ist,jedes Kapitel aus einer anderen Sichtweise zu erzählt. Mal erleben wir die Neshov'sche Welt aus der Perspektive Tors, mal aus der Erlends usw. Die drei Brüder sind seit Jahren ohne  Kontakt miteinander und schnell will man wissen, was dazu geführt hat, dass diese Familie so zerrüttet, so zerstört ist und welche Last die drei Brüder mit sich tragen. Das Lügenhaus, welches die alte Bäuerin Anna Neshov um sich herum errichtet hat, bekommt mit ihrem bevorstehenden Tod erste Risse. Am Sterbebett der Mutter begegnen sich die drei Brüder erstmals wieder. Bei ihnen und ihrem teilnahmslosen, von allen verachteten Vater ist Torunn, die uneheliche Tochter des Schweinezüchters, von deren Existenz die anderen erst jetzt erfahren.  Torunn, anfänglich noch eine Randfigur, wird nach und nach ins Zentrum der Erzählungen rücken und sie ist es auch, deren Figur und Geschichte mich am tiefsten betroffen hat. Nach dem Tod der Mutter entscheidet sich die zwanghaft wiedervereinte Familie für ein gemeinsames Weihnachtsfest auf dem düsteren, heruntergekommenen Hof nahe Trondheim. Am heiligen Abend gibt ausgerechnet der bis dato nicht groß in Erscheinung getretene Vater ein Geheimnis preis, dessen verheerende Folgen unabsehbar scheinen.  An dieser Stelle endet das Lügenhaus, quasi mitten im Satz, und die Einsiedlerkrebse schliessen nahtlos an. Diese Technik, die noch viel krasser in den Einsiedlerkrebsen zum Tragen kommt, macht es meines Erachtens im übrigen so gut wie aussichtslos, Band 2 und Band 3 losgelöst von den anderen zu lesen. Die Einsiedlerkrebse lassen zunächst und über einen längeren Zeitraum Hoffnung aufkommen. Hoffnung, die Familie wachse wieder zueinander. Hoffnung, die Brüder und Torunn würden jeder für sich einen Weg zu einem glücklichen, erfüllenden Leben finden. Margido erweitert sein Bestattungsunternehmen, durchlebt eine kurze, für ihn verwirrende Beziehung, aber gelegentlich findet er nun den Weg zum Hof und zu seiner Familie. Torunn erlebt eine heftige Liebe, ist aber seit dem Weihnachtsfest nicht mehr diesselbe und mit einem Teil ihres Herzens immer auf Neshov. Als Tor verunglückt und zunächst ausser Gefecht gesetzt ist, verlässt Torunn kurzentschlossen ihr eigenes Leben und eilt dem Vater zu Hilfe. Erlend und Krumme durchleben eine kurze Krise, die darin endet, dass die beiden beschliessen, gemeinsam mit zwei lesbischen Freundinnen Kinder zu bekommen und eine neue, aussergewöhnliche, aber glückliche Familie zu gründen. Alle sind also mit sich selber beschäftigt, keiner bemerkt, welche Tragödie sich auf dem Hof anbahnt. Das Finale der Einsiedlerkrebse ist verwirrend, bestürzend und völlig unerwartet, auch für den Leser. Im dritten, nahtlos anknüpfenden Teil, legt sich eine Hitzewelle über das Land und den Hof, dessen Bewohner in depressiver Stagnation verharren. "Hitzewelle" handelt vordergründig davon, dass man in seinem Leben und seiner Familie zu Entscheidungen gezwungen wird und davon, wie schwer diese Entscheidungen manchmal zu treffen sind. Wenn man sich als Leser aber auf die Figur der Torunn konzentriert, wie ich es getan habe - einfach, weil ich nicht anders konnte - erzählt das Buch noch von sehr viel mehr. Es erzählt von Schuld, von der Schuld der Lebenden und aber auch von der Schuld der Toten. Es erzählt vom Egoismus der Überlebenden, in diesem Fall Erlend, dessen Figur in Hitzewelle viel Sympathie einbüsst. Es erzählt von der Gedankenlosigkeit, von der Unbekümmertheit, mit der Menschen andere für ihr Leben verantwortlich  machen und ihnen ein Schicksal, ein Leben aufzuzwingen suchen, eben aus dem einfachen Grunde, weil es in ihren eigenen Lebensentwurf besser passt. Margido sieht dies in Anfängen und versucht, diesen halbherzig zu wehren.  Darüberhinaus erzählt uns die Hitzewelle aber auch, was geschehen kann, wenn die Lebenden, in diesem Fall Torunn, eben jene Schuld und jene Verantwortung auf sich nehmen und wiedergutmachen wollen. Das Buch zeigt uns keinen guten Ausweg und es hinterlässt in uns das Gefühl, dass es  aus eben dieser Falle keinen Ausweg und auch keinen wirklichen Neubeginn mehr geben kann.

    Ich empfehle diese drei klugen Bücher uneingeschränkt. Ich empfehle aber auch, sich vor der Lektüre genau zu überlegen, ob man sich der Thematik gewachsen fühlt. Die Geschichte der Familie Neshov bietet kaum eine Lösung, kaum einen Ausweg und sehr wenig Hoffnung.  

    Aber - und diese Bemerkung erlaube ich mir jetzt einfach: Hätte Anne.B.Ragde den Literaturnobelpreis bekommen, ich hätte die Vergabe vehement verteidigt.  In Norwegen wird Anne B. Ragde für ihre Trilogie gefeiert. Die liebevolle Beschreibung der schwulen, glücklichen Partnerschaft zwischen Erlend und Krumme hat die Schriftstellerin überdies in Skandinavien zu einer Ikone der Schwulenbewegung werden lassen.
    Unter dem Titel "Berlinerpoplene" wurde die Geschichte mit riesengroßem Erfolg für das norwegische Fernsehen verfilmt 

    Anne B. Ragde
    Das Lügenhaus, Roman
    Verlag btb HC
    ISBN-13: 978-3442751938
    auch als Taschenbuch
    Einsiedlerkrebse
    Verlag btb
    ISBN-13: 978-3442751679
    Hitzewelle
    Verlag btb
    ISBN-13: 978-3442752256

  • Nobelpreis für Herta Müller???

    Tut mir wirklich leid, aber die Preisverteiler sollten sich einfach einen neuen Job suchen, für mich ist das lächerlich.

  • Nick Hornby, Juliet, Naked

    juliet naked Ob es Hornbys bestes Buch ist, lasse ich dahingestellt.
    Ganz sicher aber ist es sein schrägstes. Und das heißt schon was. Bei all den schrägen Büchern, mit denen Hornby seine beständige Fangemeinde beglückt. Ich denke nur an
    "a long way down" . Ein Buch, an den ein Gedanke genügt, um ein wehmütig-melancholisch-fröhliches Lächeln hervorzuzaubern. Hornby variiert in seinem neuem Roman seine ihm liebsten Themen. Liebe, Musik und natürlich die Überraschungen, die das Leben für jeden von uns bereithält, am ehesten dann, wenn man nicht darauf vorbereitet ist.

    Tucker Crowe, ein amerikanische Singer-Songwriter verschwand 1986 spurlos kurz vor einem Gig. Heute kann er kaum glauben, was er im Internet alles über sich lesen muss. Dort tauschen seine glühendsten Fans - "Crowologen" - Informationen aus, nachdem sie alle Stätten seines Schaffens besucht haben. Sie lesen seine Songtexte rückwärts und tun noch manch andere merkwürdige Dinge, um Hinweise auf seine Person und seinen Aufenthaltsort zu erhalten. Zu den geistigen Führern dieser leicht verblendeten Community gehört auch Duncan, der mit seiner Freundin Annie in einem Kaff an der englischen Ostküste lebt. Duncan und Annie- ein Paar, dessen größte Gemeinsamkeit es ist, immer als letzte in eine Sportmannschaft gewählt worden zu sein. Nach 15 Jahren, gemütlich in Lethargie eingerichtet, hat Annie sich mit diesem Spleen arrangiert.Doch als dann plötzlich, welch eine Sensation, eineUnplugged Version von Crowe's berühmtestem Machwerk
    Juliet, eben  "Juliet, Naked" auf den Markt kommt, stellt sie eigenständig eine Kritik des neuen Albums ins Netz. Duncan ist entsetzt. Für ihn ist dies der Beweis von Annies Ignoranz. Tucker Crowe himself wiederum fühlt sich zum ersten Mal verstanden, und er nimmt Kontakt zu Annie auf . Von der englischen Ostküste nach Amerika und wieder zurück führt diese Geschichte, in der zwei einsame Menschen plötzlich und unerwartet richtungsweisend füreinander werden.

    Neben süffisantenund treffenden Seitenhieben auf durchgeknallte Internet-Communities geht es in Juliet, Naked schlussendlich um die bei Hornby immer wiederkehrende Thematik der Einsamkeit des Menschen, der Sehnsucht nach einem Sinn. Hornbys größtes Talent ist die Fähigkeit, mit sicheren Wortspielen um ein abstruses Thema eine fesselnde Geschichte zu spinnen. Sorgfältig und sicher übersetzt vonClara Drechsler und Harald Hellmann gelingt es auch der deutschen Fassung,mit spannenden, so noch nicht gelesenen Wortschöpfungen zu überraschen. Immer wieder stößt der geneigte Leser auf Sätze, die es auch einzeln wert sind, aufbewahrt zu werden.

    Hornbys Protagonisten sind mit ihm älter und somit auch desillusionierter geworden. Gleichwohl gibt der Autor dem Leser ein erhebliches Identifizierungspotential mit seinen Figuren. Tucker Crowe z.B.  erhält in diesem Roman eine komplett überzeugende Hintergrundgeschichte. Man hört von Leuten, die seinen Namen googeln und versuchen, sich "you and your perfect world" herunterzuladen. Wenn etwas an diesem Buch enttäuscht, ist es sein Ende. Zum Schluss plätschert die Geschichte vor sich hin und das Ende bleibt weitgehend offen. Klar wird nur, weder Annie noch Crowe, geschweige denn Duncan haben sich weiterentwickelt und der am Horizont dräuende Hoffnungsschimmer, auf den man sich bei Hornby sonst immer verlassen konnte -  er bleibt aus.

    So, Mr. Hornby, nachdem ich nun liebevoll in Annie's Fußstapfen getreten bin  und als eine der ersten eine Kritik zu ihrem neuesten Werk in's Netz gestellt habe, die noch dazu auf einzigartige Weise zeigt, wie gut ich Sie und Ihr Werk verstanden habe, sind nun Sie am Zuge. Awaiting your email or comment I still remain yours sincerely Killer Queen.

    Nick Hornby
    Juliet, Naked
    Roman

    Verlag Kiepenheuer und Witsch

    ISBN: 978-3-462-04139-2

  • Richard Laymon: Der Regen

    Laymon_Der Regen

    Nach dem brutalen Mord an einem jungen Schwarzen setzt in der darauffolgenden Nacht über der kalifornischen Stadt Bixby ein mysteriöser schwarzer Regen ein, der in allen Menschen, die von ihm getroffen werden, den unwiderstehlichen Drang zu töten weckt.
    Die Nicht-Getroffenen sehen sich bald in der unangenehmen Lage, sich gegen Leute zur Wehr setzten zu müssen, die sie kennen oder mit denen sie sogar befreundet sind. Doch es gibt auch solche, in denen der Regen nur vorhandene negative Neigungen verstärkt.

    Der Heyne-Verlag hat sich der Werke des 2001 verstorbenen Viel-Schreibers Richard Laymon angenommen, die durch die Bank kontrovers bewertet werden; sein Roman „Die Insel“ wird in zweiter Auflage nur noch gekürzt verlegt, um einer Indizierung seitens der BPjM zuvorzukommen.
    Was den „Regen“ betrifft, der im Original 1991 erschien, kann ich nur sagen, daß es sich hierbei um reinrassige Spannungsliteratur handelt, die zwar stellenweise reichlich blutig daherkommt, jedoch noch unterhalb der Schwelle des Abstoßenden bleibt.
    Ich habe das Buch letzte Woche erworben und in wenigen Tagen durchgelesen.
    Im Grunde handelt es sich um eine Variation des Zombie-Themas, und die Story erscheint deutlich von den Filmen George A. Romeros beeinflußt.
    Laymon stellt dem Leser mehrere Gruppen bzw. Einzelpersonen vor, die an verschiedenen Orten vom Regen überrascht werden und unterschiedlich darauf reagieren.
    Die übelste unter ihnen besteht aus den drei jugendlichen Mördern des schwarzen Maxwell Chidi, die auch ohne Beeinflussung durch den Regen schon tiefste charakterliche Abgründe aufweisen.
    Es gibt die gewissenhafte junge Denise, die als Babysitterin im Haus der Foxworthes vom Regen überrascht wird und sich mit der kleinen Kara verteidigen muß; Karas Eltern, die in einem Restaurant von den „Zombies“ belagert werden, wobei der Vater John – ein Vietnamveteran – zum Helden wird, der den Widerstand vor Ort organisiert, und damit zur absoluten Lichtgestalt des Romans.
    Dann der Polizist Trevor, der verzweifelt mit zwei Frauen im Schlepptau durch die Stadt fährt, um Maureen zu finden, die er liebt – was er ihr just an diesem Abend hatte sagen wollen.
    Die Handlung ist zwar vorhersehbar – dies tut allerdings der Spannung keinen Abbruch. Ärgerlicher ist der Umstand, daß viele der Figuren sich gegen Ende unlogisch zu verhalten beginnen; da wollte der gute Laymon wohl schnell fertig werden.
    Außerdem habe ich es als leichtes Manko empfunden, daß der Regen von Beginn an als Fanal für ein Verbrechen erscheint und gegen Ende sogar noch eine klare Ursache findet. Dabei wissen wir doch, daß Zombies einfach so auftauchen können – ohne eine Erklärung dafür zu benötigen.
    Davon einmal abgesehen jedoch: Klare Kaufempfehlung für alle Freunde des Horrors!

    Richard Laymon
    Der Regen
    Heyne Verlag 2009
    ISBN-10: 3453675541

  • Böse, besoffen, aber gescheit

    Joseph Roth

    Joseph Roth (1894-1939) gilt manchen als ein Wunderrabbi im Kleid des Gentlemans, der mit dem Alphabet heilen konnte, anderen als schiffbrüchiger österreichisch-ungarischer Monarchist, der seinen Kummer über den Niedergang der Habsburger in Hektolitern Alkohol ersäufte. Selbst charakterisierte sich der galizische Jude, österreichische Dichter und katholische Trinker Roth als »böse, besoffen, aber gescheit« und traf damit wohl ins Schwarze.

    Roth, dessen Texte zum Feinsten zählen, was die deutsche Literaturgeschichte zu bieten hat, wurde durch seine Romane »Hiob«, »Radetzkymarsch« und »Kapuzinergruft« berühmt. In der Vor-Hitler-Zeit war er einer der bestbezahlten Zeitungsschreiber Deutschlands, im Exil galt er als einer der kompromisslosesten Gegner des Nazi-Terrors. Doch die politische Entwicklung gab ihm den Rest und machte aus einem fröhlichen Zecher einen zerrütteten Alkoholiker. Schluck für Schluck beging er Selbstmord und verbrannte wie ein bengalisches Feuerwerk. Ein jetzt vorliegender Band mit seinen gesammelten Erzählungen lädt ein, sich mit Joseph Roth zu beschäftigen.

    Als »eine der schönsten Legenden, die im 20. Jahrhundert gedichtet wurde« (Marcel Reich-Ranicki) hinterließ Roth »Die Legende vom heiligen Trinker«, die kurz vor seinem Tod entstand. In dieser Erzählung wird der dem Alkohol verfallene Clochard Andreas von einem Unbekannten mit 200 Francs beschenkt. Die soll er, falls es ihm eines Tages möglich sei, in einer bestimmten Kapelle zugunsten der Heiligen Therese von Lisieux hinterlegen. Andreas geht von seinem unerwarteten Reichtum gut essen, wäscht sich, lässt sich rasieren und besucht ein Café. Dort spricht ihn ein Herr an, der seine schäbige Kleidung bemerkt und bietet ihm einen Job als Möbelpacker an. Als Lohn werden 200 Francs vereinbart.

    Andreas führt die vereinbarte Arbeit gewissenhaft aus und erwirbt, weil er sich bereits einer neuen Klasse zugehörig fühlt, eine lederne Brieftasche. Am nächsten Sonntag geht er zu der Kapelle, um einen Teil seiner Schuld zu zahlen, versackt jedoch in einer Eckkneipe. Dort trifft er auf Karoline, eine verflossene Liebe. In einem Nebel von Hochprozentigem erinnert er sich, wie er vor vielen Jahren aus dem polnischen Schlesien nach Paris kam, da man in Frankreich Kohlenarbeiter suchte. Er hatte bei Landsleuten logiert. Dabei verliebte er sich in die damals verheiratete Karoline, und als ihr Mann sie eines Tages zu Tode schlagen will, schlägt er den Mann tot. Dafür saß er zwei Jahre im Gefängnis, dann folgte sein Absturz in den Alkohol, der ihn bis unter die Brücken von Paris führte. Als ihm in der Nacht die Heilige Therese im Traum erscheint und an seine Schuld erinnert, verlässt er Karoline.

    In der Reihe der Wunder, die Andreas widerfährt, entdeckt er plötzlich einen Tausend-Francs-Schein in der frisch erworbenen Brieftasche. Er wechselt sie in einem Tabac und sieht dort das Foto eines ihm bekannten Landsmanns, der inzwischen zum Fußballstar avancierte. Er spürt diesen alten Kumpel auf, wird herzlich von ihm in die Arme geschlossen, mit frischer Kleidung beschenkt und zum Essen geladen.

    Am Sonntag geht Andreas wieder Richtung Kirche, um der Heiligen Therese ihr Geld zu erstatten. Doch dort trifft er auf einen weiteren Freund aus der Vergangenheit, Woitech, dem er sein gesamtes Geld schenkt, um ihm aus einer angeblichen Not zu helfen. Und wieder fließt Alkohol in Strömen.

    Nun kreuzt erneut jener Herr seinen Weg, der ihm die ersten 200 Francs geschenkt hat, und der Mann schenkt ihm erneut Geld. Das verzehrt Andreas in einer Bar. Am Sonntag geht er wieder voll guter Vorsätze zu der Kapelle. Ein Polizist spricht ihn unterwegs an und überreicht ihm eine fremde Brieftasche, die er angeblich verloren habe. Darin liegen 200 Francs. Ein Kumpel verleitet ihn jedoch erneut zum Saufen, bevor Andreas die Kirche betreten kann. An der Theke kippt er plötzlich um und wird in die gegenüber liegende Sakristei geschleppt, wo er mit einer Bewegung, als wollte er in die linke innere Rocktasche greifen und seine Schulden zahlen, einen letzten Seufzer tut und stirbt.

    Mit dieser wunderschönen Novelle setzt sich Roth mit seiner eigenen Trunksucht auseinander und macht dabei immer wieder die Ehrenhaftigkeit deutlich, die ihn sein gesamtes Leben auszeichnete. Nach der »Legende vom heiligen Trinker« schrieb der Autor nur noch ein letzte Erzählung, »Der Leviathan«. Darin geht es wieder um einen im Grunde ehrenhaften Mann, den Korallenhändler Nissen Piczenik. Dieser Mann glaubte, dass die Korallen, mit denen er sein Leben lang handelte, lebendige Wesen seien, die Jehova dem Leviathan anvertraut habe, der sich auf dem Urgrund aller Wasser ringele, und die Verwaltung über alle Tiere und Gewächse des Ozeans, insbesondere über die Korallen, ausübe. Piczenik wird jedoch durch einen Konkurrenten, der künstliche Korallen aus Zelluloid zu einem Spottpreis verkauft, aus der Bahn geworfen und letztlich zum Trinker, bevor er auf dem Boden des Meeres mit seinen geliebten Korallen eins wird.

    Traurige Figuren und unglückliche Schicksale sind es, die Roth in seinen Erzählungen beschreibt. »Jede Seite, jede Zeile, ist wie die Strophe eines Gedichts, gehämmert mit dem genauesten Bewusstsein für Rhythmus und Melodik«, schrieb sein Freund und Gönner Stefan Zweig über den Autor, der mit nur 44 Jahren verschied und uns ein fulminantes Werk hinterließ.

    Joseph Roth. Die Erzählungen
    Kiepenheuer & Witsch Köln 2008
    ISBN 978-3-462-03971-9
    400 Seiten • Sonderausgabe • € 10,00

  • Peter Stamm: Agnes

    Stamm_Agnes_Fischer

    Der Roman beginnt mit den Worten „Agnes ist tot“. Daraufhin berichtet der namenlose Ich-Erzähler, ein etwas über 40jähriger Schweizer mit vorübergehendem Aufenthalt in Chicago, wie es dazu kam; wie er der fast zwanzig Jahre jüngeren Amerikanerin Agnes in der Bibliothek der Universität begegnet, sie gemeinsam eine Zigarette rauchen gehen, miteinander Kaffee trinken und daraus eine Beziehung wird.
    Alles läuft gut, bis Agnes den Erzähler bittet, eine Geschichte über sie beide zu schreiben. Irgendwann widersteht er der Versuchung nicht und beginnt, ihr gemeinsames Leben in der Fiktion fortzuschreiben – mit fatalen Folgen …

    Auf den Roman Agnes stieß ich zufällig. Die Geschichte interessierte mich sogleich, weil sie sich auf den ersten Blick im Studentenmilieu und damit auf einem vertrauten Terrain abzuspielen schien.
    Das ziemlich kurze Buch las ich innerhalb von wenigen Tagen und war begeistert: Trotz der knapp 150 Seiten wartet Peter Stamms literarisches Debüt mit einer enormen Dichte und einer Vielzahl von Deutungsansätzen auf, welche eine herrliche Spielwiese für Interpretationsfreudige (wie mich) abgeben. Das ist umso erstaunlicher, als Agnes in einem äußerst schlichten, leicht verständlichen, ja, beinahe kargen Stil geschrieben ist. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich ein feines Netz von Symbolen, Metaphern und Anspielungen, mit welchem Peter Stamm den Text durchwoben hat.
    Der oberflächlich sich glücklich entwickelnden Beziehung zwischen Agnes und dem Erzähler wohnt auf dieser Ebene von Beginn an das Moment des Vergänglichen inne; Stamm lässt keinen Zweifel daran, daß in der beschriebenen Atmosphäre der Kälte keine Liebe gedeihen kann.

    Die Handlung gehört thematisch ins Umfeld der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, die von den Alltagsnöten des modernen Menschen erzählt und dabei vorzugsweise Einsamkeit, Beziehungsunfähigkeit, Kälte der Umgebung und Entfremdung in großstädtischer Umgebung zum Gegenstand hat.
    Vergleichbar sind hier beispielsweise die Werke von Zoe Jenny (Das Blütenstaubzimmer) und Judith Hermann (Sommerhaus, später; Nichts als Gespenster).
    Viele tun diese Themen mittlerweile als literarische Modeerscheinung ab – ich bin der Meinung, daß es sich hierbei um ernsthafte Probleme unserer Zeit handelt, die zu Recht häufig im Zentrum aktueller literarischer Werke stehen.

    Agnes hat mich so sehr begeistert, daß ich ihm zwei weitere – nicht weniger empfehlenswerte – Bücher von Peter Stamm folgen ließ, nämlich die Erzählungssammlung Blitzeis und den Roman An einem Tag wie diesem. Der Erzählband In fremden Gärten wartet noch ungelesen im Bücherregal.
    Fazit also: Agnes ist ein herausragender Roman und Peter Stamm gehört seit neuestem zu meinen favorisierten Schriftstellern.

    Peter Stamm
    Agnes
    Fischer-Verlag 2009
    ISBN-10: 3596179122

  • Die souveräne Leserin

    Zufällig besucht die Queen einen Bücherbus, der vor ihrer Palastküche parkt und lernt dort Norman Seakins kennen, einen lesehungrigen Küchenjungen. Angetan von seiner Begeisterung für Literatur befreit sie ihn vom Tellerwaschen und ernennt ihn zu ihrem persönlichen Amanuensis. Als literarischer Assistent bekommt der karottenköpfige Junge einen Stuhl nahe dem Büro der Queen und verbringt seine Zeit zwischen der Erledigung kleiner Aufträge mit Lesen.

    Angeregt durch die Zufallsbekanntschaft liest die Queen immer mehr und verliert schnell ihr Interesse an höfischen Pflichten. Das stößt auf den Widerstand ihres Hofstaates, der meint, Lesen zähle nicht zu den Kernkompetenzen einer Monarchin und sei lediglich Zeitvertreib. Die Königin liest fortan, weil sie sich zu ergründen verpflichtet sieht, »wie die Menschen sind«. Im Umgang mit Büchern fühlt sie sich als Gleiche unter Gleichen, denn Bücher buckeln nicht und verhalten sich republikanisch gegenüber ihren Lesern.

    Ihre Leselust wird zum Lesefrust ihrer Umgebung, die ungern mit Gewohnheiten bricht. Künftig fragt sie nämlich jeden, dem sie Audienz gewährt, was er denn gerade lese und will sich außerdem mit Staatsgästen über Literatur unterhalten. Ihre Begeisterung für ihr neues Hobby wird zur Besessenheit, und ihren offiziellen Verpflichtungen kommt die Monarchin nur noch mit sichtbarem Unwillen nach: »Grundsteine werden weniger schwungvoll gelegt; die wenigen Schiffe, die noch zu taufen waren, sandte sie mit kaum mehr Zeremoniell auf hohe See hinaus, als man ein Spielzeugboot auf den Teich setzt, denn immer wartete ein Buch auf sie.«

    Schon bringen ihr Besucher Bücher statt Blumen mit, im schlimmsten Falle sogar selbst verfasste. Und die Queen liest weiter, sie hat den Eindruck, etwas versäumt zu haben, weil sie erst im Alter das Lesevergnügen entdeckte. Bald will sie die Verfasser der vielen interessanten Bücher persönlich kennen lernen und lädt sie in ihren Palast. Doch dabei stellt sie fest, dass Schriftsteller ebenso sehr Phantasiefiguren ihrer Leser sind wie ihre Romanhelden und belässt es darauf beim Lesen. Schließlich überlegt sie, statt der üblichen Weihnachtsansprache im Fernsehen an ihre Untertanen, ein Gedicht von Thomas Harding vorzulesen.

    Um sie wieder auf den »richtigen« Weg zu bringen, wird Norman von den Hofschranzen an eine Universität versetzt, wo er ein Literaturstudium beginnt. Seine ehemalige Arbeitsgeberin vermisst ihn zwar, erfährt aber nichts von der plötzlichen Wende in seinem Leben. In Ermangelung ihres literarischen Gesprächspartners beginnt sie, ihre Gedanken zu Papier zu bringen und Notizbücher zu füllen. Nun denkt sie ernsthaft darüber nach, selbst zu schreiben … doch ob das einer Monarchin geziemt?

    Alan Bennett schildert in seiner Novelle, wie Lesen Menschen beeinflussen und verändern kann. Er beweist diese These ironischerweise am - natürlich fiktiven - Beispiel der Queen, von der außer repräsentativem Winken kaum Neigungen bekannt sind. Mit seiner Erzählung, die in einer unerwartet konsequenten Wendung mündet, macht er die Monarchin menschlich und liebenswert. So leistet er neben der Aufgabe, schreibend für das Lesen zu werben, gleichzeitig seinen Beitrag als britischer Untertan, seine Königin liebenswert zu machen, indem sie sich vom Souverän zur souveränen Leserin entwickelt.

    Alan Bennett. Die souveräne Leserin • Wagenbach Berlin 2008 • ISBN 978-3-8031-1254-5

  • John Updikes letzter Roman: Die Witwen von Eastwick

    Mehr als 30 Jahre sind vergangen, seit die drei Hobby-Hexen Alexandra, Jane und Sukie zusammen mit dem diabolischen Darryl Van Horne allerlei Schabernack veranstalteten und das Städtchen Eastwick in Aufruhr versetzten. Über das ganze Land verstreut finden sie sich erst wieder, als ihre Ehemänner das Zeitliche segnen. Die neu gewonnene Freiheit nutzend, beginnen sie, sich die Welt anzusehen. Die lustigen Witwen bereisen Ägypten und China und so langsam kehrt sie zurück, die alte Vertrautheit zwischen den Freundinnen und mit ihr die nicht ganz unschuldige Freude an magischen Tricks. Getrieben von nostalgischer Neugier beschließen sie einen Abstecher nach Eastwick, Ort der Jugend und der Erinnerungen, die mit zunehmender Zeit verklärter und harmloser erscheinen.

    Doch in der alten Heimat hat man sie nicht vergessen, es gibt immer noch genügend Leute, die sich an die Geschichten von damals erinnern, Legenden über skandalöse Riten der Magie und Hexerei und so entwickelt sich der geplante Sommerurlaub der Witwen zu einer Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit; einer Auseinandersetzung, der sie sich stellen müssen und die nicht ohne Folgen bleiben wird…

    John Updike war ohne Zweifel einer der größten Romanciers, den die USA je hatten, einer, der wachen Auges die dunkle Seite des amerikanischen Traums beleuchtete und seine Beobachtungen mit spitzer Feder festhielt. In seinem letzten Werk stellt er sein Können noch einmal eindrucksvoll unter Beweis. 25 Jahre nach den „Hexen von Eastwick“ (mehr dazu hier) – die viele vielleicht nur durch die grandiose Verfilmung mit einem Jack Nicholson in Bestform kennen – schickt er seine drei Grazien (inzwischen geplagt von den Freuden des Alters) wieder zurück an den Schauplatz ihrer Schandtaten; eine Reise, die es in sich hat.

    Das Buch besticht vor allem durch die ungeheure Vielfalt und Kreativität der Sprache, jedes Verb, jedes Adjektiv trifft zielsicher ins Schwarze und beschert ein anspruchsvolles Lesevergnügen, das sich eben nicht aus einem Übermaß an Action und einem rasend schnellen Plot speist. Vielmehr sind es die kleinen Dinge, die den Roman so lesenswert machen, seien es höchst amüsante Beschreibungen des Verhaltens von US-Touristen im Urlaub oder die Schilderungen des alltäglichen Kleinstadtlebens unter dem Primat spießiger Vorurteile. Der Tod von John Updike ist ein herber Verlust für jeden Literaturfreund und fordert zu einer intensiven Beschäftigung mit seinem Gesamtwerk auf.

    John Updike
    Die Witwen von Eastwick
    Rowohlt 2009
    ISBN-13: 978-3498068868

  • John Grisham – Der Anwalt

    Kyle McAvoy, ein junger Jura-Student und Hobby-Basketballtrainer blickt in eine rosige Zukunft mit glänzenden Perspektiven: Als einer der Besten seines Jahrgangs hat er die Auswahl zwischen gleich mehreren hoch dotierten Jobs und kann seine Karriere sorgfältig planen, die Welt steht ihm offen. Doch all dies ändert sich schlagartig, als ihn eines Abends geheimnisvolle Unbekannte mit einem dunklen Fleck aus seiner Vergangenheit konfrontieren, eine angebliche Vergewaltigung, zu der jetzt das passende Video aufgetaucht ist. Und weil Erpressung so ein hässliches Wort ist, schlägt man ihm einen Deal vor: Kyle soll bei der größten Kanzlei des Landes einsteigen und geheime Informationen eines Klienten (ein milliardenschwerer Rüstungskonzern) beschaffen, die in einem äußerst brisanten Prozess benötigt werden. Als Gegenleistung dafür würde das kompromittierende Video eingestampft.

    In seiner Verzweiflung lässt sich Kyle darauf ein und begibt sich in die Tretmühle der Konzern-Juristerei, wo in unerschöpflicher Gier rund um die Uhr malocht wird, um die Klienten zu schröpfen. Der Neue findet sich schnell zurecht und erweckt das Interesse seiner Vorgesetzten, die ihm auch heiklere Fälle anvertrauen. Parallel dazu fahndet er nach Verbündeten und versucht, etwas über seine Erpresser in Erfahrung zu bringen. Die Zeit drängt und Kyle benötigt einen raffinierten Plan, denn die andere Seite kämpft mit härtesten Bandagen und schreckt nicht einmal vor Mord zurück...

    Der Altmeister des „legal thrillers“ geht ganz auf Nummer Sicher und setzt auf bewährte Erfolgsrezepte; „back to the roots“ lautet die Devise. Idealistische Jungjuristen, die in den Anwaltsfabriken der Wall Street mit regelmäßigen 20-Stunden-Tagen rasch ihrer Illusionen beraubt und zu allem Überfluss auch noch in kriminelle Machenschaften verstrickt werden? Richtig, Grisham-Kennern fällt bei diesem Plot sofort „Die Firma“ ein, einer seiner größten Hits.

    Das mag nicht sonderlich originell klingen, aber es funktioniert auch diesmal wieder, da der Autor sein Handwerk beherrscht und solide, spannende Unterhaltung bietet. Allerdings hätte ich mir ein höheres Maß Stringenz gewünscht; der Roman startet in flottem Tempo, im Mittelteil wird dann des Öfteren der Leerlauf eingelegt, bevor am Ende der Turbo zündet. Die Protagonisten könnten durchaus mehr Tiefgang vertragen, aber vielleicht lässt sich dieses Manko ja bei der sicherlich unvermeidlichen Verfilmung beheben...

    John Grisham
    Der Anwalt
    Heyne 2009
    ISBN-13: 978-3453266155

  • Wilhelm Ruprecht Frieling – Der Bücherprinz

    Buecherprinz - Umschlag

    368 Seiten • 60 Abbildungen • € 19,80 frei Haus (innerhalb D)
    Erhältlich bei Amazon oder signiert direkt vom Autor

    Zu Papier gebrachte Erinnerungen liegen ja momentan voll im Trend; jeder, der mal irgendwie, irgendwo oder irgendwann seine 15 Minuten Warholschen Ruhm im vermeintlichen Rampenlicht abgreifen konnte, fühlt sich berufen, gleich seine ganze Lebensgeschichte der gepeinigten Öffentlichkeit aufzuoktroyieren und nein, die maskuline Wahl dieser Worte bedeutet keineswegs, dass die holde Weiblichkeit es dabei nicht mindestens genauso wild treibt.

    Zum Glück gibt es aber auch Ausnahmen, Diamanten auf der Kohlehalde, und einen davon habe ich heute die Ehre, hier zu präsentieren: Wilhelm Ruprecht Frieling aka Prinz Rupi, hier als rühriger Alphablogger bestens bekannt, hat endlich seine mit Spannung ersehnte Autobiografie vorgelegt; präzise treffend betitelt als „Der Bücherprinz“.

    In medias res: Geboren 1952 im beschaulichen Katholen-Ort Oelde in Westfalen fällt der frühe Freigeist schon in der Schule auf, da er heimlich unter der Bank Gedichte verfasst. So ist es wenig verwunderlich, dass er sich bald gegen die seit Jahrhunderten institutionalisierten Autoritäten auflehnt, zumal die Zeit dafür wie geschaffen ist: Rockmusik und lange Haare treten als Sendboten der Befreiung auch in der Provinz ihren Siegeszug an (der Autor trifft neben anderen Göttern der Szene Cream und Jimi Hendrix bei Konzerten) und sorgen für eine Revolution in den Köpfen der Jugendlichen, die immer noch unter dem Einfluss von Hitler und Adenauer leiden.

    Nach einem dunkelschwarzen Kapitel (es steht dem Rezensenten nicht zu, darüber zu berichten, bitte selbst lesen!) hält unseren Helden nichts mehr in der wenig heimeligen Heimat und er flieht hinaus in die Welt. London, Jugoslawien und die Türkei sind nur einige der Stationen, bevor er sich 1969 in Westberlin niederlässt, natürlich standesgemäß in einer Kommune mit jeder Menge Sex and Drugs and Rock `n’ Roll. Es sind die Tage der Rebellion, des Kampfes gegen Vietnam-Krieg, Springer-Presse und faschistoide Herrschaftsstrukturen, und Frieling ist mittendrin. Der leidenschaftliche Leser und Schreiber erlernt das Handwerk der Fotografie und ist somit prädestiniert für eine Karriere als rasender Reporter.

    Auftragsjobs jagen ihn nicht nur um die Welt, er sieht sich auch gründlich in der nahen und doch so fernen DDR um, ein Novum in der Zeit des kalten Krieges. Erfolgreiche Projekte glücken ihm zuhauf, zunehmend auch als Verfasser eigener Schriften. Nach dem Ratgeber „Autor sucht Verleger“ (eine Hilfestellung für unbekannte Nachwuchsschreiber) gründet er folgerichtig den Frieling-Verlag unter dem Motto „Verlag sucht Autoren“. Mit dieser erneuten Innovation, Interessenten gegen Bezahlung den Traum vom eigenen Buch zu ermöglichen, erweckt er weltweite Nachfrage; in 20 Jahren werden 3.000 Werke publiziert. 2003 verkauft er den Verlag und ist doch meilenweit vom Ruhestand entfernt…

    „Der Bücherprinz“ ist ein einzigartiges Werk, in dem nicht nur ein entscheidender Abschnitt deutscher Nachkriegsgeschichte anschaulich dokumentiert ist, sondern auch ein wahrlich bewegtes Leben spannend wie ein Thriller erzählt wird. Dabei verklärt der Autor im Gegensatz zu anderen 68ern, die über diese wegweisende Epoche berichten, nie melancholisch; er ist sich nicht zu schade, Fehler und vermeintliche Irrwege einzugestehen. Ehrlich beleuchtet werden auch berufliche und private Schattenseiten, wobei letztere ironisch in kritischer Distanz geschildert, anstatt überhitzt aufgeregt in den Vordergrund gedrängt werden.

    Frielings lebenslange Liebe zum geschriebenen Wort ist auf jeder Seite mit Händen zu greifen und auch mit oft pikanten Fotos wird der begeisterte Leser reichlich versorgt. Dazu gibt es viele kleinere Anekdoten mit berühmten Persönlichkeiten aus Presse, Funk und Fernsehen sowie pointierte Blicke hinter die Kulissen der Eitelkeiten des medialen Kulturbetriebs und so ist diese Autobiographie für mich das Buch des Jahres.

    Bei so viel Lob sei jedoch auch ein leiser Tadel erlaubt: Da der potenzielle Stoff derart umfangreich ist, hätte das Werk gut und gerne die doppelte Anzahl an Seiten erreichen können, ohne den Leser auch nur eine Sekunde zu langweilen. Lieber Prinz, ich fürchte, du musst wohl bald noch `ne Schippe drauflegen...

    Wilhelm Ruprecht Frieling
    Der Bücherprinz
    Internet-Buchverlag 2009
    ISBN-13: 978-3941286504

    L E S E P R O B E

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